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Ab ins Freizeitbad

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Die Vaterland-Kolumne. Stadtplaner möchte ich nicht sein. Ständig finden sich grüne Flecken auf der Karte. Dann stehen die Planer wehrlos im Kreis. Bis einer brüllt. «Da bauen wir eine Freizeitanlage hin.»

Kinder lieben Eis und Glacé, besonders im Sommer.

Hannah und Hans mögen Glacé.

Dann sind wieder alle glücklich. Genau so stelle ich mir den Beschluss zu unserer Badi in der Nachbarschaft vor. In den 70ern hatte jemand die Idee. Und seitdem zahlen Eltern mit ihren Schlümpfen dort Eintritt.

Denn die Kleinen lieben zum Beispiel den überdimensionalen und debil lächelnden Frosch. Durch dessen Maul rutschen sie ins Wasser. Und der Spritzpelikan spritzt gut getreten sehr weit Wasser. Dazu hat er ein Pedal. Nicht zu reden vom inkontinenten Fliegenpilz mitten im Becken. Dahinter fackeln die ganz harten Familien mit ihrer Grillkohle die Liegewiese ab. Fleisch muss durch die Hölle gehen. Nur so schmeckt es badigerecht.

Solche niederen Formen der Ernährung interessieren Hans und Hanna nicht. Eigentlich geht es ihnen nur um Teile der Badi. Dort wo man ein Glacé bekommt. Immer. Es wurde in irgendeinem Guidebook für Badibesuche festgeschrieben. Oder es handelt sich dabei um die lang verschollene mosaische dritte Steintafel. Und der Herr sagte zu Moses: «Du sollst in der Badi deinen Kindern immer Eis kaufen.» Und Moses schaute verwundert. Dann liess er das Teil auf dem Sinai liegen. Bis es ein Badiplaner von dort mitbrachte.

Auf solche Grundlagen des Alten Bundes bestehen meine Kinder.

 

Der Form halber wird zuvor ein wenig im Kinderbecken herum geplanscht. Hanna rennt dreimal mit der Giesskanne um den Beckenrand. Dann sind dieser und ein wehrlos herumliegender Vater nass. Hans taucht am liebsten wahllos Kinder. Ein einfacher Schubs reicht. Sie fallen vorne über. Das ist seine sadistische Minute. Er liebt die hysterischen Sprünge von Müttern in 60 Zentimeter Wassertiefe. Das findet Hans lustig.

Dann ist die Arbeit getan. Die Schlümpfe machen sich auf an den Kiosk. Ich mit der Finanzspritze hinterher. Ich bin mir ziemlich sicher: Niemand unter 6 Jahren hätte ein Problem mit einem Badi ohne Wasserbecken. Aber ein fehlender Kiosk neben der Liegewiese würde zu marodierenden Kinderhorden führen.

Hans und Hanna dürfen aussuchen. Dabei ist die Wahl ja schon von der Wahl klar. Da sind sogar Bundesratsnominierungen spannender. Hanna nimmt ein Zitronenwassereis. Mit dessen Zuckergehalt kann man eine Erwachsenenleber glatt zum freiwilligen Körperaustritt überreden. Hans wird wieder dieses Waffeleis mit 4000 Kalorien in Vanillesurrogat wählen. Warum? Weil das sein Kumpel Flurin auch immer nimmt. Hans mag das Eis nicht. Aber Flurin bekommt auch immer eins.

Also sitzen sie dann da und schlurzen. Hanna sieht bald aus wie eine glückliche Kunstzitrone. Ich verbrauche dabei vier Pack Papiertaschentücher. Der Wespen wegen. Mit Ästethik hat Kindererziehung meistens nichts zu tun.

Hans nuffelt derweil am breiten Ende der Waffel herum. Es muss gleich wieder kommen. Ob ich vielleicht auch ein wenig will. Nein. Gar nichts? Nein. Aber da sei Schokolade in der Vanille. Nein. Und ein wenig Kaffee. Hans liegt falsch. Er mag sich da noch so bemühen. Vater mag einfach nicht mehr die warm gewordene Sauce von der Waffel lecken. Um die geht es Hans eigentlich nur. Das Eis findet er «nöd so fain…». Aber die Waffel liebt Flurin auch.

Eigentlich sollte ich Flurin zur Auswahl einer Karotte vor den Augen von Hans überreden. Ihm meinetwegen heimlich ein riesen Eis dafür kaufen. So kriege ich vielleicht gesunde Ernährung meiner Kinder in der Badi hin. Und schnellere. Aber nun sitzen sie schon eine Stunde auf der Liegewiese. Der Qualm der Griller nebelt uns ein. Nebenan prallt ein Walross in Zeitlupe auf die Wasseroberfläche des Kinderbeckens. «Jaaaaaaaasmiiiiin.» Hans war es nicht. Der klebt mit einer Waffel am Rasen fest.

Hans ist vier und ein paar Monate. Hanna ist knapp zwei. Und ich bin Vater. Diesen Monat: Hanna und Hans sind meine Kinder. Und die wollen im Sommer raus. Oder sie müssen. So ist der Sommer. Gnadenlos und heiss. Aber zum Glück gibt es die Badi. Oder Glacé. Leider gibt es dann auch Spielplätze. Und die obligatorischen Brunnen.

Text: Harald Taglinger

Harald Taglinger schreibt über das Leben als Vater

Harald Taglinger wohnt in Zürich und erzählt gerne Geschichten. Siehe http://taglinger.de.

Der Autor ist Vater zweier Kinder, die er nicht mit Hans und Hanna verwechselt sehen möchte.

Ausserdem macht er Musik. Im stillen Kämmerchen. Und er läuft gerne in den Alpen herum. Ziellos.

Vaterland ist die wöchentliche Kolumne von Harald Taglinger. Er berichtet aus dem Leben eines Familienvaters.


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