Wenn Kinder nerven: Gereizte Eltern sind überforderte Eltern

Wenn sich Geschwister ständig streiten, Kinder dauernd trödeln oder nicht schlafen gehen wollen, liegen die Nerven vieler Eltern blank. Wie gereizte Mütter und Väter zu mehr Gelassenheit finden können, erläutert Rochelle Allebes, Beraterin beim Elternnotruf.

Wenn Kinder nerven

Eltern dürfen auch mal genervt  sein. Bild: Stockbyte-Thinkstock

Frau Allebes, viele Eltern sind gereizt – sie haben das Gefühl, dass ihre Kinder sie nerven. Woran liegt das?

Rochelle Allebes: Genervt zu sein, ist in der Regel ein Zeichen für Überforderung. Es gibt Situationen im Leben, die für die ganze Familie schwierig sind und in denen Kinder besonders anstrengend werden können. Dafür gibt es viele Beispiele: Ein Elternteil wird arbeitslos, ein Kind wird in der Schule gemobbt, ein Sterbefall belastet die Familie oder ein neues Geschwisterkind wird geboren, das zunächst viel Aufmerksamkeit benötigt. Phasenweise überfordert zu sein, ist also völlig normal.

Dürfen Eltern sich anmerken lassen, dass sie sich von ihren Kindern genervt fühlen?

Eltern sind auch nur Menschen. Sie dürfen sich ruhig anmerken lassen, besser noch klar sagen, dass sie momentan gereizt sind. Kinder empfinden Eltern, die ständig mit einer freundlichen Maske herumlaufen, ohnehin als nicht glaubwürdig. Allerdings dürfen gereizte Reaktionen gegenüber Kindern nicht zum Dauerzustand werden!

Was passiert mit Kindern, die ihre Eltern ständig als gereizt erleben?

Kinder können das Gefühl bekommen, es liege an ihnen, dass die Mutter oder der Vater immer so genervt ist. Das löst Schuldgefühle aus. Manche Kinder ziehen sich dann zurück, andere fordern erst recht Aufmerksamkeit ein.

Wie können Eltern zu mehr Gelassenheit finden?

Wenn Eltern merken, dass sie über einen längeren Zeitraum auf ihre Kinder unangemessen reagieren, ist es sinnvoll, sich bewusst die Zeit zu nehmen, um zu überlegen: «Was ist los mit mir?», «Was ist los mit meinen Kindern?», «Was überfordert mich?» Oft reagieren Eltern auf bestimmte Verhaltensweisen oder Eigenschaften ihrer Kinder, die sie selber haben und an sich selbst nicht leiden können. Kinder sind manchmal Spiegel der eigenen Persönlichkeit. Aber meist ist es schlichtweg der Alltag. Beruf, Kinder, Einkaufen, Putzen, Kochen: Viele Eltern haben zu wenig Hilfe, die vielfältigen Herausforderungen des Alltags zu bewältigen.

Eltern haben oft sehr hohe Erwartungen an sich.

Ja, sie wollen alles perfekt machen. Perfekt im Beruf arbeiten, ihren Kindern perfekte Eltern und Gästen perfekte Gastgeber sein. Viele haben sich das Leben mit Kindern einfacher vorgestellt. Die Folge zu hoher Erwartungen sind Enttäuschungen - und Schuldgefühle.

Was kann überforderten Eltern helfen?

Wer sich vom Leben überfordert fühlt, kann die eigene Situation selbst oft nur schlecht analysieren. Es tut gut, mit jemandem zu reden, der die Situation aus einer gewissen Distanz betrachten kann. Beim Elternnotruf rufen oft Eltern an, die sich von ihren Kindern genervt fühlen. Häufig hilft es ihnen schon herauszufinden, dass nicht die Kinder «Schuld» an der gereizten inneren Stimmung sind.

Welche langfristigen Lösungen gibt es?

Hilfe ist eine Frage von Zeit, Geld oder von Beziehungen. Oft lohnt es sich, sich die Arbeitsteilung in der Familie genau anzusehen. Wie sind die Aufgaben zwischen Mutter und Vater verteilt? Auch Kinder können kleinere Ämtli übernehmen, die wohltuend die eigene Arbeitslast senken. Darüber hinaus ist es sinnvoll, darüber nachzudenken, ob die Erwartungen an die eigene Person realistisch sind. Es gilt, Idealbilder anzukratzen. In welchen Bereichen kann man auch mal «5» gerade sein lassen? Es gibt keine perfekte Mutter und keinen perfekten Vater, nur Eltern, die gut genug für ihr Kind sind.

Solches Reflektieren kann einige Zeit in Anspruch nehmen. Gibt es eine Methode, die akut hilft, sich von den eigenen Kindern nicht nerven zu lassen?

Ja, man muss trainieren, frühzeitig zu merken, dass die Nerven bald wieder blank liegen. Dann ist man noch handlungsfähig. Effektiv ist es, die Situation zu verlassen, also zum Beispiel in einen anderen Raum zu gehen. Die Kinder müssen darauf allerdings vorbereitet werden, sie dürfen sich nicht verlassen fühlen. Auch Kinder sollten das Recht haben, sich zurückzuziehen, vorausgesetzt, sie kommen später wieder, um den Konflikt mit den Eltern gemeinsam zu lösen.

Das Recht, sich zurückziehen, kann Teil der Familienkultur werden.

Ja, Kinder verstehen gut, wenn man sagt: «Ich war arbeiten und danach noch einkaufen, ich vertrage heute nicht mehr viel.» Sie wissen dann, wo die Gründe für die Gereiztheit von Mama oder Papa liegen und beziehen sie nicht auf sich.

Hilfe, wenn Kinder nerven, gibt es bei elternnotruf.ch

Wenn Kinder nerven

Rochelle Allebes

Rochelle Allebes ist Elterncoach, Familientherapeutin/ Beraterin und Supervisorin. Sie arbeitet seit langem beim Elternnotruf, ist als Dozentin im Ausbildungsinstitut für systemische Therapie und Beratung «Meilen» tätig und arbeitet in freier Praxis. Die Mutter von zwei Söhnen lebt mit ihrer Familie in Zürich.

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Autor: Sigrid Schulze im Januar 2013

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