Weitere Artikel

Apps für Kinder: «Bauklötze sind jeder App überlegen»

a | A
Drucken

Schon Kleinkinder sind fasziniert vom bunten Bildschirm des iPhones und haben Freude daran ihre Fingerabdrücke darauf zu hinterlassen. Sind Smartphones und die dazugehörigen Apps für Kinder geeignet? Was Eltern wissen sollten, erklärt Michael In Albon, Jugendendmedienschutz-Beauftragter der Swisscom.

Für Kinder gibt es viele Apps für das Smartphone.

Eltern sollten im Auge behalten, welche App ihr Kind auf dem Smartphone nutzt. Foto: © Oleksandr Pekur | Dreamstime.com

Eine amerikanische Studie zeigte, dass schon rund 30 Prozent aller iPhone Nutzer sogenannte iphone Mums sind, die das Handy von ihrem Kind benutzen lassen oder Apps und Spiele für ihr Kind downloaden. Hat klassisches Spielzeug wie Holzklötze oder Memory ausgedient?

Michael In Albon: Digitale Medien, so stark sie unser Leben auch beeinflussen, reproduzieren nur eindimensional. Eine App riecht nicht, sie ist nicht räumlich, geht nicht kaputt, hat keine Temperatur. Eine App wird nicht Realität. Ich bin nicht Entwicklungspsychologe, würde aber behaupten, dass Bauklötze jeder App überlegen sind, was das sinnliche Erfahren und das Lernpotenzial angeht.

Gehören moderne Handys wie die Smartphones überhaupt schon in die Hände von Ein- oder Zweijährigen?

Ja und nein. Ich erkenne es bei meinen Söhnen, die beide noch Kleinkinder sind: Der Reiz des passiveren Konsumierens ist da und manchmal mögen sie sich nicht mit sich auseinandersetzen und konsumieren lieber eine App. «Sehr selten» ist hier wohl das richtige Mass.

Michael In Albon

Apps-Kinder-INAlbonneu

Michael In Albon ist seit 2009 Jugendmedienschutz-Beauftragter bei Swisscom. Der Historiker und Linguist möchte Eltern klarmachen, dass neue Medien nicht gefahrlos für Kinder sind. Er will Eltern aber auch die Angst vor der digitalen Welt nehmen. Den Satz: «Ich habe keinen Zugang zu diesen modernen Medien, meine Tochter weiss da viel mehr» lässt er nicht gelten. «Kompetenter Umgang mit den digitalen Medien ist eine Erziehungsaufgabe der Eltern, und die Eltern sollen sich nicht vor dieser Aufgabe drücken, nur weil ihr Kind Smartphone und Computer schneller bedienen kann», sagt er.

Der Medienexperte nutzt privat ebenso Apps, allerdings nur einige wenige. Seine Erfahrung ist, dass sich auf den Smartphones sehr schnell App-Friedhöfe bilden. Man lade eine App herunter, finde sie ein-, zweimal spannend oder unterhaltsam, und öffne sie dann nie mehr, so In Albon.

Foto: Swisscom

Für unterwegs ist das Smartphone praktisch. Da müssen Eltern nicht mehr Stifte, Malblock und anderes Spielzeug mitnehmen. Manche Eltern nutzen das Smartphone aber, um ihr Kind ruhig zu stellen. Kann das gefährlich werden?

Ja, aber das hat nichts mit den neuen Medien zu tun. Dieses Phänomen stellen wir auch beim Fernsehen fest. Der Konsum-Modus verlangt dem Kind weniger ab und es ist «gemütlicher». Dem Kind tut man damit keinen Gefallen. Ich bin überzeugt, dass kreative Spiele nachhaltig spannender sind für Kinder.

Sollten Eltern das Spielen auf dem Smartphone ganz verbieten, wenn sie merken, dass ihr Kind süchtig danach wird?

Strategien können unterschiedlich aussehen. Ein rigides Verbot erhöht den Willen, es zu umgehen. Es empfiehlt sich, Regeln aufzustellen und den Konsum so zeitlich und zusätzlich bezüglich Inhalt zu beschränken. Fakt ist, dass Kleinkinder nichts verpassen, wenn sie nicht mit dem Smartphone spielen.

Sie haben von Regeln aufstellen gesprochen. Wie sollten Eltern den App-Konsum ihrer Kinder noch begleiten?

Eltern müssen auf jeden Fall wissen, was wie lange konsumiert wird. Ein Smartphone gehört ebenso wenig unbeaufsichtigt in Kleinkinderhand, wie ein Laptop oder Tablet in die Hände Acht-, Neun- oder Zehnjähriger. Damit wird auch klar: Ein solches Gerät darf nicht zum «Kindermädchen» werden.

Sind die Kinder älter, besitzen viele selbst ein Smartphone. Auf was sollten sie achten?

Auch hier bleibt die Nutzungszeit eine grosse Herausforderung. Hinzu kommen Inhalte aus dem Netz, die für Kinder ungeeignet und teilweise verboten sind wie Pornographie oder Gewaltdarstellungen. Technische Mittel können den grössten Teil solcher Inhalte unterdrücken.

Welche Sicherheitseinstellungen sollten Sie und Ihre Kinder am Smartphone vornehmen?

Zunächst: Kein freier Zugriff auf den Shop. Alles andere kann Überraschungen zeitigen, wenn die nächste Kreditkartenabrechnung im Briefkasten liegt. Auch sollen Eltern in jedem einzelnen Fall abschätzen, ob der Inhalt dem Alter und Entwicklungsstand des Kindes angemessen ist. Ein Blanko-Check ist unverantwortlich. Es gibt auch Filter-Programme für das Smartphone, die man installieren kann. Smartphones werden seit Kurzem zum Ziel von Viren und Hacker-Angriffen. Auch diese kann man mit geeigneten Programmen weitgehend abwehren.

Welche Apps sind nicht für Kinder geeignet?

Einige Apps preisen sich zwar als altersgerecht an, sind es aber bei näherem Hinschauen nicht. Für einen Vierjährigen mag «I here you» spannend sein, wenn es dort die Geräusche verschiedener Tiere oder Fahrzeuge hören kann. Die Talking Friends Kollektion zum Beispiel «Talking Tom» oder «Talking Larry» ist im ersten Moment lustig, wenn man mit einer Katze oder einem Hund interagieren kann, wie streicheln, füttern und kitzeln. Nachdenklich stimmt aber, dass man den Kater auch so lange schlagen kann, bis er umkippt  und drei Sekunden später wieder aufsteht. Man muss also sehr genau darauf achten, welche Werte und Verhaltensweise in solchen Apps vermittelt werden.

Was sind Ihrer Meinung nach die besten Smartphone Apps für Kinder?

Bei Apps darf man sich nicht darauf verlassen, dass das, was kostenlos ist, auch nichts wert ist. Und umgekehrt. Es gibt sehr viele pädagogisch wertvolle Apps wie zum Beispiel «Lerne Englisch» oder «Lerne Französisch» von «Busuu». Empfehlenswert ist auch «LEO», ein Übersetzungs-Werkzeug, das es auch online unter www.leo.org gibt. Grundsätzlich gilt: Beachten Sie die Bewertungen, die die Nutzer erstellen. Sie lassen eine gute Einschätzung zu, wie wertvoll oder sinnvoll eine App ist. Spiele auf dem iPhone sind wenig sinnvoll. Es gibt zwar durchaus clevere Umsetzungen für den kleinen Bildschirm eines Smartphones, aber gerade Activity-Spiele machen für mich persönlich wenig Sinn. Quizes oder Rätsel-Spiele sind da schon besser und haben einen zusätzlichen pädagogischen Wert.

Interview: Angela Zimmerling, September 2011

Apps für die Familie

Mit der Familienleben iApp die besten Orte für Familien finden: Hier gratis downloaden.

Apps für Kinder – Tipps von anderen Eltern

 

Die Rubrik «Medienkompetenz» wird von Swisscom präsentiert. Das Unternehmen hat mehr als 6300 Schweizer Schulen kostenlos ans Internet angeschlossen und setzt sich für den Jugendmedienschutz ein. Mehr Infos ...

 


Das könnte Sie auch interessieren

Hier können Sie mitdiskutieren

Newsletter

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, dann abonnieren Sie doch unseren Newsletter. Jede Woche weitere nützliche Artikel, Tipps und Veranstaltungshinweise

  • Twitter
  • Facebook
  • studiVZ
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • Reddit
  • StumbleUpon
  • Windows Live
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg

Kommentare

  • gertrude56 16.03.2012 09:31 Uhr
    Ich stimme barney vollkommen zu! Natürlich ist die Cyberwelt ein grosses Thema bei nachfolgenden Generationen, aber trotzdem sollten diese nicht den Bezug zur Realität verlieren. Immer öfter sehe ich Kinder im jungen Primarschulalter mit ihren Handys herumspielen und kann nicht umhin, das etwas schade zu finden. Das hört sich ja immer doof an, aber unsere Generation hat noch draussen an der frischen Luft gespielt! Vor allem den Bezug zur Natur sollten Kinder nicht verlieren! Viel zu viele Eltern fürchten sich davor, ihre Kinder im Wald oder auf Wiesen spielen zu lassen. Die Gefahren der modernen Technik hingegen werden ausgeblendet und häufig unterschätzt. Ein Mittelweg ist wohl das Beste.
  • barney_01 16.03.2012 08:52 Uhr
    Hallo zusammen Kinder-Apps sind sicher eine gute Sache. Und die virtuelle Welt wird die Zukunft nächster Generationen sein. Trotzallem finde ich es wichtig, dass Kinder sich auch mit der realen Welt beschäftigen. Ich habe letzens mit einer Kollegin gesprochen, die Kindergärtnerin ist. Sie hat mir erzählt, dass bei ihr im Kindergarten eine neues Kursprogramm eingeführt wurde, das sich Purzelbaum nennt. Es geht bei diesem Programm darum, dass Kinder solche Sachen wie über einen Baumstamm balancieren oder einen Purtzelbaum machen wieder lernen. Früher war das für jeden selbstverstänlich,dass man dies konnte. Natürlich, die einen besser, andere schlechter. Heute scheint es, die Kinder sind mehr und mehr nur noch geschickt, wenn es um ihre Fingerfertigkeit beim Bedienen von einer Tastatur, Maus oder Touch-Screens. Ich finde diese Entwicklung bedenklich. Meiner Meinung nach sollte man einen gesunden Mittelweg finden. Oder was meint ihr?
  • Anika 14.03.2012 22:30 Uhr
    Wir laden alle Eltern, die auf der Suche nach sinnvollen und werbefreien iPhone & iPad Kinder Apps sind, ganz herzlich auf www.AppGarten.de ein - wir haben uns auf Kinder Apps Empfehlungen spezialisiert. Schaut doch mal vorbei. Vielen Dank.

Zu den weiteren Kommentaren

Einen Kommentar schreiben

Name:
E-Mail:
Kommentar:
Sicherheitscode: Sicherheitscode
Bild neu laden


Geben Sie die sichtbaren Zeichen ein
 

nach oben