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Die Vaterland-Kolumne. Kinderkrippen haben sich eine tolle Methode ausgedacht. Kinder winken durch das Fenster den Vätern zu. Damit wird der Abschied angeblich leichter. Allerdings wissen das die Kinder nicht. Denn sie heulen einfach zu sehr. Wer soll sich da aufs Winken konzentrieren?
Kindern fällt der Abschied von Mama und Papa schwer, wenn es in die Kinderkrippe geht.
Alles fing neulich mit einem Zweiwortsatz an. Ich hatte Hanna die Finken in der Krippe angezogen. Dann hatte ich ihr die Puppe in die Hand gedrückt. Ich hatte ihr zugelächelt. Mit einem kleinen Stups hatte ich sie in die Arme der Betreuerin manövriert. Wie jeden Krippenmorgen. Und Hans stand wie jeden Krippenmorgen dahinter. Vermutlich hat er wie stets die Wasserflaschen auf dem kleinen Regal neben uns durchsortiert. Die verbeulten zuerst. Nur eine Vorübung für seinen Morgen im Kindergarten.
Aber an diesem Morgen war es eben anders. Hanna schluchzte plötzlich auf. Dann umklammerten ihre Fingerchen meine linke Hosenbeinfalte. Und man hörte eben diesen Satz. «Niiiit gooooo.» Witze wie «Aber Dein Papa fährt doch» habe ich da erst gar nicht versucht. Hanna formuliert höchst ökonomisch. Genau der zentrale Forderungskatalog manifestiert sich in solchen Sätzen. Und wehe man kommt dieser Handlungsaufforderung nicht nach. Dann wird es laut.
«Hanna. Papa winkt noch einmal. Wollen wir ihm auch zuwinken?» Die pädagogisch wertvolle Betreuerin ist eben ein Profi. Vermutlich erlebt sie solche Anfälle zirka in 87 % aller morgendlichen Verabschiedungsszenen. Sie hat inzwischen einen Hörschaden von dem vielen Aufjaulen junger Krippenbesucher. Und sie würde ihr Restgehör gerne erhalten. Deshalb hat sie die Fensterwinkmethode entwickelt. Aber sie hat die Rechnung ohne Hans gemacht. Der muss jetzt dann gleich in den Kindergarten. Das macht ihn manchmal etwas aufsässig. Wir gehen auf jeden Fall schnell aus der Türe und stellen uns vor dem Winkfenster auf. Hans grinst.
Tatsächlich kommt die Betreuerin mit Hanna als Zimmersirene auf die andere Seite der Scheibe. Und wir heben fröhlich die Hand. Winke. Winke. Tschüühüüsss. Da lacht Hanna wieder. Bis Hans die Zunge herausstreckt. Fassungslos höre ich ihm zu. «Mir chömed niä mee zrugg.» Kurz danach muss sich unsere wackere Betreuerin diese klobigen gelben Ohrschoner gewünscht haben. Hanna kann faszinierenderweise eine akustische Kreissäge perfekt nachahmen. Mir ist als rieselte der Deckenputz in der Krippe ein wenig. Hans Sein hätte das wirklich nicht müssen. Hans sieht das anders. Er grinst. Ich komme nicht zum Schelten. Ich renne noch einmal schnell um die Ecke und klingle. «Schau wie schnell der Papa wieder da ist.» Hanna zieht den Ton noch einmal nach oben. Ich verstehe das Winken der Betreuerin trotz ihrer nervös zuckenden Augenlider. Ich renne noch einmal vor das Fenster. Wieder «gugus». Dann zurück zur Türe. Zehn Minuten geht das so. Hanna schluckt irgendwann. Dann findet sie meinen Marathon lustig. Und alle könnten glücklich sein. Winke.
Beim Wegdrehen höre ich Hans leise in Hannas Richtung zischen. «Niä mee! ». Ich wusste es.
Wir haben Hanna noch ein paar hundert Meter weiter gehört. Sie muss sich dann wieder beruhigt haben. Auf jeden Fall sah sie am Abend zufrieden aus. Die Betreuerin hat sich den Nachmittag freigenommen. Aber das muss nichts zu bedeuten haben. Das hatte sie vielleicht eh vor.
Hans ist vier und ein paar Monate. Hanna ist knapp zwei. Und ich bin Vater. Diesen Monat schauen wir uns Kinderkrippen an. Oder wir betrachten Kindergärten näher. Einerlei. Merkwürdige Plätze sind sie allemal. Nicht erst seitdem sie in unserem Leben eine Rolle spielen. Vor allem für Hanna und Hans.
Text: Harald Taglinger
Harald Taglinger wohnt in Zürich und erzählt gerne Geschichten. Siehe http://taglinger.de.
Der Autor ist Vater zweier Kinder, die er nicht mit Hans und Hanna verwechselt sehen möchte.
Ausserdem macht er Musik. Im stillen Kämmerchen. Und er läuft gerne in den Alpen herum. Ziellos.
Vaterland ist die wöchentliche Kolumne von Harald Taglinger. Er berichtet aus dem Leben eines Familienvaters.
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