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Kinderarmut in der Schweiz ist Ergebnis der Familienpolitik

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Kinderarmut ist in der Schweiz ein hausgemachtes Problem und ein Resultat der Familienpolitik. Am härtesten trifft es die Kinder von Alleinerziehenden – mehrere zehntausend Kinder. Dr. Roland Lüthi, Präsident des Verbandes für alleinerziehende Mütter und Väter SVAMV, redet Klartext.

Dr. Roland Lüthi, Präsident des SVAMV

Kämpft für bessere Bedingungen für Kinder und Alleinerziehende: Dr. Roland Lüthi, Präsident des SVAMV.

Herr Lüthi, Sie präsidieren den SVAMV im Ehrenamt und haben kürzlich einen internationalen Kongress zum Thema Kinderarmut eröffnet. Wie prekär ist die Situation von Kinderarmut in der Schweiz?

Knapp 30 Prozent der Kinder in der Schweiz wachsen in Familien auf, die mit einem steuerbaren Einkommen unter 60'000 Franken pro Jahr auskommen müssen. Besonders hart trifft die Armut Kinder in Einelternfamilien. Sie machen rund 15 Prozent aller Familienhaushalte mit Kindern aus – Tendenz steigend. Wir sprechen also von über 300'000 Kindern, die mit nur einem Elternteil aufwachsen. Von Armut sind 20 Prozent der Einelternfamilien in der Schweiz betroffen – also schätzungsweise 60'000 Kinder. Im Vergleich zu anderen Ländern ist das gemessen an der Gesamtbevölkerung ziemlich schlecht, im europäischen Vergleich liegt die Schweiz sogar im hinteren Feld. Das ist so, weil es in der Schweiz kein Familieministerium gibt und damit auch keine Familienpolitik. Zudem werden Einelternfamilien nicht speziell unterstützt. Im Gegenteil. In der aktuell debattierten Steuerrevision, die eigentlich Familien mit Kindern entlasten will, sollen die Kantone die Möglichkeit haben, Alleinerziehenden höhere Steuern abzuverlangen.

Im Wesentlichen haben wir in der Schweiz eine strukturell gemachte Armut. Wir hätten alles Wissen und gute Vorschläge zur Lösung liegen auf dem Tisch.

Was sind die Ursachen der Armut von Kindern in Einelternfamilien?

Wir haben es hier mit einem interessanten Konflikt zu tun. Auf der einen Seite wissen wir, was Kinder kosten und wie viel Einkommen es benötigen würde, auf der anderen Seite orientiert sich die Alimentensprechung an der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und den Möglichkeiten der Väter. So entsteht in den meisten Fällen eine Lücke und das Kind kommt zu kurz. Für diese Lücke sind dann das Sozialamt und die Fürsorge zuständig. Alimentenbevorschussung ist zudem ein ziemlich kompliziertes Verfahren und kantonal unterschiedlich geregelt.

Wir haben es in der Schweiz mit einem generell kinderfeindlichen System zu tun.

Diese Probleme sind ja nicht neu. Warum wurde bisher nicht mehr unternommen?

Die Ausganglage für die jetzige Situation ist: Jedes Kind hat Eltern und diese sorgen dafür, dass das Kind in einer lebenswerten Situation aufwachsen kann. Dieses Prinzip ist allerdings durch Regelungen und Abläufe in der Umsetzung absolut mangelhaft und entspricht überhaupt nicht mehr der Notwendigkeit und der Bedürfnislage der Kinder.

In der Schweiz sind familienpolitische Themen angegliedert beim Bundesamt für Sozialversicherung. Ist die Familie in der Schweiz also ein Sozialfall und ein Versicherungsfall?

Zudem gibt es immer wieder Aussagen von Bundesrichtern und anderen hochrangigen Beamten, die die Situation von Einelternfamilien nicht verstehen. Ich zitiere: „Alleinerziehende sind wirtschaftlich leistungsfähiger, weil sie ein Essen weniger auf den Tisch bringen müssen“. Leider sind Meinungen wie diese vielerorts noch vorherrschend – auch in Gerichtsurteilen und in der Ausgestaltung von Krippentarifen, und das, obwohl sie wissenschaftlich widerlegt sind. Wir sind mit vielen Stereotypen und Vorurteilen konfrontiert, wenn es ums Alleinerziehen geht. Und wir haben kein System, das den Alleinerziehenden ermöglichen würde, aus der Tretmühle herauszukommen.



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Kommentare

  • hampi baumann 18.06.2010 22:23 Uhr
    Liebes Ursi

    1000 + Kinderzulage genügen für Studenten nicht. Hingegen genügen für einen Lehrling 500 + Kinderzulagen. Muss man für diese Berechnung ein Studium vorweisen?
    Ich bin seint 13 Jahren alleinerziehend und habe bei der Alimentenberechnung gemerkt, dass die Gesetze eher zu Gunsten der Frau ausgelegt werden. Also keine Alimente für 2 Kinder und mich - usw. Wenn ich heute von den hohen Berechnungen höre, frage ich mich schon, welchen Luxus müssen wir den Kindern bieten. Wir jammern in der Schweiz auf sehr hohem Niveau. Es geht auch etwas bescheidener und wer will, findet auch ein Zusatzeinkommen. Habe heute 2 tolle Fräulein in der Ausbildung, die gelernt haben: Das verzichten keine Schande ist und wenn man die Ärmel hochkrempelt, einem eine gerechte Belohnung winkt.
  • Ursi 07.01.2010 04:29 Uhr
    Erstaunlich, dass Ihre Tatsachenschilderung nicht mehr Kommentare hervorruft! Nach wie vor ist offenbar die Frau selber schuld, dass sie durch Scheidung und/oder Kinder in die Armut fällt. Sie hätte ja nicht zu scheiden und/oder Kinder gebären müssen! Eine absolut beschämende Einstellung unserer "feinen" Gesellschaft und der meisten Gerichts- und Sozialbehörden! Sie ist in diversen wissenschaftlichen Arbeiten belegt.

    Ausserdem: Dass auch Kinder alleinerziehender Eltern so intelligent sein können, dass sie zu einem Hochschulstudium fähig sind, ist für die Behörden offenbar völlig unmöglich. Deshalb erhalten diese Kinder wegen der Armut des sorgeberechtigten Elternteils zwar problemlos Stipendien bis sie volljährig sind. Bis dahin haben sie meistens die Matura geschafft. Dann werden sie abgestraft und erhalten nichts mehr, weil nun Vermögen und Einkommen des Vaters zur Berechnung der Stipendien beigezogen werden. Die Kinder müssen aber schon froh sein, wenn sie die im Scheidungsprozess dank heruntergefahrenem Einkommen und Vermögen ihres Vaters viel zu tiefen Kinderalimente während des Studiums weiterhin bekommen, ohne dass sie gegen ihren Vater klagen müssen. Dass erfahrungsgemäss Einkommen und Vermögen des Vaters meist nach dem Scheidungsurteil wieder in die Höhe steigen, die Alimente für Ex-Frau und Kinder nach Laune des Vaters von den Gerichten wohl problemlos bis unter das Existenzminimum gesenkt, aber kaum je entsprechend erhöht werden, ist eine weitere traurige Tatsache. Aber CHF 1'000.00 plus Kinderzulage reichen auch für den bescheidensten Studenten heute nicht zum Leben. Mit dem Bologna-System ist auch das Nebenbei-Arbeiten sehr schwierig geworden, und die früher typischen Studentenjobs (z.B.Sihlpost etc.) sind automatisiert oder ins Ausland ausgelagert worden. Der Vater kommt durch die Bezahlung der im Scheidungsurteil viel zu tief festgesetzten Kinderalimente seiner Unterstützungspflicht nach. - Da diese nicht zum Leben reichen und für die Berechnung von Stipendien und Studiendarlehen für volljährige Kinder Gelder herangezogen werden, auf welche das Kind weder einen Anspruch noch einen Zugriff hat, ist diesen Kindern behördlich die Zukunft verbaut!

    -Bildung ist die Ressource der Schweiz.
    -Kinder haben Anspruch auf eine ihren Fähigkeiten und Neigungen gemässe Ausbildung.
    -Ein Studium soll nicht vom Geldbeutel des Studierenden abhängen.

    Für die Kinder von Alleinerziehenden ohne Geld wird Tertiäre Erstausbildung durch behördliche Regelungen verunmöglicht! D. h. diese Kinder werden ganz konkret und schuldlos behördlich diskriminiert.

    Bravo - schöne Bildungsschweiz!
  • Verena 11.10.2009 13:06 Uhr
    Wie recht Sie haben. Ich bin 47,ledig,alleinerziehende Mutter. Meine Kinder sind mittlerweilen 19J. und 13J.Ich musste immer voll Arbeiten, bekam nie Hilfe.Unterdessen bin seit fast vier Jahren krank,Posttraumatische Belastunfsstörung,bekomme 100% IV-Rente.Es war alles viel zu viel,und heute,immer noch keine Hilfe, ich habe alles verloren. Für mich und meine Kinder eine absolut extrem Situation und ich weiss nicht, wie lange ich noch überleben kann.Das schlimmste für mich sind die wahnsinnig hohen Wohnungsmieten, wohnen ist ein Luxus für mich.Ich bin meines Erachtens, ein vom Staate produzierter Sozialfall und habe mich,in dem Moment wo ich mich für die Kinder entschieden habe,ins aus katapultiert.

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