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Können Mütter und Väter alle ihre Kinder gleich fest lieben? Jeffrey Kluger, Journalist und Buchautor, behauptet: Nein. Eltern, die beteuern, keines ihrer Kinder zu favorisieren, «lügen, dass sich die Balken biegen», so der US-Amerikaner in seinem neuen Buch.
Im Verlauf einer Studie haben 65 Prozent der befragten Eltern zugegeben, ein Lieblingskind zu haben. Foto: © somenski - Fotolia.com
«Du wirst das zweite Kind von Beginn an genau so lieben wie das erste», «Eltern empfinden für ihre Kinder immer bedingungslose Liebe». Werdende Eltern können sich solchen Sprüchen kaum entziehen. Jeffrey Kluger, Journalist beim Time Magazin und selber eines von acht Kindern, zeigt in seinem Buch «The Sibling Effect: What the Bonds Among Brothers and Sisters Reveal About Us» (auf Deutsch: «Der Geschwister-Effekt: Was die Beziehungen zwischen Brüdern und Schwestern über uns aussagen») aber auf, dass es nahezu unmöglich ist, Zuneigung gleichmässig auf die eigenen Kinder zu verteilen.
Forscher der UC Davis (Kalifornien) führten zum Thema eine Befragung durch. 65 Prozent der Eltern gaben zu, eines ihrer Kinder zu favorisieren. Bei Vätern sei oft das jüngste Mädchen der Liebling, Mütter würden häufig den ältesten Jungen favorisieren. Kluger, der die Studie in seinem Buch erwähnt, behauptet, dass die restlichen 35 Prozent bei der Befragung schlichtweg nicht ehrlich waren. Schliesslich ist es nicht einfach zu gestehen, dass man eines seiner Kinder bewusst bevorzugt.
Seine These belegt der US-Amerikaner nicht nur mit Studien, sondern auch mit der Biologie, berichtet Jeanette Kuster im Mama Blog des Tages Anzeigers. Die Bildung von Präferenzen sei in den Genen verankert, egal ob es um Fussballmannschaften, Ferienziele oder eben Kinder geht.
Meist sei das älteste Kind der Liebling, erklärt Kluger. «Dies aus dem einfachen Grund, weil man in dieses Kind besonders viel Energie, Geld und Ressourcen investiert hat.» In einem Interview mit dem amerikanischen Radio-Sender NPR erwähnt er eine weitere Studie. Die ältesten Kinder tendieren dazu, grösser und intelligenter zu sein. Seien es auch nur wenige Zentimeter oder zwei bis drei IQ-Punkte. Jeffrey Kluger ist überzeugt, dass auch die Ästhetik und die Klugheit der Kinder bei der Präferenzbildung eine Rolle spielt.
Der jüngste Sprössling hat laut Buchautor ebenfalls Lieblingskind-Potential, da es häufiger Beschützerinstinkte hervorruft. Ganz klar sei aber: Die Kinder merken ganz genau, ob sie die Favoriten sind oder nicht. Dies hat Konsequenzen. Deutlich ungleich behandelte Geschwister entwickeln oft eine auffällige gegenseitige Rivalität. Weniger beachtete Kinder leiden an einem schwächeren Selbstbewusstsein und die Favoriten können oft nicht mit der auf einmal fehlenden Aufmerksamkeit umgehen, die beim Verlassen des Elternhauses entsteht.
Für die Mama-Bloggerin Jeanette Kuster, Mutter einer zweijährigen Tochter und derzeit zum zweiten Mal schwanger, sind das trübe Aussichten. Müssen sich Eltern damit abfinden, dass sie ein Kind mehr lieben werden als die anderen? Kluger sagt ja. Das sei der erste Schritt. Man sollte sich allerdings bewusst auf die positiven Eigenschaften der nicht bevorzugten Kinder konzentrieren und wann immer möglich diese gezielt loben. «Letztendlich darf man die eigenen Kinder schon unterschiedlich behandeln. Man soll dabei einfach fair bleiben», so der Buchautor.
Die richtige Lösung liege für sie dabei in diesem letzten Tipp, schreibt Kuster. Kinder sollen unterschiedlich behandelt werden, weil sie unterschiedlich geliebt werden – auf unterschiedliche Weise. Das habe mit der Intensität nichts zu tun. Die Zuneigung entwickle sich anhand der Stärken und Schwächen der Kinder, die als Individuen eben «individuelle Liebe» verdienen.
Text: Sabrina Stallone am 18.10.2011

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