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Männer stehen vor einem Drahtseilakt: Sie sollen stark und schwach zugleich sein. Väter sitzen in der Ernährerfalle und Buben sind Bildungsverlierer. Warum es Zeit ist, bei der Frage der Gleichstellung nicht nur Frauen-, sondern auch Männeranliegen zu betrachten, will ein neues Buch zur Männerpolitik aufzeigen.
Nur wenn es möglich wird, dass Väter sich vermehrt in der Familie engagieren, kann es für Frauen eine Gleichstellung im Beruf geben, glauben die Autoren des neuen Buches. Foto: Digital Vision, Thinkstock
Die Gleichstellung von Frauen und Männern ist historisch bedingt ein Frauenprojekt. Da die Bewegung aber an ihre Grenzen stösst, seien auch Männer gefordert, ihre Perspektiven gelebter Chancengleichheit zu formulieren. Das fordern die Autoren des Ende Mai erschienen Buches «Männerpolitik. Was Jungen, Männer und Väter stark macht». Herausgeber des Sammelbandes ist der Präsident des Dachverbandes der Schweizer Männer- und Väterorganisationen, Markus Theunert.
«Damit Männer selbst ihre Vorstellungen formulieren, müssen wir ihre Leidenschaft für das Projekt Gleichstellung wecken», sagte Theunert an der Buchvorstellung Ende Mai in Zürich. Denn bislang erachte die Mehrheit Gleichstellungspolitik als Frauenanliegen und engagiere sich nicht oder nur murrend.
Auf über 400 Seiten legen männerpolitisch engagierte Experten aus der Schweiz, aus Deutschland und aus Österreich dar, vor welchen Problemen Jungen, Männer und Väter stehen und wie sie angepackt werden können. Sie fordern eigenständige Jungen-, Männer- und Väterpolitiken, die unter dem Dach der Gleichstellungspolitik verankert werden. Sie anerkennen aber auch, dass ebenso eine eigenständige Frauenpolitik sowie ein Dialog zwischen den Geschlechtern nötig sind. Damit grenzen sich die Autoren deutlich vom Antifeminismus ab.
Im Buch heisst es, dass tatsächliche Gleichstellung nur als Neugestaltung der Geschlechterverhältnisse realisierbar sei. «So führt beispielsweise die stärkere Beteiligung der Frauen (Mütter) am Erwerbsleben nur dann zu mehr gelebter Gleichstellung, wenn gleichzeitig die Männer (Väter) mehr Verantwortung für den familiären und häuslichen Bereich tragen», erklärt Markus Theunert in seinem Beitrag. Das sieht auch Mitautor Andreas Borter, Theologe und Fachmann in der Väterarbeit, so. Er engagiert sich seit Jahren für die Anliegen der Väter, zum Beispiel in Projekten wie dem Schweizer Vätertag.
Markus Theunert und Andreas Borter von männer.ch, dem Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen, wollen die Leidenschaft der Männer und Väter für das Projekt Gleichstellung wecken. Foto: Zimmerling
Borter geht in seinem Beitrag zu Väterpolitiken auf eine Studie der Pro Familia ein. Demnach seien 90 Prozent der Männer dazu bereit ihre Arbeitszeit zu reduzieren, um mehr Zeit für die Familie zu haben. Dafür würden sie sogar Lohneinbussen in Kauf nehmen. Dennoch arbeitet die Mehrheit Vollzeit. Warum zwischen Wunsch und Wirklich eine derart gross Lücke klafft, kann Andreas Borter schnell begründen: «Eine Lohnerhöhung oder die generelle finanzielle Besserstellung als Mann treibt die Väter in die Ernährerfalle.» Zudem seien die Erwartungen am Arbeitsplatz hoch. Die Väterthematik werde in Unternehmen tabuisiert. Ein Austausch finde nicht statt. Ausserdem gebe es nur wenige Chefs, die Teilzeit arbeiten und als Vorbild dienen könnten. Kurz: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf stelle für viele junge Männer eine grosse Hürde dar.
Wie wenig die Anliegen der Väter beachtet werden, zeigt sich auch in anderen Bereichen. Borter hat festgestellt, dass Beratungsangebote zur Familiengründung oder zur Kleinkindphase fast ausschliesslich auf Frauen ausgerichtet sind. Selbst Beratungsstellen, welche die Väter im Namen mittragen, wie die Väterberatungsstellen, würden den Bedürfnissen der Väter nicht gerecht. «Väter brauchen auch Väter, die sie beraten und die als Vorbild dienen», sagt der Fachmann und ergänzt gleich seine Forderung:«Ich bin für Quoten im frühkindlichen Bereich.» Sei es in der Beratung, in Kitas oder in der Primarschule.
Ein grundlegendes Problem sieht Borter darin, dass sich männliche Politiker davor scheuen, sich für Väter einzusetzen: «Für sie ist das wie ein Coming Out.» Sie wollen sich nicht dem Verdacht aussetzen, den patriarchalen Rückschritt zu propagieren. Deshalb haben bisher vor allem Frauen politische Vorstösse in Bezug auf Familienpolitik eingebracht.
Doch nicht nur männliche Politiker sind gefragt, findet Andreas Borter. Väter müssten sensibilisiert werden, selber die Anwaltschaft für ihre Anliegen zu übernehmen.«Es braucht mutige Väter, die zu ihrem Chef gehen und Familienzeit einfordern und selbstbewusste Väter, die gegenüber ihren Partnerinnen zu ihrem Weg, die Windeln zu wechseln, stehen.»
18 Autoren und 2 Autorinnen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich liefern in diesem Buch einen Überblick über die wichtigsten männer-, väter- und jungenpolitischen Herausforderungen und Wünsche. Sie wollen damit einen Bezugspunkt für eine intensive Debatte bilden. Angesprochen werden Themen wie eine geschlechterbewusste Gestaltung der Schule, Lohnunterschiede, die Untervertretung der Männer in der Nutzung von Unterstützungsangeboten wie Psychotherapie oder Männer als Täter und Opfer von Gewalt.
Foto: Springer VS
Autor: Angela Zimmerling im Mai 2012
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