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Die Vaterland-Kolumne. Hans feiert Geburtstag. Das tun Menschen jedes Jahr. Aber Kinder tun das tagelang. Und mit einer gewissen Akribie. Nur die Eltern schwächeln dabei ein wenig.
Kinder lieben zum Geburtstag einen Schokokuchen.
Einen vollständigen Zusammenbruch meiner Gattin kann ich im Moment sehr leicht auslösen. Ich pirsche halb von seitwärts hinten an sie heran. Dann flüstere ich Ihr «Schoggichuechä» ins Ohr. Voilà. Sie wird sich dann mit einem Aufschrei leicht schräg drehen. Vielleicht schäumt sie auch schlagsahnenartig. Kommt auf die restliche Stimmungslage an. Der Grund dieses Ausbruchs ist übrigens einfach. Er kommt bei uns zweimal im Jahr vor.
Schlumpf eins oder zwei hat Geburtstag.
In diesem Fall ist es Hans. Immer drei Wochen vor Mitte dieses Monats geht es los. Hans möchte seinen Geburtstag feiern. Das soll er auch. Das bedeutet aber Staatsfeierlichkeiten im Range einer Jubelrevolution. Alles beginnt mit einem Schokokuchen zum Frühstück. Am Geburtstag. Dann folgt ein «Schokoladen, Kaffee und Kuchen» am Nachmittag des gleichen Tages. Das ist, wenn die Omas und Opas Schubkarren voller Geschenke in die Wohnung bringen. Wehe wenn da nicht ein Kuchen vor Hans steht. Und dann würde Hans gerne einen Kuchen mit in den Kindergarten nehmen. Oder besser zwei. Gerne auch mit einem Hauch von ausgesuchten Schokoladen daran. Hatte ich es schon erwähnt? Richtig. Der Hort hat drei Tage später auch eine kleine Feier angesetzt. Mitgebrachte Kuchen sind gerne gesehen. Und am Wochenende steigt dann die Party. Schoggikuchen? Warum nicht. Warum nicht gleich mehrere? Die Eltern schauen ja auch vorbei.
Auf diese Weise laufen die weltweiten Kakaovorkommen trichterförmig im Mund der Schlümpfe und ihrer Sozialkontakte zusammen. Vergangenes Jahr konnten wir bei Hanna allerdings nach dem vierten Kuchen ein gewisse Ermüdung im Kuchenkonsum feststellen. Fassungslos sahen wir sie einzelne Smarties von der Deckelfäche des Kuchens wegschieben. Dann murmelte sie ein merkwürdiges Wort. Es klang wie «Essiggurke». Meine Frau schob ihr verstohlen eine zu. Das hilft gegen Über-Puderzuckerung.
Aber dieses Jahr hält das niemanden auf. Meine Frau hat eine kleine Inhouse-Backstrasse eingerichtet. Und Hans löste kurzzeitig mit seinen Fragen eine Krise aus. Ob man die Nachbarn nicht mit einem Schoggikuchen NEIN. Da war meine Gattin sehr schnell und klar in ihrer Antwort. Ihre Faust zertrümmerte dabei unglücklicherweise eine französische Schoggikuchenvariation. Macht nix. Ist ja genug da.
Also hat sich Hans in sein Zimmer verkrümelt. Schliesslich müssen ja die Einladungskarten geschrieben werden. Hans kann nicht schreiben. Noch nicht wirklich. Eigentlich nur sehr wenig. Er kann seinen Namen schreiben. Mit 12 Karten kam er dann stolz ins Wohnzimmer. Alle trugen seinen Namen.
«So.»
(Ich) «Ja?»
«Miini Gäscht.»
(Ich) «Hans, das sind 12 Karten mit Deinem Namen drauf.»
«Ja. Alli miini Früünd.»
(Gattin, Kuchen zählend) «Nei. Sicher nöd.»
(Hanna, heulend) «Auuuuu miiini Früüüünd.»
(Ich) «Hans, Du wirst fünf.»
«Ja.»
(Ich) «Gut, dann haben wir das ja geklärt.»
«?»
(Ich) Wir laden nur fünf Freunde ein.
«Wääääääääääääääääääääääääääääääääääääääääääääää
.»
(Hanna, auch heulend) «Will au foif Früüünd»
Aber da blieb der Papa hart. Fünf Jahre, fünf Freunde. Hans lenkte nur mühsam ein. Schliesslich sprechen aber die Argumente dafür. Zum Beispiel die grossen Feten. Wenn man dann mal 44 ist. Aber dann ist man für grosse Feten eh zu müde. Nur das habe ich Hans nicht verraten.
Wir gingen in sein Zimmer. Meine Gattin liess wieder einen Kuchenrohling vom Stapel. Smarties fehlten noch. Hans nannte fünf Namen. Ich schrieb die auf die Karten. Und die Uhrzeit. Und ein oder zwei Anmerkungen an die Eltern. Eine Gesundheitswarnung wegen massiver Kakaoeinwirkung verkniff ich mir. Dann malte Hans noch für jeden ein Tier dazu. Manche würden Erwachsene in Verbindung mit ihrem Namen als ehrenrührig bezeichnen. Aber Hans war begeistert. Vor allem das Warzenschwein für das Mädchen vom Nachbarhaus gefiel ihm. Aber die ist eh ein Arschloch. Da konnte ich Hans nur beipflichten. Und dann brachten wir die Karten zum Briefkasten. Die Spiele mögen beginnen.
Hans ist fünf. Hanna ist knapp zwei. Und ich bin Vater. Diesen Monat geht es um Kindergeburtstage. Hans feiert Geburtstag. Das tun Menschen jedes Jahr. Aber Kinder tun das tagelang. Und mit einer gewissen Akribie. Nur die Eltern schwächeln dabei ein wenig.
Text: Harald Taglinger
Harald Taglinger wohnt in Zürich und erzählt gerne Geschichten. Siehe http://taglinger.de.
Der Autor ist Vater zweier Kinder, die er nicht mit Hans und Hanna verwechselt sehen möchte.
Ausserdem macht er Musik. Im stillen Kämmerchen. Und er läuft gerne in den Alpen herum. Ziellos.
Vaterland ist die wöchentliche Kolumne von Harald Taglinger. Er berichtet aus dem Leben eines Familienvaters.
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