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Nachbarschaftsstreit um eine Schnecke

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Die Vaterland-Kolumne. Hanna liebt Brunnen. Über alles. Hans auch. Man kann alle möglichen Dinge da hinein werfen. Man kann die doofe Dreijährige vom Nachbarhaus damit ärgern. Denn seit ein paar Wochen geht das Lieblingsspiel von Hanna und Hans so.

Kinder lieben die aufblasbare Schnecke, mit der man im Brunnen spielen kann.

Ein aufblasbares Schneckenboot im Brunnen hat es Hanna angetan.

Im Nachbarhaus gibt es ein Mädchen. In Ordnung. Aber Hans mag es nicht. Er nennt es immer nur «Die Doofe». Die Doofe also kommt eines Morgens nichts ahnend aus dem Nachbarhaus und will am Brunnen unserer bescheidenen Wohnstatt spielen. Dazu hat sie ein aufblasbares Schneckenboot mitgebracht. Kein Mensch hat jemals eine Schnecke schwimmen gesehen. Aber Kinderspielzeug hat lustig zu sein. Also hatte jemand im fernen Asien die Idee zu dieser schwimmbaren Schleimschnecke mit Aufblasventil. Sehr lustig.

Hanna hätte die Schnecke übrigens sofort genommen. Aber sie gehört eben der Doofen aus dem Nachbarhaus. Und das sieht Hanna nicht ein. Aber die andere nicht. Und nun gibt es ein Geschrei. Weil Hanna das Schneckenboot nicht herausrücken will. Und Hans hilft Hanna. So gehört es sich für einen Bruder. Sagt Hans später. Aber dazu eben später. Im Moment gibt es vor unserem Fenster ein ziemliches Gebrüll. Und die Doofe brüllt fast so laut wie Hanna. Denn die eine will ihr doofes Schneckenboot zurück. Damit sie damit am Wasser spielen kann. Und die andere will es genau deshalb auch haben.

Also. Was macht ein ordentlicher Vater? Genau. Er schreit zum Fenster hinaus. Dass Hanna das «doofe Schneckenboot der Doofen» zurück geben soll. Das hört die Doofe und weint jetzt noch mehr. In der Schrecksekunde ihres Aufschreis reisst sie das fernöstliche Spielteil an sich. Und dann rennt sie davon. Pause.

Vielleicht sollte ich auch ein wenig nachdenken vor dem Brüllen. Vielleicht kann ich mich ja entschuldigen. Dass «doof» im Hochdeutschen so was wie «uu nätt» bedeutet. Aber Väter sollen ja nicht lügen. Das schädigt kleine Mädchen ungeheuer. Auch wenn man den eigenen Kindern Recht geben muss. Kinder sind nicht einfach nur nett. Sie sind auch manchmal doof. Und dieses Mädchen ist sogar blöd. Aber das sage ich Hanna und Hans natürlich nicht.

Ich denke also so vor mich hin und sehe Hanna schluchzend am Brunnen stehen. Immerhin herrschen jetzt wieder weniger als 130 Dezibel im Hof. Ich sehe Hans im Haus der Doofen verschwinden. Sehr anständig von ihm. Man soll eben immer um alle in einer Gruppe schauen. Vor allem um die weinenden Mitglieder. Ich sehe Hans etwas länger nicht mehr. Dann rennt er wieder aus dem Nachbarhaus. Das sollte mir eigentlich Sorgen machen. Dann passiert wieder nichts. Und schon sehe ich die Mutter der Doofen schnellen Schrittes auf unser Haus zukommen. Sie schaut an Hanna vorbei in den Brunnen. Dann klingelt es auch schon an unserer Tür. Was hat Hans denn jetzt angestellt? Vor der Türe steht die Mutter. Eigentlich ist die ganz nett. Sie kann ja nichts für ihre Tochter. Und ich erwarte jetzt ein Donnerwetter. Aber sie hat diesen Hundeblick aufgesetzt. Den benutze ich immer nur bei Vollschaden.

Es täte ihr leid. Was sie denn meine? Ihre Tochter würde das sonst nicht tun. Was sie denn meine? Ich bin nun einmal vorsichtig bei Müttern. Ihre Tochter würde sonst nie in einen Brunnen pinkeln. Hans habe ihr alles erzählt. Respekt. Mein Sohn hat die erste Regel der Politik begriffen. Führe Deinen Angriff immer über die Bande durch. Zermalme Deinen Gegner durch die eigenen Reihen.

Ich nicke gewichtig und verspreche neues Wasser im Brunnen. Solche Frontallügen gehen nur im Sommer. Mein Sohn hat die Doofe mit einem Satz erledigt. Für immer. Und das Wasser ist ja sauber. Inoffiziell. Wo man gerade vom Politiker spricht: Ein Seitenblick zu meinem Sohn. Der wollte unerkannt an uns vorbei. Mit Hanna. Aber mein Räuspern nagelt ihn fest. Die Mutter entschuldigt sich noch einmal. Dann huscht sie davon.

Stille.

Man soll mir bitte glauben. Ich mache sonst so etwas nie. Meine Hand hebt sich. Langsam geht sie dann nieder und tätschelt anerkennend die Schulter von Hans. Der begreift. Stolz nickt er. Klar wird er das nicht mehr machen. Aber «cool isch es gsi».

Wer bin ich da zu widersprechen. Ein Schneckenboot habe ich übrigens nicht erstanden.

Hans ist vier und ein paar Monate. Hanna ist knapp zwei. Und ich bin Vater. Diesen Monat: Hanna und Hans sind meine Kinder. Und die wollen im Sommer raus. Oder sie müssen. So ist der Sommer. Gnadenlos und heiss. Aber zum Glück gibt es die Badi. Oder Glacé. Leider gibt es dann auch Spielplätze. Und die obligatorischen Brunnen.

Text: Harald Taglinger

Harald Taglinger schreibt über das Leben als Vater

Harald Taglinger wohnt in Zürich und erzählt gerne Geschichten. Siehe http://taglinger.de.

Der Autor ist Vater zweier Kinder, die er nicht mit Hans und Hanna verwechselt sehen möchte.

Ausserdem macht er Musik. Im stillen Kämmerchen. Und er läuft gerne in den Alpen herum. Ziellos.

Vaterland ist die wöchentliche Kolumne von Harald Taglinger. Er berichtet aus dem Leben eines Familienvaters.


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