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Wenn ein Kind unzugänglich wird und sich seinen Eltern verschliesst, fühlen sich Erwachsene machtlos. Diese schwierige Situation lässt sich nur durch echtes Zuhören lösen.
Wenn Kinder sich verschliessen hat das oft einen bestimmten Grund. Foto: © fotofrank - Fotolia.com
Linus hat sich schon lange einen Schnurkreisel gewünscht. Bisher hat seine Mutter ihn immer vertröstet. Nun kommt er mit einem Schnurkreisel nach Hause, wirkt aber lustlos und verärgert. «Wo hast du ihn her?» fragt die Mutter argwöhnisch. «Den habe ich gefunden», nuschelt Linus. Die Mutter ärgert sich über die offensichtliche Lüge. Doch auf die Forderung, nun die Wahrheit zu sagen, reagiert Linus nicht. Er verschliesst sich. Er stellt sich taub. Er hat sich dicht gemacht.
Jüngere Kinder verschliessen sich selten
Viele Eltern kennen solche Szenen. Oft sind sie harmlos und lassen sich zu einem späteren, entspannten Zeitpunkt lösen. Jüngere Kinder verschliessen sich in der Regel nicht. Sie haben einen inneren Drang, sich ihren Eltern mitzuteilen, wenn auch nicht immer sofort. Geheimnisse können sie im Kindergartenalter noch kaum für sich behalten.
Anders ergeht es älteren Kindern. «Je älter Kinder werden, umso weniger sprudelt es aus ihnen heraus, umso knapper werden die Antworten auf die Fragen ihrer Eltern», schreiben Jan-Uwe Rogge und Angelika Bartram in ihrem Buch « Wie Sie reden, damit Ihr Kind zuhört & wie Sie zuhören, damit Ihr Kind redet». «Viele Eltern beklagen sich darüber, dass sich ihre Kinder nicht öffnen, die Teilnahme an Gesprächen geradezu verweigern, sich bisweilen sogar dem Kontakt zu den Eltern entziehen und eine Mauer aus Distanz aufbauen.» Warum verschliessen sich viele Kinder, warum sind sie so unzugänglich?
Wenn Kinder sich verschliessen: Zu viel Fremdbestimmung
Trotziges Schweigen ist meist das letzte Mittel, das ein Kind anwendet, um sich gegen eine Fremdbestimmung zu wehren, die es ablehnt. Meist hat das unzugängliche Kind vorher schon die Erfahrung gemacht, dass seine Argumente nicht gehört und sein Widerstand nicht geduldet wird. Oft führt auch die wiederholte Erfahrung, bestraft zu werden, zum Schweigen.
«Weiss nicht», lautet dann die Antwort bei Kindern, wenn Eltern fragen, warum sie in der Schule nicht aufgepasst haben. Teenagern kommt allenfalls ein «Ist mir doch egal» über die Lippen. «Wenn Eltern ihren Kindern zu sehr auf die Pelle rücken, missachten sie ihre Intimsphäre. Und dagegen sind besonders Jugendliche allergisch. Auch wenn Eltern sich Sorgen machen - erzwingen lässt sich Offenheit nicht», betont Helga Gürtler, Autorin verschiedener Erziehungs-Ratgeber.
Wenn Kinder sich verschliessen machen Eltern sich Sorgen: Aktives Zuhören hilft. Foto: © elenarostunova - Fotolia.com
Wenn Kinder sich verschliessen: Zuhören hilft
Wenn ein Kind unzugänglich ist und sich verschliesst, fühlen sich Eltern machtlos. Je verbissener sie versuchen, in die Gedanken Kind einzudringen, umso trotziger schweigt das Kind. Drohungen und Vorwürfe verschlimmern die Situation. Oft ist der Weg zum Kind in diesem Moment einfach versperrt. Dann ist es gut, das Schweigen des Kindes zunächst zu akzeptieren – so schwer es auch fällt. «Gespräche – gerade Auseinandersetzungen über Konflikte – brauchen Zeit und eine angenehme Atmosphäre», darauf weist Jan-Uwe Rogge hin.
Wer einen neuen Weg zu seinem Kind bauen will, muss bereit sein zuzuhören. Jan-Uwe Rogge: «Erst wenn Kinder das Gefühl haben, dass die Eltern ihnen wirklich zuhören, öffnen sie sich. Zuhören meint: Ich bin an dir und an deiner Schilderung interessiert, ich möchte noch mehr hören.» Überheblichkeit ist dagegen der sicherste Weg, Kinder verstummen zu lassen. Warum soll man «den Alten» noch was erzählen, wenn sie es doch nicht begreifen wollen?
So hören Sie aktiv zu
- Schauen Sie Ihr Kind freundlich an. Signalisieren Sie ihm, dass Sie sich für das, was es sagt und fühlt, interessieren.
- Fassen Sie hin und wieder zusammen, was das Kind gesagt hat. So erfahren Sie, ob Sie Ihr Kind richtig verstanden haben. Gleichzeitig erfährt das Kind, dass Sie sich ernsthaft Mühe geben, zu erfassen, was es verständlich machen will.
- Halten Sie sich mit Kommentaren zurück, suchen Sie gemeinsam nach Lösungen.
«Aktives Zuhören» könnte auch Linus und seiner Mutter helfen, in einem Gespräch zueinander zu finden. Statt Linus direkt mit der Frage zu konfrontieren, woher er den Kreisel hat, hätte die Mutter sagen können: «Nun hast du den Kreisel, den du dir gewünscht hast. Doch du scheinst dich nicht über ihn zu freuen.» Möglicherweise würde sich dann dieses – konstruktive Gespräch entwickeln:
Linus: «Nein, nicht so sehr.»
Mutter: «Was war denn los?»
Linus: «Ach, der Jonas hat die ganze Zeit mit dem Kreisel angegeben. Ich habe gefragt, ob er ihn mir leihen kann. Aber er wollte nicht.»
Mutter: «Da warst du sicher ganz schön wütend?»
Linus: «Ja, da habe ich den Kreisel genommen, ohne noch mal zu fragen.»
Mutter: «Aber jetzt hast du keine Freude daran.»
Linus: «Ich habe ein ganz schlechtes Gewissen, ich bringe ihn am besten gleich zurück.»
Und dann ist gelungen, was «Aktives Zuhören» im besten Fall bewirken soll: Linus fühlt sich angenommen und verstanden – und findet selber einen Weg, sein Problem zu lösen.
Weiterführende Links zum Thema Zuhören
- Wie Sie reden, damit Ihr Kind zuhört & wie Sie zuhören, damit Ihr Kind redet. Von Jan-Uwe Rogge und Angelika Bartram. Gräfe & Unzer Verlag 2011.
- Die neue Familienkonferenz. Kinder erziehen ohne zu strafen. Von Thomas Gordon. Heyne-Verlag.
- Hören – hinhören – zuhören: www.rhetorik.ch
- Die Regeln Gewaltfreier Kommunikation: www.arbeitsblaetter.stangl-taller.at
- «Aktiv zuhören – so geht es», Tipps des Bistums St. Gallen: www.tkf.ch
Text: Sigrid Schulze
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