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Kinder, die sich wütend auf den Boden werfen, weinen und brüllen: Viele Eltern fürchten sich vor der sogenannten Trotzphase. Die Erziehungsberaterin, Sozialpädagogin und PEKiP-Gruppenleiterin Brigitte Saurenmann aus Zürich macht Eltern Mut.
Die Trotzphase bei Kleinkindern hängt nicht mit dem Austesten von Grenzen zusammen. Foto: © MNStudio | Dreamstime.com
Viele Eltern fürchten sich vor der sogenannten Trotzphase ...
Brigitte Saurenmann: Die Furcht vor der Trotzphase liegt an einem falschen Bild, das sich viele Menschen von ihr machen. Landläufig herrscht die Meinung, Kleinkinder wollten mit ihren Wutanfällen Grenzen austesten und die Geduld ihrer Eltern auf die Probe stellen. Das ist aber nicht der Fall. Eine Trotzreaktion ist keine bewusste Handlung des Kindes. Und plötzlich merkt man vielleicht, dass man sich ganz anders verhält, als man es möchte.
Brigitte Saurenmann: «Die Trotzphase ist für Kleinkinder ein Akt der Verzweiflung.»
Sondern?
Der Begriff «Trotzphase» ist unglücklich gewählt. Im Alter von eineinhalb und zwei Jahren beginnt ein Kind, einen sehr wichtigen Entwicklungsschritt zu machen: Es erkennt, dass es ein selbstständiges Wesen ist. Es entdeckt sich selbst – und damit sowohl seinen eigenen Willen als auch seine Wirkung auf andere. Es merkt, dass es Einfluss auf das Geschehen um sich herum nehmen kann. Und weil es neugierig ist, will es diese Fähigkeit ausprobieren. Das alles ist zunächst eine notwendige und sehr positive Entwicklung, die Eltern fördern sollten.
Rebellierende Kleinkinder können aber die Geduld ihrer Eltern sehr auf die Probe stellen.
Sicher. Doch der Trotz ist Ausdruck einer grossen Verzweiflung, die entsteht, wenn ein Kleinkind, den Kopf voller begeisternder Ideen, plötzlich ausgebremst wird. Wenn eine überlegene Person, zum Beispiel die Mutter, der Opa, die Kindergärtnerin «Nein» sagt. Einerseits möchte das Kind in diesem Fall so gern seinen Plan umsetzen. Oft will das Kind es gleichzeitig aber auch dem Erwachsenen recht machen. Dann fühlt es sich hin- und hergerissen. In diesem Alter ist es seinen Gefühlen noch völlig ausgeliefert und kann sie nicht steuern. Es tobt und stampft und weint, weil es nicht weiter weiss – um so mehr, wenn die Kräfte nachlassen, weil es müde ist oder Hunger hat.
Was sollten Eltern besser nicht tun?
Eltern sollten auf keinen Fall an die Vernunft des Kindes appellieren. Vernünftig denken kann ein Kleinkind noch nicht. Auch Machtkämpfe schaden. Je mehr Erwachsene Überlegenheit demonstrieren, um so verzweifelter wird das Kind. Zum Trotzen gehören immer zwei!
Nachgeben sollten Eltern aber auch nicht, oder?
Nein, das müssen sie auch nicht. Schliesslich haben sie oft gute Gründe, ein Kind in seinem Tun auszubremsen. Es braucht seitens der Eltern Kenntnisse über den Gefühlshaushalt des Kindes, um situationsgerecht zu reagieren und so die Situation zu entschärfen. Gut ist es, dem Kind die Gelegenheit zu geben, im Rahmen einer Auseinandersetzung sein Gesicht zu wahren.
Haben Sie ein Beispiel?
Ja. Letztens sah ich einen Mann mit einer schweren Tasche die Strasse entlang gehen. Das kleine Mädchen, das ihn begleitete, bat ihn, es zu tragen. «Nein», sagte der Vater. «Ich habe schon eine schwere Tasche in der Hand. Ich kann Dich nicht auch noch tragen.» Diese Situation hätte nun zu einem Wutanfall führen können, wenn der Vater nun nicht feinfühlig das Mädchen gefragt hätte: «Sicher bist Du müde?» - «Ja», antwortete das Mädchen. - «Willst Du Dich einen Moment hinsetzen?» - «Ja! » Das Kind setzte sich zwei Sekunden auf den Bordsteinrand, um dann gleich wieder aufzuspringen. Auf die Frage: «Geht es jetzt besser?», antwortete es fröhlich: «Ja! » Und so gingen Vater und Tochter langsam weiter.
Das macht Mut!
Es hilft Eltern sicher zu wissen, dass es sich bei der Trotzphase - wie es der Name schon sagt - nur um eine Phase handelt, also um einen vorübergehenden Zeitraum, der meist im Alter von drei Jahren endet. Dieses Wissen gibt genau die Gelassenheit, die Eltern brauchen, um warten zu können, bis ein Wutanfall vorbei ist.
Gelassenheit und Geduld sind also wichtig.
Auf jeden Fall. Ein Kind braucht Zeit, um auf eine Anweisung reagieren zu können. Sinnvoll ist zum Beispiel zu sagen: «Du kannst noch drei Mal rutschen – dann aber müssen wir den Spielplatz verlassen und nach Hause gehen.» Gut, wenn das Kind lernt, dass Konfliktsituationen grundsätzlich nichts Bedrohliches sind, sondern sich gemeinsam Lösungen finden lassen. Zum Beispiel: «Nein, im Moment kann ich nicht mit Dir meinen Werkzeugkoffer erforschen. Aber nach dem Frühstück können wir zusammen ein paar Nägel in die Platte hauen.» Dann fühlt sich das Kind ernst genommen, kann Erfahrungen und Erfolge sammeln.
Weiterführende Informationen zur Trotzphase:
- Wenn Kinder trotzen. Ein Artikel von Dr. Manfred Hofferer, Vater von drei Kindern und pädagogischer Leiter im Wiener Institut für Kommunikationspädagogik: familienhandbuch.de
- Erziehungsberatung Brigitte Saurenmann: erziehungsberatung-zh.ch
Interview: Sigrid Schulze
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Kommentare
Es ist eine Phase, aber gerade wenn man mehrere Kinder hat und vielleicht beide gerade nicht besonders kooperativ sind, kann es eine ganz schöne Herausforderung werden. Wenn ich merkte, dass ich am Abend sauer und erschöpft war, erinnerte ich mich selbst daran: Es ist ein Kind. Es probiert einfach, was geht und was nicht, und das ist nicht böse gemeint. Es liebt dich und ihm beizubringen, was sich gehört , ist auch ein liebesbeweis von dir. Dieser Gedanke hat mir viel geholfen. Harte Zeit ;)
Das war echt keine leichte Phase.. Ich bin froh, sind wir da durch ;-)
Vielen Dank für dieses tolle Interview! Meine Kinder (5 und 3.5) stecken gerade in dieser für ALLE nicht einfachen Trotz- und Entdeckerphase. Ich versuche möglichste beiden Kindern gerecht zu werden, was nicht immer einfach ist. Mit Trotzanfällen kann ich in der Regel, weil ich weiss, dass sie nicht direkt gegen mich gerichtet sind, recht gut umgehen. Nerven tun mir in so Situation viel eher die blöden Blicke, Zungenschnalzer, Kopfschüttler und blöden Kommentare der Besserwisser, Nörgler, Kinderloser und \"bereits als ruhige, brave und wohl erzogene auf die Welt Gekommenen\"... Natürlich habe auch ich schlechte Tage, wo ich gestresster und genervter bin und auch mal lauter werde als ich eigentlich will. Denn: je genervter und hässiger ich bin, desto genervter sind/werden die Kinder... Kinder trotzen und zwängen ja nicht \"einfach so\" und schon gar nicht, ums uns Eltern auf die Palme zu bringen. Sie tun dies, wie bereits im Interview erwähnt, aus einem Frust heraus - weil sie zum Beispiel erneut an eine Grenze stossen oder Mühe mit einem Nein haben. In so einem Falle brauchen die Kinder uns mehr denn je. Ignorieren erachte ich als die schlechteste Lösung und ist sehr respektlos! Ein (trotzendes) Kind ernst zu nehmen, ihm Verständnis, Liebe und Nähe entgegenzubringen hat meiner Meinung mit viel Anstand und Respekt zu tun. Und: auch die Trotze- und Zwängzeit ist \"bloss\" eine Phase und geht - zumindest irgendwann - vorüber... ;)
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