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Kinder brauchen keine überfüllten Spielzimmer. Sie benötigen stattdessen nur wenige spezielle Spielsachen, um sich so vertieft zu beschäftigen, dass sie die Welt um sich herum vergessen. Auch Gegenstände aus dem Haushalt und Naturmaterialien eignen sich hervorragend als spannendes Spielzeug.
Kinder brauchen keine ausgeklügelten Spielsachen. Mit einfachen Dingen wie Bauklötzen können sie sich oft viel besser beschäftigen. Foto: Comstock - Thinkstock
Batteriebetriebene Mobiles für Babys, Elektro-Cross-Räder für Dreijährige, Plüsch-Hasen, die hoppeln können: Die Spielzeugbranche lässt sich immer wieder Neues einfallen. Doch wie viel Spielzeug brauchen Kinder überhaupt?
Fachleute sind sich in ihrem Urteil einig: Kinder brauchen weit weniger Spielsachen als sie bereits haben. «In einigen Kulturen gibt es für Kinder gar kein spezielles Spielzeug», sagt Prof. Dr. Gudrun Schwarzer, Leiterin der Abteilung Entwicklungspsychologie an der Universität Giessen. Dennoch würden sich die Kinder dort genauso gut entwickeln wie Jungen und Mädchen in westlichen Kulturen, die viele Spielsachen besitzen.
Kinder müssen spielen, denn beim Spielen machen sie sich die Welt der Grossen vertraut. Spezielle Spielsachen brauchen sie dafür kaum. Was sie stattdessen brauchen ist «Zeug zum Spielen», wie eine weitere Expertin betont: Ingeborg Becker-Textor, Mit-Entwicklerin des Konzeptes des «Spielzeugfreien Kindergartens». Mit «Zeug zum Spielen» meint sie alle Gegenstände, die der Fantasie Spielraum bieten.
In diesem Sinne können viele Dinge tolle Spielsachen sein. Kieferzapfen zum Beispiel lassen sich nicht nur möglichst weit werfen, mit ihnen lassen sich auch kleine Jonglier-Kunststücke einüben. Auf Kieferzapfen können Kinder herrlich mit den Füssen balancieren – jedenfalls dann, wenn man ein bisschen geübt hat. Bei einem «Räuber-und- Gendarm»-Spiel stellen sie scharfe Messer dar, geeignet, Gefangene zu befreien.
Fantasievolle Spielsachen lassen sich nicht nur draussen finden. In Schubladen, Kellern und Schränken gibt es sie in Hülle und Fülle: Deckel und Dosen, Kartons, Kisten und Knöpfe, Tücher und Stoffreste, Zeitungen und Zeitschriften, ein altes Radio oder eine Schreibmaschine. «Der menschliche Geist sucht Anregungen», sagt Prof. Dr. Schwarzer. Vor allem Kleinkinder und Kindergartenkinder fänden fast alles interessant, was ihnen im Alltag begegnet und was sie anfassen können.
Wertvolle Spielsachen sind zeitlos. Dazu gehören zum Beispiel Puppen und Puzzle, Teddy und Trommel, Autos und Holzeisenbahn, Bälle und Bauklötze, Arztkoffer und Bilderbücher. Auch viele Gesellschaftsspiele wie Halma, Mühle oder das Angel-Spiel, mit denen Erwachsene einst gespielt haben, sind interessant wie eh und je.
Puppen, die sprechen, und Autos, die selbst brummen und bremsen, benötigen Kinder dagegen ebenso wenig wie den letzten Schrei auf dem Markt. «Kinder brauchen nicht, was neu im Spielzeugladen ist», sagt Ingeborg Palm-Walter, Vorstandsmitglied des ‚spiel gut’-Arbeitsauschusses, der wertvolle Spielzeuge auszeichnet. Schliesslich seien die klassischen Spielzeuge für die Kinder neu, wenn sie diese zum ersten Mal bekommen und entdecken.
Ausnahmen bestätigen die Regel. Denn natürlich muss nicht jedes Spielzeug im Kinderzimmer pädagogisch wertvoll sein. Mancher echter Herzenswunsch muss auch dann mal erfüllt werden, wenn das Spielzeug nicht dem entspricht, was man sich unter guten Spielsachen vorstellt.
Kinder profitieren von einem übersichtlich eingerichteten Kinderzimmer, das viel Platz für Kreativität bietet. Darüber hinaus lässt sich durch den Verzicht auf viele Spielsachen Geld einsparen, das sich dann für Qualität ausgeben lässt. Denn gutes Spielzeug, schadstofffrei und sicher, hat seinen Preis.
Welches Spielzeug ist sinnvoll und passt zu welchem Alter? Für alle, die Kinder beschenken wollen, hat der Verein ‚Mehr Zeit für Kinder’ aus Frankfurt (www.mehrzeitfuerkinder.de) folgende Orientierungshilfen entworfen:
1 bis 3 Jahre:
Laufen und sprechen lernen, andere Menschen und Tiere nachahmen – das wollen Kleinkinder. Toll sind für sie deshalb Tiere und Wagen zum Schieben und Nachziehen, Bilderbücher, Kassetten und CDs mit Kinderliedern, Puppen, Stofftiere, Spielzeugautos, grossteilige Puzzles, Bauklötze und – na klar – das Schaukelpferd.
3 bis 6 Jahre:
Immer in Bewegung: Kindergartenkinder können mit Bällen, Dreirad, Roller, Laufrad, Go-Kart oder Hüpfseilen Gas geben. Zum Kombinieren, Malen, Basteln und Bauen eignen sich Steckspiele, Knete, Mal- und Bastelsachen, Puzzles (bis 50 Teile) und einfach zu bedienende Musik-Spielzeuge. Bilderbücher, Spielfiguren, Puppen, Miniküche und Arztkoffer helfen, die Welt kennenzulernen und nachzuspielen. Jetzt lassen sich auch erste Gesellschaftsspiele einführen.
6 bis 11 Jahre:
Lieblingssportarten kristallisieren sich heraus. Deshalb können Geschenke wie Fahrrad, Inline-Skates, Fussball-Tor und Hockey-Schläger je nach Interesse ziemlich cool sein. Mit Gesellschaftsspielen üben viele Kinder gerne, Regeln zu verstehen und anzuwenden. Kinderwerkzeug, Handarbeiten-Zubehör, Musikinstrumente, Experimentier- und Konstruktionsbaukästen: Spiele zum Malen, Basteln und Bauen werden anspruchsvoller. Mit Sach- und Unterhaltungsbüchern, Spielfiguren, Kostümen und guten Computerspielen lassen sich fremde und künstliche Welten erkunden – eben Abenteuer erleben.
11 bis 14 Jahre:
Was die so machen, die (angehenden) Teenager? Klar: Musik hören, Musik selber machen, alles über (Pop)Stars lesen – und träumen, sie wäre selber einer. Daher können Geschenke sinnvoll sein, mit denen Kinder kreativ Musik machen kann: Instrumente, virtuelle Synthesizer, Sampler & Co. Experimentieren, Thesen entwickeln und überprüfen: Das geht mit Wissens- und Strategiespielen und sinnvollen, altersgerechten Computerspielen. In einer Zeit, in der die Peergroup besonders wichtig ist, machen auch Kommunikationsspiele Spass, bei denen man sich und die Mitspieler einzuschätzen muss.
Autor: Sigrid Schulze
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