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Zeit und Aufmerksamkeit werden knapper, wenn die Belastungen steigen. Stress ist der Beziehungskiller Nummer eins und wirkt sich negativ auf die Erziehung aus. Wie negativ? Antworten und Tipps von einem Stresscoach.
Viel Stress führt zu Eiszeit beim Familienklima.
Beat Unternährer, Sie sind Stresscoach für Familien und Paare. Wie belastet sind Eltern heute? Können sie sich noch ausreichend um ihre Kinder kümmern?
Familien stehen heute wirklich unter grossen Druck. Die aktuelle Krise verschärft das Ganze noch – einerseits beim Familienbudget, andererseits wehrt man sich auch weniger. Erholung und Familie werden von der Angst überschattet, die Stelle zu verlieren. Solche Belastungen haben Auswirkungen.
Was für welche?
Eine Auswirkung, die die zunehmende Belastung der Eltern heute hat, ist, dass sie weniger Zeit und Energie haben für die Erziehung der Kinder. Ich arbeite viel mit Jugendlichen. Bei diesen hat die psychische Belastung und der Druck in den letzten Jahren massiv zugenommen. Sie haben zwar grössere Freiheiten, sind aber oft überfordert. Da in vielen Familien beide Eltern arbeiten gehen, wenn die Kinder genug gross sind, fehlt sehr oft einfach der Rückhalt. Diesen brauchen die Jugendlichen aber immer noch sehr häufig. Bei wichtigen Erziehungsdiskussionen haben die Eltern weniger Geduld Lösungen auszuhandeln, was oft im Streit endet.
Eltern haben zu wenig Zeit, ihren Betreuungsaufgaben nachzukommen?
Zu wenig Zeit und oft auch Aufmerksamkeit. Untersuchungen belegen, dass der Elternteil, der zuerst nach Hause kommt, noch Aufmerksamkeit aufbringen kann für die Kinder. Der zweite heimkehrende Elternteil wird dann aber oft überrannt von der aktuellen Familiensituation, so dass er – meistens ist es der Mann – keine Zeit erhält, um anzukommen. So entsteht ein emotionales Klima, das wirkliche Begegnung erschwert.
Wie wirkt die Belastung der Eltern auf die Kinder?
Kinder nehmen sie deutlich war und reagieren auf das elterliche Verhalten. Zum Beispiel, indem sie versuchen, Streit zu schlichten oder ihre erschöpften Eltern aufzuheitern. Kinder wollen helfen und überfordern sich dadurch manchmal selber. So neigt die Tochter einer alleinerziehenden Mutter mit Burnoutsymptomen dazu, mehr Verantwortung im Alltag zu übernehmen, als das sie erfüllen kann, nur um der Mutter zu helfen.
Im schlimmsten Fall beginnen Kinder sogar damit, unbewusst Symptome zu entwickeln. Sie machen die Erfahrung, dass ihr Problem die dauernd streitenden Eltern beim Suchen einer Lösung wieder vereint. Kinder und Jugendliche leiden unter den Belastungen ihrer Eltern.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Ein Schüler in der Oberstufe hatte massive Schwierigkeiten mit dem Lernen. Bei einer Lernberatung fand man heraus, dass er sich zuhause nicht konzentrieren kann, weil er sich dauernd Sorgen um die Mutter machte, die vom Vater im Streit ein Mal geschlagen worden war. Nachdem die Eltern sich dieser Wechselwirkung bewusst wurden und in der Paarberatung angemessene Konfliktlösungsstrategien kennen lernten, löste sich die Lernblockade des Schülers und seine Noten besserten sich.
Was können Eltern tun, damit ihre Kinder nicht anfangen, unbewusst auf ihre Belastungen zu reagieren?
Sicher ist es richtig, sich immer wieder zu hinterfragen. Der Leistungsdruck, den Eltern übernehmen und die wachsende Angst vor Arbeitplatzverlust macht auch den Kindern zu schaffen. Besonders den Jugendlichen, die im Arbeitsmarkt noch ihren Platz finden müssen. Es gibt nicht wenige Fälle, bei denen die Jugendlichen einfach irgendeine Lehrstelle annehmen und so die Angst vor Arbeitsplatzverlust spiegeln. Nach einem Jahr merken sie dann, dass ihnen die Arbeit gar nicht entspricht.
Der Austausch mit den Eltern, das Zuhören und Darüber sprechen ist von grosser Wichtigkeit. Die Schule kann elterlichen Rat nicht ersetzen. Es hat Folgen, wenn Eltern abends nicht mehr die Kraft aufbringen, um mit ihrem Jugendlichen zu diskutieren oder Pläne auszuarbeiten.
Verschlingt das Berufsleben allmählich das Familienleben?
Heute besteht tatsächlich eine Tendenz zur Auflösung des Privatlebens. Der Beruf beansprucht immer mehr Familienzeit. Umgekehrt spielt die Familie im Berufsleben eine viel zu geringe Rolle, so dass ein Ungleichgewicht besteht. Die Betreuungsaufgaben der Eltern müssten im Arbeitsleben mehr Platz und Wertschätzung erhalten, damit die Work-Life-Balance stimmt.
Wie kann arbeitenden Eltern geholfen werden?
Zum Beispiel mit betrieblichen Stresspräventionsprogrammen, die auch die Partner einbeziehen. Man fand nämlich heraus, dass bei Männern die Entspannungsübungen viel stärker und nachhaltiger wirken, wenn auch die Partnerin mitmacht. Das ist ein kleines Beispiel, das zeigt, dass es sich für Firmen lohnen kann, die Paarbeziehung und Familie als Ressource zu betrachten, die man stärker einbeziehen und unterstützen sollte.
- 1. Teil Tipps gegen Stress in der Familie
- 2. Teil Tipps vom Stresscoach
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