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Welche Vorstellungen haben junge kinderlose Frauen und Männer von Familie? Das wollte die Soziologin Karin Schwiter in ihrer Dissertation herausfinden und befragte 24 junge Erwachsene nach ihren Lebensentwürfen. Im Interview erklärt sie, warum Kinder eine Lebensentscheidung und Kinderkrippen verpönt sind.
Ein Kind ist für junge Erwachsene eine Lebensentscheidung.
Es erstaunt, dass Kinderkrippen bei jungen Erwachsenen verpönt sind. In Ihrer Studie bezeichneten Teilnehmende Vollzeit arbeitende Eltern, die ihre Kinder in die Krippe bringen, als «daneben», «ganz extrem» oder «krass». Wie erklären Sie sich das?
Karin Schwiter: Ich denke, das hängt damit zusammen, wie wichtig Kinder heutzutage genommen werden. Kinder sind nicht länger etwas, was einfach passiert, sondern eine ganz bewusste Lebensentscheidung geworden. Die jungen Erwachsenen sagen, wenn man sich für Kinder entscheide, dann solle man sich auch um sie kümmern und sie ins Zentrum stellen. Ausserdem stellt die heutige Gesellschaft hohe Anforderungen an die Eltern. Sie fordert von ihnen, dass sie ihrem Kind sehr viel Aufmerksamkeit und Förderung geben. Aus meiner Sicht sollte man sich aber die Frage stellen: Können Kinder nicht auch in der Kinderkrippe optimal gefördert werden? Es ist bereits ein Wandel zu erkennen. Forschungen zeigen, dass Kinder von der Betreuung in einer Gruppe stark profitieren können. Aber bei den jungen Erwachsenen steht diese Argumentation nicht im Vordergrund.
Die jungen Erwachsenen trauen den Erziehern in der Krippe nicht zu, die Kinder optimal zu fördern.
Nicht gleich gut. Die Kinderkrippe ist eine Option für allenfalls einen bis eineinhalb Tage pro Woche, oder zum Beispiel, wenn jemand alleinerziehend ist. Aber die jungen Erwachsenen sagen, ihr Kind sei so wichtig, dass sie es als Eltern primär selbst betreuen wollen. Das hat auch damit zu tun, dass das Kind zu einem Lebensprojekt geworden ist. Eltern haben den Wunsch, ihr Kind zu prägen und es nach den eigenen Vorstellungen zu formen.
Mit modernen Familienvorstellungen hat das wenig zu tun. Kinderkrippen sind Voraussetzung dafür, dass Eltern Beruf und Familie besser vereinbaren können. Streben junge Menschen überhaupt diese Vereinbarkeit an?
Ja, schon. Diese fixen Zuständigkeiten vom Mann als Hauptverdiener und der Frau als Mutter und Hausfrau haben sich aufgeweicht. Es wird niemandem mehr qua Geschlecht eine Aufgabe zugeschrieben. Wenn man schaut, wie sich junge Erwachsene vorstellen, ihre Familie zu organisieren, zeigt sich, dass Männer und Frauen zwar noch unterschiedlich argumentieren. Männer fragen: Wie viel kann ich die Erwerbsarbeit reduzieren, um für das Kind da zu sein? Frauen fragen: Was braucht das Kind und wie viel kann ich nebenher noch erwerbstätig sein? Die Idee, den Rest des Lebens Familienfrau zu sein, ist aber nicht mehr existent. In dem Sinne ist Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowohl für Männer als auch für Frauen ein grosses Thema. Die jungen Erwachsenen sagen aber, dass jede Familie selbst schauen muss, wie sie das organisieren kann. Damit wird die Verantwortung auf das Paar delegiert. Das ist eine problematische Denkweise.
Warum?
Weil sie ein gesellschaftliches Problem dem Individuum zuweist. Es gibt viele junge Männer und Frauen, die Probleme haben Beruf und Familie zu vereinbaren. Dies hat nicht nur mit persönlicher Wahl zu tun, sondern mit den gesellschaftlichen Strukturen. Gibt es Tagesschulen oder geht die Schule davon aus, dass mittags jemand daheim ist und Mittagessen kocht? Gibt es Kinderkrippen und Teilzeitjobs auch in männerdominierten Berufen und auf höheren Hierarchiestufen? Die strukturellen Begebenheiten beeinflussen die Möglichkeiten, die Familien haben. Damit ist die Organisation der Familie nicht mehr eine Wahlfreiheit.
Vorhin haben wir ja aber davon gesprochen, dass Kinderkrippen bei jungen Erwachsenen verpönt sind. Warum sollte es Kinderkrippen geben, wenn die jungen Erwachsenen sie gar nicht nutzen würden?
Die jungen Erwachsenen sagen nicht, dass sie Krippen nicht nutzen würden. Sondern, sie sagen, es sei verhandelbar. Je nach den Bedingungen, die sie vorfinden, werden sie auch andere Modelle wählen. Wenn Tagesschulen normal sind, dann stellt sich die Frage, wie Kinder betreut werden, ganz anders. Es stimmt natürlich, dass sich junge Erwachsene für die Kinder in den ersten Jahren sehr viel Zeit nehmen wollen. Das Modell, dass beide Eltern Vollzeit weiter arbeiten, ist das Feindbild. Es ist aber sehr viel weniger ein Feindbild, wenn der Mann 80 Prozent arbeitet und die Frau 40 oder 60 Prozent. Und auch für diese Eltern stellt sich das Vereinbarkeitsproblem.
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Kommentare
Dass junge Menschen die Krippe so stark ablehnen, liegt m.E. auch an deren Eltern. Auch von unserer Großelternseite wurde erst gesagt, dass die Enkel doch lieber nicht schon mit einem Jahr in die Krippe sollten. Das ging aber bei uns eh nicht anders aus finanziellen Gründen und um unser Studium zu beenden und weil wir die Großeltern eben nicht vor Ort haben - wie übrigens die meisten Krippengegner, die ihre Kinder stattdessen zu ebendiesen bringen und sie letztlich auch nicht selbst erziehen. Und tatsächlich, nicht lange danach staunte jeder, was für tolle und selbständige Kinder wir haben. Ich denke, das lag auch an der Krippe, in der sie Sozialverhalten viel besser lernen, als wenn sie bei Eltern oder Großeltern verwöhnt oder nicht selten auch einfach vor den Fernseher gesetzt werden.
Und tatsächlich - zum Thema perfekter Zeitpunkt -, was ich im Bekanntenkreis auch feststelle, ist, dass diejenigen Eltern, die ihre Kinder punktgenau geplant haben (und es dann überhaupt noch geklappt hat), kommen mit der Umstellung auf Familie viel schlechter zurecht als die, bei denen das erste Kind einfach "passiert" ist und noch nichts perfekt war, sondern man als Familie gemeinsam immer mehr aufgebaut hat.
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