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Ausgesucht hat man sie sich nicht, und trotzdem muss man tagtäglich mit ihnen auskommen: Geschwister. Kein Wunder, wird da ab und zu auch heftig gestritten.
Wenn Geschwister sich streiten, heisst das nicht unbedingt, dass sie sich nicht mögen.
Wenns zum Streit kommt, kämpft jedes Geschwister mit seinen eigenen Waffen: Fiese Bemerkungen machen, Beleidigungen und Drohungen aussprechen, Hinterhältigkeiten ausdenken oder ständige Sticheleien von sich geben.
Manchmal greifen sie sich nicht nur verbal an, es kommt auch zu körperlichen Attacken: Treten und schubsen, an den Haaren zerren und hauen – über die Hälfte aller Kinder attackieren ihre Geschwister auch körperlich, und Mädchen werden ebenso häufig handgreiflich wie Buben.
Der Auslöser für die Attacken ist oft ganz harmlos. Der Bruder stört die Schwester mit ihren Freundinnen in ihrem Zimmer. Oder er macht sich lustig über ihre neue Frisur. Und sie holt regelmässig ungefragt Comics aus der Sammlung des Bruders und lästert über seine Freunde. Weshalb aber streiten manche Geschwister so häufig und heftig, oft aus nichtigem Anlass? Geschwister leben sehr eng aufeinander, und natürlich kommt es da zu Neid, Eifersucht und Aggression und damit auch zu Auseinandersetzungen.
Dazu kommt der Wunsch nach Abgrenzung. Und nicht zuletzt spielen die modernen Familienverhältnisse eine Rolle: Die meisten Kinder haben heutzutage nur eine Schwester oder einen Bruder. Damit konzentriert sich die ganze Streitlust auf einen einzigen Gegner. Und es liegt auf der Hand, dass wer sich derart nahe steht wie Geschwister – räumlich und gefühlsmäßig – auch besonders schnell aneinander gerät und weniger Hemmungen hat, wenn es darum geht, so richtig auszuteilen.
Regelmässiger Streit unter Geschwistern muss aber nicht heissen, dass die Kinder sich nicht mögen – im Gegenteil: Viele Geschwister haben eine sehr intensive Beziehung zu einander und verbünden sich sofort wieder, wenn es beispielsweise Ärger mit den Eltern oder Schulkameraden gibt.
Das geht manchmal schneller, als man denkt – selbst bei Geschwistern, die sich häufig und heftig in den Haaren liegen. Und wenn sie etwas durchsetzen wollen, beispielsweise mehr Taschengeld oder länger in den Ausgang, dann halten sie zusammen wie Pech und Schwefel.
Streit zwischen den Geschwistern ist also etwas ganz Normales und hat auch seine guten Seiten. Beim Streiten lernen die Kinder, ihre Meinung zu vertreten, sich durchzusetzen, Kompromisse zu schliessen und sich wieder zu versöhnen – das ist wichtig auch im Umgang mit Menschen ausserhalb der Familie.
Interessanterweise machen sich die Kinder kaum gross Gedanken darüber, dass sie ständig mit Bruder oder Schwester im Clinch liegen. Für die Eltern aber ist das Gezänke ganz schön nervig. Trotzdem sollten sie nicht eingreifen, denn meist gelingt es den Geschwistern, den Streit ohne fremde Hilfe zu beenden. Experten raten, auch niemals Partei zu ergreifen – es sei denn, das eine ist dem anderen haushoch überlegen: Wenn ein Vierjähriger das Baby plagt, müssen die Eltern natürlich schon handeln.
Dies gilt auch, wenn der Streit derart eskaliert, dass es zu gegenseitigen körperlich bedrohlichen Angriffen kommt. Dann gilt es, sofort und energisch zu reagieren: So nicht! Es darf niemand verletzt werden! Wenn sich alle wieder beruhigt haben, wird die Sache geklärt. Ansonsten ist es aber Aufgabe der Kinder, den Streit, den sie begonnen haben, auch zu einem Ende zu bringen und sich wieder zu vertragen – bis zum nächsten Mal.
Wenn die Kinder aber praktisch im Dauerstreit sind und das Gezänk einfach nicht aufhören will, sollten sie sich eine Zeitlang aus dem Weg gehen. Wenn das auch nichts hilft, können Eltern als eine Art Schlichtungsstelle auftreten. Dabei darf jeder in Ruhe seine Meinung abgeben und seinen Standpunkt erklären, und gemeinsam wird dann nach einer Lösung gesucht. Diese muss aber von beiden Kindern akzeptiert werden, weil sonst der Streit sofort wieder los geht, sobald die Mutter oder der Vater das Kinderzimmer verlassen haben.
Joachim Armbrust: Streit unter Geschwistern. So lösen Eltern erfolgreich Konflikte, Urania Verlag 2007, Fr. 22.90
Text: Marianne Siegenthaler

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