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Gewaltfrei erziehen

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Noch immer sind viele Kinder Opfer von Gewalt in der Erziehung. Gewaltfrei erziehen ist anspruchsvoll. Gerade deshalb, ist es so wichtig, dass wir uns für die gewaltfreie Erziehung einsetzen, findet Jacqueline Fehr, Nationalrätin und Vizepräsidentin SP Schweiz.

Jacqueline Fehr, Nationalrätin und Vizepräsidentin SP

Wir sollten uns für gewaltfreie Erziehung einsetzen, findet Nationalrätin Jacqueline Fehr.

In gewissen evangelikalen Kreisen erfreut sich ein Buch grosser Beliebtheit, das aufhorchen lässt: «Eltern – Hirten des Herzens». Das Buch ist ein Plädoyer für eine Erziehung zu Gehorsam und Unterordnung. Dabei wird an verschiedenen Stellen empfohlen, die Kinder körperlich zu züchtigen. Das liest sich dann so: «Korrekturen, die auch körperlich spürbar sind, vermitteln dem Kind Weisheit. Sie demonstrieren ganz unmittelbar und spürbar, wie töricht es ist, sich aufzulehnen» oder «Körperliche Züchtigung anzuwenden ist ein Akt des Glaubens.» Eine andere Passage erhellt das Gesellschaftsbild dieser Kreise: «Ihr müsst euren Kindern Vorbild sein, wie man sich unterordnet. Väter können dies zeigen, indem sie vor ihre von Gott gegebene Rolle als Haupt der Frau biblisch leben. Und Mütter können dies tun, indem sie sich ihren Männern unterordnen wie dem Herrn.»

Der 30. April wurde von der UNO zum «Internationalen Tag der gewaltfreien Erziehung» erklärt. Nicht ohne Grund. Nach wie vor sind Millionen von Kinder Opfer von Gewalt, körperlicher, seelischer und psychischer. Die Folgen dieser Gewalt werden in breiten Kreisen unterschätzt. Wer als Kind Schläge einstecken muss und Erniedrigungen erlebt, ist stark gefährdet, als Erwachsener ebenfalls Gewalt anzuwenden. Das Selbstwertgefühl ist geschwächt und die Fähigkeit, für sich selber Verantwortung zu übernehmen, stark eingeschränkt.

Vehemente Vertreterin gewaltfreier Erziehung: Astrid Lindgren

Auf diese Folgen weisen berühmte Stimmen seit vielen Jahren hin. Eine davon ist Astrid Lindgren. Die Kinderbuchautorin war ihr Leben lang eine vehemente Vertreterin der gewaltfreien Erziehung. In all ihren Kinderbüchern und unzähligen Vorträgen plädiert sie für einen Erziehungsstil, der den gegenseitigen Respekt und die Achtung an die Stelle der Unterordnung stellt. Sie hat Pippi Langstrumpf als ungehorsames Kind geschaffen, um den Eltern zu zeigen, wie wichtig die Rebellion und der Widerstand der Kinder für ihre Entwicklung sind. Und mit Michael aus Lönneberga erzählt sie uns die Geschichte eines liebenswürdigen Lausbuben, dessen Vater zwar immer mal wieder mit Schlägen droht, aber dabei eine äusserst hilflose Falle macht. Kinderschutz Schweiz erinnert anlässlich des diesjährigen «Internationalen Tages für gewaltfreie Erziehung» an Astrid Lindgrens Rede «Niemals Gewalt». Sie ist die Grundlage eines eindrücklichen Films über die Unsinnigkeit von Gewalt. Dem Film gelingt es, die Perspektive des Kindes aufzuzeigen und klar zu machen, wie Kinder Gewalt erleben (www.kinderschutz.ch).

Gewaltfrei erziehen ist anspruchsvoll. Wir Eltern wissen, wie rasch die Hand ausrutschen kann oder dass Provokationen so grenzenlos sein können, dass man sich im schlimmsten Fall nicht mehr beherrschen kann. Wer hier fehlerfrei ist, soll den ersten Stein werfen. Um konkrete Alternativen aufzuzeigen, was Mütter und Väter tun können, wenn die Kinder sie an die Grenzen bringen, hat die Stiftung Kinderschutz Schweiz einen Handzettel mit Anregungen zur gewaltfreien Erziehung ausgearbeitet.

Gerade weil es nicht selbstverständlich und einfach ist, ist es so wichtig, dass wir uns für die gewaltfreie Erziehung einsetzen. Hören wir dazu nochmals Astrid Lindgren zu, die in ihrer Rede die berührende Geschichte einer Mutter erzählt, die sich aufgrund des öffentlichen Drucks verpflichtet fühlte, ihr Kind mit Strenge und Züchtigung zu erziehen. Astrid Lindgren: «Im Grunde ihres Herzens glaubte sie wohl gar nicht daran, aber eines Tages hatte ihr kleiner Sohn etwas getan, wofür er ihrer Meinung nach eine Tracht Prügel verdient hatte, die erste in seinem Leben. Sie trug ihm auf, in den Garten zu gehen und selber nach einem Stock zu suchen, den er ihr dann bringen sollte. Der kleine Junge ging und blieb lange fort. Schliesslich kam er weinend zurück und sagte: Ich habe keinen Stock finden können, aber hier hast du einen Stein, den kannst du ja nach mir werfen.»

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Text: Jacqueline Fehr

Jacqueline Fehr ist Vizepräsidentin der SP Schweiz, Nationalrätin für den Kanton Zürich und eine der profiliertesten Bildungs- und Familienpolitikerinnen der Schweiz. Sie hat zwei Söhne und lebt mit ihrer Familie in Winterthur.
Eine ihrer neuesten Publikationen ist das Buch «Schule mit Zukunft», das die umstrittensten Punkte der Bildungsdebatte thematisiert. Mehr dazu erfahren Sie hier: «Die Vision einer Schule der Zukunft»

Auf familienleben.ch finden Sie jede Woche eine neue Kolumne zur Familienpolitik. Es schreiben die vier Schweizer Politikerinnen Jacqueline Fehr (SP), Lucrezia Meier-Schatz (CVP), Silvia Blocher (SVP) und Christine Egerszegi-Obrist (FDP). Hier geht es zum Archiv.


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Kommentare

  • Andrea Mordasini, Bern 25.03.2012 22:13 Uhr
    Berichte und Fotos über misshandelte und missbrauchte Kinder machen mich, eine Mutter zweier Kleinkinder enorm wütend und unendlich traurig :(! Was geht in Menschen vor, die einem unschuldigen, wehr- und hilflosen Geschöpf Gewalt und Schmerzen zufügen? Es gibt meiner Meinung nach nichts Schlimmeres, Feigeres und Schäbigeres als einem Kind Leid (körperlich, psychisch, sexuell) anzutun! \"Menschen\", welche Kinder misshandeln/missbrauchen gehören sehr hart bestraft und verwahrt! Nachbarn und Verwandte, welche von Misshandlungen wissen bzw. ahnen, jedoch nichts dagegen unternehmen, sollten für ihr Nichthandeln ebenso belangt werden, und zwar wegen unterlassener Hilfeleistung. Es ist an uns Erwachsenen, die jüngsten und schwächsten Glieder unserer Gesellschaft vor Gewalt zu beschützen und zu bewahren, das sind wir ihnen schuldig!

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