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Wenn in der Öffentlichkeit das Thema Essstörungen diskutiert wird, denkt man meist an Magersucht und Bulimie. Laut einer Lausanner Studie leiden jedoch fünfmal so viele Mädchen an einer Form der Essstörung, die noch weitgehend unbekannt ist: Sie hungern, um in Krisenmomenten umso mehr essen zu können.
Mädchen leiden fünfmal häufiger an weitgehend unbekannten Essstörungen als an Magersucht und Bulimie. Foto: iStockphoto - Thinkstock
In ihrer Studie zum Essverhalten junger Mädchen stiess die Lausanner Psychologin Sophie Vust auf eine unauffällige Form der Essstörung, die nicht den Kriterien der Magersucht (Anorexie) und Ess-Brech-Sucht (Bulimie) entspricht. «Die jungen Frauen sind erfüllt von Zweifeln über die Ernährung und ihren Körper. Sie wechseln ab zwischen Fasten, um abzunehmen, und Krisen, in denen sie alles Mögliche in sich hineinstopfen», erklärte Vust vor wenigen Tagen gegenüber dem Tages Anzeiger. Unkontrolliert und in riesigen Mengen essen Betroffene in Krisenmomenten all diejenigen Lebensmittel, die sie sich normalerweise verbieten. Die Folgen sind Scham und Schuldgefühle, welche zu einem noch strikteren Diätplan führen, welcher wiederum zu einer verstärkten Krise führt. So gelangen die Mädchen in einen ewigen Teufelskreis, aus dem sie sich nur schwer wieder befreien können.
«Diese Störungen finden in unserer Gesellschaft mit ihrem Kult um das Aussehen und die Schlankheit einen fruchtbaren Nährboden», so Vust. Atypische Essstörungen kommen fünfmal häufiger vor als Magersucht (ein Prozent) und Bulimie (zwei bis drei Prozent). In Berufsgruppen, in denen das Aussehen eine grosse Rolle spielt, kommen Fehl- und Mangelernährungen besonders häufig vor: Bei Models und Tänzerinnen ist eine von fünf Frauen betroffen. Oft problematisch sind laut der Psychologin Präventionskampagnen zur Gewichtskontrolle. Indem diese stark auf Ernährung und Gewicht fokussieren, können sie kontraproduktiv wirken und die Situation sogar verschlimmern. Die Folge ist eine noch stärkere Esskontrolle der Mädchen und weniger Rücksicht auf die psychologischen Bedürfnisse. Vust spricht sich dafür aus, dass Präventionskampagnen vermehrt beim Aufbau des Selbstwertgefühls ansetzten, da Mädchen mit Essstörungen sich stark über ihr Äusseres definieren. Kampagnen sollen innere Werte ganz unabhängig von Leistung und Aussehen betonen.
Essstörungen enden oft in einem Teufelskreis, aus dem sich die Betroffenen kaum noch selber befreien können. Eine Einzel- oder Gruppentherapie soll Mädchen dabei helfen, Ernährungssignale wieder wahrzunehmen und das Selbstwertgefühl zu verbessern. Behandlungen passen sich dem Alter und Schweregrad der Betroffenen an. So funktionieren Gruppentherapien bei Jugendlichen meist sehr gut, bei jüngeren Mädchen sollte jedoch bei der Familie angesetzt werden. Für Hilfe wenden sich Betroffene und Eltern am besten an die Arbeitsgemeinschaft Ess-Störungen (AES). Neben Informationen werden auch Fragebögen zur Selbsteinschätzung und Vermittlungen von Gesprächsgruppen angeboten.
Autor: Jasmine Helbling am 30. Mai 2012
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