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Häufig wird bei früh eingeschulten Kindern die Aufmerksamkeitsstörung ADHS diagnostiziert – in vielen Fällen aber zu Unrecht. Eine Studie kanadischer Forscher zeigt anhand von fast einer Million Fälle, dass unreifes Verhalten oft irrtümlich als Krankheit interpretiert wird. Folgen können gravierend sein.
Unaufmerksamkeit kann auch andere Gründe haben als ADHS. Die psychische Störung wird oft zu früh diagnostiziert. Foto: Tomasz Trojanowski - Fotolia.com
Unaufmerksamkeit, Zerstreutheit, Vergesslichkeit, Hyperaktivität, Impulsivität – diese Merkmale kennzeichnen die psychiatrische Diagnose ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung). Laut Schätzungen sind in der Schweiz fünf bis sechs Prozent aller Kinder betroffen, wobei sich erste Symptome meist zu Beginn der Schulzeit zeigen. Viele der ADHS-Diagnosen bei Kindern im Einschulungsalter sind jedoch Fehldiagnosen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie kanadischer Forscher, die zu Beginn der Woche im Fachmagazin «Canadian Medical Association Journal» veröffentlicht wurde. Die Untersuchung von fast einer Million Kindern zeigt, dass vor allem bei früh eingeschulten Kindern überdurchschnittlich häufig ADHS diagnostiziert wird. Eine verfrühte Verschreibung von Medikamenten kann schwerwiegende Folgen haben.
In der kanadischen Provinz British Columbia fällt der Stichtag für die Einschulung auf den 31. Dezember. Im Folgejahr dürfen all diejenigen Kinder in die erste Klasse gehen, die kurz vor diesem Datum Geburtstag haben. Die Kinder, die Anfang Januar geboren sind, müssen ein weiteres Jahr warten.
Für ihre Studie haben kanadische Forscher den gesundheitlichen Werdegang von über 900 000 Kindern über elf Jahre hinweg verfolgt. In der gesamten Studienzeit war der Effekt des Alters auf die ADHS-Diagnosen auffällig. Überdurchschnittlich häufig betroffen waren Kinder, die im Dezember geboren sind: Jungen erhielten die Diagnose 30 Prozent häufiger als im Januar geborene, bei Mädchen betrug der Unterschied gar 70 Prozent.
Obwohl beide Geschlechter betroffen sind, wird ADHS bei Jungen insgesamt bis zu dreimal häufiger diagnostiziert. Dies könnte laut den Forschern mit der unterschiedlichen Ausprägung der Symptome zusammenhängen. Während Jungen oft ein hyperaktives und impulsives Verhalten zeigen, wird die häufige Verträumtheit und Unkonzentriertheit der Mädchen seltener erkannt. Vor einer verfrühten Diagnose warnen die Forscher. Viele im Dezember eingeschulte Kinder sind ihren älteren Klassenkameraden an Reife unterlegen. Empfehlenswert ist in solchen Fällen, den Kindern ein weiteres Jahr für die Entwicklung ihres Sozialverhaltens zu geben und sie später einzuschulen.
Verfrühte Diagnosen können potentielle Langzeitfolgen und -schäden mit sich tragen: Mittel gegen ADHS wie Methylphenidat wirken sich in vielen Fällen negativ auf den Appetit, das Wachstum und den Schlaf aus. Auch das Risiko für spätere Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist deutlich erhöht. Dadurch, dass sich Eltern und Lehrer gegenüber ADHS-Kindern anders verhalten, kann sich ein schlechtes Selbstwertgefühl entwickeln. «Diese Studie wirft Fragen für Ärzte, Lehrer und Eltern auf, wir müssen uns fragen, was sich ändern muss», erklärt Psychiaterin Jane Garland, Mitautorin der Studie. Sie empfiehlt, das relative Alter der Kinder künftig vermehrt zu beachten und Einschulungstests in Betracht zu ziehen.
Autor: Jasmine Helbling am 7. März 2012
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