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Über Kinder in Pflegefamilien wissen wir wenig. Wir wissen nicht, ob es ihnen gut geht. Um Skandale zu verhindern, muss der Schutz von Pflegekindern verbessert werden, findet Nationalrätin Jacqueline Fehr. In ihrer Kolumne plädiert sie dafür, aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen.
Wie gut es Kindern in Pflegefamilien geht, ist unbekannt. Das sollte sich ändern, findet SP-Politikerin Jacqueline Fehr.
Wir wissen ziemlich genau, wie viele Kühe auf unseren Wiesen grasen. Doch wie viele Kinder nicht in ihrer Familie leben können, wissen wir nicht. Die fehlende Statistik ist bereits ein erster Hinweis darauf, dass Pflege- und Heimkinder auf dem Radar des öffentlichen Interesses selten aufblinken. Auch die Medien schauen meist nur hin, wenn es einen Skandal auszuschlachten gilt. Und so fehlen uns nicht nur die Zahlen. Wir wissen auch nicht, wie es den Kindern in ihrer Pflegefamilie geht und wie gut die Pflegeeltern mit der anspruchsvollen Aufgabe zurechtkommen. Wir wissen nicht, ob die Rechte und Pflichten zwischen den verschiedenen Akteuren mit korrekten Pflegeverträgen geregelt sind und ob die Kinder bei den Entscheiden mit einbezogen werden.
Dieses Wegschauen in Familienfragen hat Geschichte, darf aber keine Zukunft haben! Verdingkinder, Kinder der Landstrasse, Heimskandale, Zwangssterilisation, administrativ versorgte junge Menschen: Die Schweiz blickt auf eine Sozialgeschichte mit grossen schwarzen Flecken zurück. Auf dem Boden von sozialer Not und behördlicher Willkür zahlten Zehntausende Kinder, Frauen und Männer einen zerstörerischen Preis für fürsorgerische Zwangsmassnahmen, die anstelle einer tatsächlichen Armuts- und Sozialpolitik für sogenannte Ordnung sorgten. Es ging um Rechtschaffenheit, um Sitte und Moral. Es wurde ausgegrenzt, weggeschaut und weggesperrt.
Diese Geschichte muss aufgearbeitet werden. Die betroffenen Menschen haben ein Recht darauf. Sie haben ein Recht, dass ihr erlittenes Unrecht als solches anerkannt wird und nach Möglichkeit wieder gut gemacht wird. Sie haben ein Recht, dass die Verantwortung für das Geschehene bei den Verantwortlichen festgemacht wird. Die Geschichte muss aber auch aufgearbeitet werden, weil uns das Wissen um die Vergangenheit in der Gegenwart leitet. Wer sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt, stellt sich zwingend die Frage, wie achtsam wir heute mit den entsprechenden Situationen umgehen. Sorgen wir dafür, dass Pflegekinder in Familien leben, die ihnen die erforderliche Liebe, Wärme und Verlässlichkeit geben können? Oder anders gesagt: Haben wir aus der Geschichte gelernt?
Aktuell wird die Pflegekinderverordnung aus dem Jahre 1978 revidiert. Sie ist die gesetzliche Grundlage für das Pflegekinderwesen. Neu will der Bundesrat auch die familienergänzende Betreuung über diese Verordnung regeln und sie damit zu einer Kinderbetreuungsverordnung ausbauen. Über diese Erweiterung kann man streiten. Auch über die Frage, mit welchen gesetzlichen Grundlagen wir die Qualität von Krippen und Tagesfamilien fördern. Nicht diskutieren kann man aber die Notwendigkeit, dass der Schutz der Pflegekinder verbessert werden muss. Pflegekinder sind darauf angewiesen, dass wir uns für sie interessieren.
Text: Jacqueline Fehr
Jacqueline Fehr ist Vizepräsidentin der SP Schweiz, Nationalrätin für den Kanton Zürich und eine der profiliertesten Bildungs- und Familienpolitikerinnen der Schweiz. Sie hat zwei Söhne und lebt mit ihrer Familie in Winterthur.
Eine ihrer neuesten Publikationen ist das Buch «Schule mit Zukunft», das die umstrittensten Punkte der Bildungsdebatte thematisiert. Mehr dazu erfahren Sie hier: «Die Vision einer Schule der Zukunft»
Auf familienleben.ch finden Sie jede Woche eine neue Kolumne zur Familienpolitik. Es schreiben die vier Schweizer Politikerinnen Jacqueline Fehr (SP), Lucrezia Meier-Schatz (CVP), Silvia Blocher (SVP) und Christine Egerszegi-Obrist (FDP).

Heimkinder: «Die Angst vor Stigmatisierung ist riesig.»
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«Ich möchte den Familien-Horizont erweitern»
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Kinder in der Pflegefamilie
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