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Manche Eltern erkennen die Zeichen ihres Babys nicht gut genug. Sie sind nicht in der Lage, richtig auf die Bedürfnisse ihres Babys zu reagieren. Warum das so ist und wie auch gebildete Eltern von einem Training profitieren können, erklärt Yves Hänggi vom Institut für Familienforschung und -beratung an der Universität Freiburg. Er hat das Freiburger Feinfühligkeitstraining für Eltern entwickelt.
Für die spätere Entwicklung eines Kindes ist es wichtig, dass Eltern richtig auf die Signale ihres Babys reagieren. Foto: © Lena S. - Fotolia.com
Babys sprechen nicht. Wie können Eltern Babys verstehen?
Yves Hänggi: Grundlegend ist, die Signale und Feinzeichen beim Kind überhaupt erkennen beziehungsweise sehen, hören und fühlen zu können. Eltern müssen dazu ihre Aufmerksamkeit beim Kind haben. Das gelingt besonders gut, wenn Eltern für das Baby Zeit haben. Unter Stress und Belastungen fällt das deutlich schwerer. Indem die Eltern sich den Signalen von Babys bewusst werden, können Eltern auch unter Stress die Signale gut genug erkennen und richtig interpretieren.
Welche Signale sind das?
Ein Baby verfügt über eine grosses Repertoire an Mitteilungsmöglichkeiten: Es kann Laute von sich geben wie brabblen, jauchzen, wimmern oder schreien. Es kann Mimik und Gestik einsetzen. Mit Feinzeichen wie dem Wegdrehen des Kopfes, Blickzuwendung oder Fäustchen kann es bestimmte Gefühle ausdrücken. Auch die Körperspannung und die Art, sich zu bewegen wie freudiges Zappeln oder Zappeln aus Stress sind Signale des Babys. Das ganze Orchester an Zeichen ergibt die Botschaft an die Welt der Erwachsenen.
Warum ist es für manche Eltern so schwierig, die Signale des Babys richtig zu verstehen?
Es gibt mindestens drei Gründe. Einige Eltern sind verunsichert und vertrauen zu wenig auf ihre intuitiven Fähigkeiten. Das kann beim ersten Kind sein oder wenn die Eltern sehr jung sind. Aber auch gut gebildete Eltern laufen Gefahr, zu sehr nur mit dem Kopf das Baby verstehen zu wollen. Sie interagieren aufgrund ihres Wissens und Verstandes mit dem Baby und sind letztlich weniger feinfühlig als Eltern, die ganz intuitiv handeln. Aber sowohl Wissen als auch Bauchgefühl sind wichtig. Wieder andere Eltern sind gestresst und belastet. Sie übergehen die Signale des Babys oder vermögen nicht, auf die Bedürfnisse angemessen zu reagieren, beispielsweise wenn Mütter an einer Postnatalen Depression leiden. Eine dritte Gruppe von Eltern hat als Babys selber wenig sensitive Eltern erlebt und keine emotionale Sicherheit gewinnen können. Sie hat als Kind ein Trauma wie etwa den Tod eines Elternteils erlebt. Diesen Eltern fällt es oft schwer genügend sensitiv auf ihre Kinder zu reagieren.
Richtet sich Ihr Freiburger Feinfühligkeitstraining an diese Eltern?
Feinfühligkeitstrainings wie unser Freiburger Ansatz haben gute Erfolge bei besonders belasteten Eltern. Die elterliche Sensitivität für die Signale und Bedürfnisse ihrer Kinder - auch Feinfühligkeit genannt - ist in der Regel bei Eltern gut ausgeprägt. Unter Stress, psychischen Belastungen und Traumata nimmt diese natürliche Kompetenz beträchtlich ab. Das Training richtet sich zudem an Eltern, die verunsichert sind und Eltern, die ihre Feinfühligkeit und Beziehung zum Kind stärken möchten. Das Training vermittelt Eltern von rund 6 Monate alten Babys Wissen und gibt Sicherheit.
Was ist neu an diesem Training?
Ein bedeutender Unterschied zu bestehenden Kursen und Beratungsangeboten ist die klare und explizite Fokussierung auf die Feinfühligkeit. Dabei wird als zentrale Methode mit dem Video-Feedback zur Eltern-Kind Interaktionen gearbeitet.
Wenn Kinder lächeln, reagieren Eltern meist intuitiv und lächeln zurück. Foto: © Lena S. - Fotolia.com
Was lernen Eltern im Kurs?
Eltern lernen die Signale und Feinzeichen ihrer Kinder zu erkennen und zu verstehen. Dabei wird versucht, sich in die Lage des Babys zu versetzen. Was bedeutet es beispielsweise, wenn das Kind während des Spielens den Kopf kurz wegdreht? In der Regel bedeutet es «Mami, ich brauche eine Pause!» Es kann aber auch bedeuten, dass etwas anderes in den Fokus des Interesses geraten ist. Vielleicht hat der Vater oder die Mutter noch weitere Vermutungen. Die Videoanalyse zusammen mit den Eltern gibt meistens eine Antwort auf die Bedürfnisse der Kinder in bestimmten Situationen.
Sicher sehen Sie in der Videoanalyse auch, was Eltern häufig falsch machen.
Ja, wenig feinfühlige Eltern übersehen gerne die feinen Signale ihrer Babys und reagieren auf «grobe» Signale wie das Schreien und Weinen. Diese Eltern reagieren daher oft nicht oder erst spät auf kindliche Bedürfnisse. Sehr feinfühlige Eltern reagieren hingegen immer sehr rasch und intuitiv. Die meisten Eltern liegen in Bezug auf die Feinfühligkeit irgendwo zwischen diesen Extremen. Dabei sind es häufig eingeschliffene Verhaltensmuster, die dem Bedürfnis des Babys zuwider laufen, wie beispielsweise das Baby sehr schnell und nicht über die Seite ablegen. An der Reaktion des Babys kann man glücklicherweise sehr gut ablesen, ob es für das Baby stimmig war oder nicht.
An der Fachtagung «Babys besser verstehen lernen» sagten Sie, Sie hätten die Vision, dass Feinfühligkeitstrainings so selbstverständlich würden wie ein Geburtsvorbereitungskurs. Warum?
Das erste Lebensjahr ist von grosser Bedeutung für die gesamte spätere Entwicklung. Langzeitstudien belegen die Notwendigkeit eines sensitiven Umgangs mit dem Baby. Eine gelungene Eltern-Kind Interaktion trägt zur emotionalen Sicherheit des Kindes bei, welche das Leben lang wirksam bleibt und an die nächste Generation weitergegeben wird. Wie Eltern die emotionale Sicherheit ihres Kindes unterstützen können, sollten sie daher genau so lernen, wie die richtige Atemtechnik während der Geburt oder die Säuglingspflege.
Interview: Angela Zimmerling im November 2011
Das Freiburger Feinfühligkeitstraining ist ein Kurs für Eltern mit Babys im Alter von 6 Monaten. Die Ausbildung der Trainer hat erst jüngst begonnen. Die Liste der Anbieter und die Kurskosten werden auf der Website des Instituts für Familienforschung fortlaufend aktualisiert.
Informationen gibt es unter www.unifr.ch
Dr. Yves Hänggi, arbeitet am Institut für Familienforschung und -beratung. Er studierte Klinische Psychologie, Allgemeine Psychologie sowie Religionswissenschaft an der Universität Freiburg (Schweiz). 2005 schloss er das Doktorat in Klinischer Psychologie ab. Er ist Triple P Kurzberater, Trainer-Trainer des Freiburger Feinfühligkeitstrainings für Eltern (FFTE) und Initiant des Online-Elterntrainings zur Bewältigung von Familienstress.
Foto: Institut für Familienforschung und -beratung

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