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Kinder möchten frei und ungestört spielen – ein Wunsch, der ihnen vor allem draussen in Erfüllung gehen könnte. Doch das Spielen auf der Strasse ist wegen des gefährlichen Autoverkehrs kaum noch möglich. Fachleute erläutern, wie die Welt draussen wieder kinderfreundlicher werden kann.
Kinder brauchen den Platz zum Spielen, auf der Strasse kann es jedoch schnell gefährlich werden. Foto: © .shock - Fotolia.com
Frei und ungestört zu spielen, ist Kindern nicht nur ein Bedürfnis, sondern auch Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung. Spielen fördert Ausdauer, Kreativität, Phantasie und Intelligenz. Warum es so wichtig ist, das Spiel-Bedürfnis von Kindern ernst zu nehmen und warum Tempo 30 immer noch zu gefährlich für Kinder ist, erläutern Dr. Marco Hüttenmoser, Leiter der Forschungs- und Dokumentationsstelle «Kind und Umwelt» in Muri, und Isabel Fricker, Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung Jugend- und Familienförderung des Erziehungsdepartements Basel-Stadt.
Frau Fricker, «Kinderfreundlichkeit ist nicht genug», mit diesen Worten haben Sie unlängst eine Tagung zum Thema «Kinderfreundlichkeit» des Erziehungsdepartments Basel-Stadt eröffnet. Wie meinen Sie das?
Isabel Fricker: Unsere Gesellschaft soll kinderfreundlich sein, da sind sich alle einig. Dass dies aber bedeutet, Kinder ernst zu nehmen und sie an der Ausgestaltung ihrer Lebensräume zu beteiligen, ist vielen nicht bewusst. Kinderfreundlichkeit umzusetzen heisst für uns Erwachsene auch, ein Stück Macht abzugeben.
Isabel Fricker ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung Jugend- und Familienförderung in Basel-Stadt. Foto: privat
In welchen Bereichen fühlen sich Kinder von Erwachsenen zu sehr eingeengt?
Isabel Fricker: Seit 2007 veranstaltet die Stadt Basel alle zwei Jahre einen Kindermitwirkungstag. Im Rahmen dieses Beteiligungsprojektes hat sich auch dieses Jahr deutlich gezeigt: Kinder wollen sich draussen frei bewegen können, sie wollen sich ihr Wohnumfeld spielerisch aneignen. Ihre Wünsche und Forderungen reichen von «auf der Strasse spielen» bis «Strassen sperren» (einschliesslich «Asphalt aufreissen») und Kletterbäume pflanzen».
Herr Dr. Hüttenmoser, seitdem Sie 1980 die Forschungs- und Dokumentationsstelle «Kind und Umwelt» in Muri gegründet haben, setzen Sie sich für kindersichere Strassen ein. Warum sollen Kinder auf die Strasse?
Marco Hüttenmoser: Draussen finden Jungen und Mädchen genau das, was sie brauchen: Freiheit, Spiel und Selbstbestimmung. Weil Kinder nicht mehr an und auf den Strassen spielen können, fehlt ihnen ein elementarer Ort, an dem sie grundlegende Fähigkeiten wie Phantasie und Kreativität ausleben können. Die mangelnde Bewegung an frischer Luft führt zu motorischen Problemen und Übergewicht. Darüber hinaus haben Kinder zu wenig Möglichkeiten, sich von den Eltern zu lösen, selbstständig zu werden, im wahrsten Sinne des Wortes zu lernen, «eigene Wege zu gehen».
In der Schweiz sind in den vergangenen Jahren viele neue, interessante Spielplätze entstanden …
Marco Hüttenmoser: Spielplätze reichen nicht. Zum einen sind Spielplätze zumeist nur über stark befahrene Strassen erreichbar, sodass Kinder doch wieder von Erwachsenen begleitet werden müssen und sich somit nicht unbeobachtet auf dem Spielplatz behaupten. Zum anderen wollen Kinder ihr ganzes Umfeld erkunden, nicht nur den Spielplatz. Übrigens: Auch der Garten genügt nicht – dort fehlen in der Regel andere Kinder.
Marco Hüttenmoser ist der Gründer der Forschungs- und Dokumentationsstelle «Kind und Umwelt». Foto: privat
Haben sich die Möglichkeiten, draussen spielen zu können, in den vergangenen zehn Jahren verschlechtert?
Marco Hüttenmoser: Nein, es gibt nicht nur Rückschritte. In vielen Quartieren entstanden Tempo-30-Zonen und Begegnungszonen. Allerdings: Tempo 30 ist immer noch zu gefährlich für Kinder. Und viele Begegnungszonen verdienen ihren Namen nicht, weil zu viele parkende Autos den Freiraum der Kinder behindern.
Was muss passieren?
Marco Hüttenmoser: Ganz einfach: Wir müssen den Kindern den Spielraum zurückgeben, den sie weitgehend verloren haben. Es kann nicht sein, dass Kinder immer nur einen einzigen bestimmten Schulweg gehen dürfen. Sie müssen sich auf anderen Wegen sicher fühlen dürfen. Automobilverbände brüsten sich damit, dass die Unfall-Zahlen von Kindern zurückgehen. Die Wahrheit ist aber: Kinder erleiden deshalb weniger Unfälle, weil sie aus dem Strassenverkehr zu einem grossen Teil verdrängt werden.
Begegnungszonen: Spielen auf der Strasse
In Begegnungszonen haben Fussgänger gegenüber dem Fahrzeugverkehr Vortritt. Sie können sich jederzeit auf der Fahrbahn aufhalten, dürfen jedoch Fahrzeuge nicht unnötig behindern. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 20 Kilometer pro Stunde.
Seit Anfang 2002 sind Begegnungszonen in der Schweiz zugelassen: auf Nebenstrassen in Bereichen mit Wohn- und/oder Geschäftsnutzung. Kinder profitieren von Begegnungszonen, weil die Zonen Platz zum Spielen schaffen und Kinder Vorrang vor Autos haben. Begegnungszonen schaffen aber auch Erwachsenen Freiraum: für Nachbarschaftsfeste und gemeinsame Grillabende zum Beispiel.
Was schlagen Sie konkret vor?
Marco Hüttenmoser: Tempo-30-Zonen müssen möglichst oft mit Begegnungszonen durchsetzt werden. Diese müssen den Kindern echten Freiraum bieten und untereinander vernetzt werden.
Auf befahrenen Strassen besteht Gefahr für Kinder. Foto: © Pavel Losevsky - Fotolia.com
Was können Eltern konkret tun, damit Kinder draussen mehr Freiraum finden?
Isabel Fricker: Nachbarn können gemeinsam nach Möglichkeiten suchen, im nahen Wohnumfeld für Kinder Spielraum zu schaffen. Schön, wenn Innenhöfe für Kinder attraktiv gestaltet werden und Kinder dort zumindest zu bestimmten Zeiten ungestört spielen dürfen. Eltern, die selbst Auto fahren, können im Wohnquartier möglichst langsam fahren und das Auto öfter einmal stehen lassen - so verliert der Strassenverkehr bereits ein gutes Stück seiner Gefährlichkeit für Kinder.
Marco Hüttenmoser: Eltern können darauf hinwirken, dass die Strasse vor ihrem Haus eine Begegnungszone wird. Konkret bedeutet das: Sich einen Abend mit den Nachbarn zusammensetzen und Überzeugungsarbeit leisten. Dann wird ein Brief mit der Bitte, eine Begegnungszone einzurichten, an die Gemeinde aufgesetzt. Er hat am ehesten dann Erfolg, wenn mindestens die Hälfte der Anwohner ihn unterschreibt. Wichtige Voraussetzung ist natürlich auch, dass die Strasse allabendlich nicht vom Berufsverkehr überrollt wird.
Frau Fricker, glauben Sie, dass die Welt langfristig wieder kinderfreundlicher wird?
Isabel Fricker: Kinderfreundlichkeit hat in der Fachwelt und in der Politik auf jeden Fall an Aktualität gewonnen. Längst ist erkannt worden, wie wichtig der Nachwuchs ist. Damit die Städte kinderfreundlicher werden, ist allerdings noch mehr Zusammenarbeit in der öffentlichen Verwaltung notwendig. Ausserdem gibt es in der privaten Wirtschaft, zum Beispiel in Bereichen von Siedlungsbau oder Immobilienverwaltung, noch viel Entwicklungsbedarf.
Weitere Informationen zur Kinderfreundlichkeit und Spielen auf der Strasse
- Kinder-Lobby Schweiz: www.kinderlobby.ch
- Forschungs- und Dokumentationsstelle «Kind und Umwelt»: www.kindundumwelt.ch
- Begegnungszonen in der Schweiz: www.begegnungszonen.ch
- Eine Begegnungszone einrichten: www.bern.ch
- Abteilung Jugend- und Familienförderung im Erziehungsdepartement Basel-Stadt: www.ed-bs.ch
- Leitfaden "Auf Augenhöhe 1.20m" für eine kinderfreundliche Stadtentwicklung des Kantons Basel-Stadt: www.entwicklung.bs.ch
- Unicef-Initiative Kinderfreundliche Gemeinde: www.unicef.ch
Text: Sigrid Schulze
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