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Wenn ein Mensch an Alzheimer erkrankt, ist das für Bekannte und Freunde oft ein Schock. SVP-Politikerin Silvia Blocher erzählt in ihrer Kolumne, warum sie fast erleichtert war, als sie endlich wusste, dass ihre Freundin an der Krankheit litt.
Silvia Blocher erzählt, wie eine Freundin durch Alzheimer für sie zum Rätsel wurde.
In der Schweiz leiden 100'000 Personen an Alzheimer, einer Krankheit, die meist im Alter zwischen 60 und 70 Jahren ausbricht und durch eine fortschreitende Degenerierung der Hirnzellen zur Demenz führt.
Eine meiner Freundinnen ist vor ein paar Jahren an Alzheimer erkrankt. Die Krankheit zeigte sich anfangs nicht in einer ausserordentlichen Vergesslichkeit, sondern in starken charakterlichen Veränderungen: Sie wurde rechthaberisch, behauptete unmögliche Sachen. Sie wurde geizig, im Restaurant bestellte sie nur die billigsten Sachen. Sie nahm keine Rücksicht auf Konventionen, in der Öffentlichkeit äusserte sie sich laut über anwesende Personen und zeigte mit dem Finger auf sie. Immer wieder erzählte sie dieselben Geschichten. Und kochte die ewig gleichen Gerichte. Und jedesmal sprach sie vom Aufräumen. Dinge, von denen sie glaubte, ihr Mann brauche sie nicht mehr, warf sie hinter seinem Rücken weg.
Im Zusammensein mit ihr war eine gewisse Agression, eine Spannung spürbar. Sie wollte sich behaupten. Erzählte jemand im Freundeskreis von Reisen, war ihr stereotyper Satz: «Da bin i au scho gsi», in einem ganz bestimmten Singsang mehrmals hintereinander vorgetragen, oftmals auch englisch verstärkt: «I was everywhere.»
Und plötzlich wusste sie nicht mehr wie man Konfitüre zubereitet. Sie, die als Hausfrau und Mutter von 4 Kindern jedes Jahr unzählige Gläser mit Konfitüre gefüllt hatte. Auch an das einfache Rezept für «ihren» Schoggi-Cake erinnerte sie sich nicht mehr. Wenn sie etwas erzählte, traten gewisse Wendungen gehäuft auf: «S isch u-witzig gsi», auch wenn es gar nicht lustig war.
Für uns alle, die wir sie regelmässig sahen, war sie zum Rätsel geworden. Als wir uns endlich an ihren Mann wendeten, und er uns von der Alzheimer-Diagnose erzählte, bedeutete das für uns fast so etwas wie eine Erleichterung.
Seither sind einige Jahre vergangen. In unserem Literaturclub treffen wir unsere Freundin noch immer alle zwei Wochen. Sie begrüsst uns alle jeweils freudig, aber unsere Namen kennt sie nicht mehr. Seit einiger Zeit singen wir mit ihr zu Beginn unseres Literaturnachmittags einige Volkslieder. Das bereitet ihr grosse Freude. Meist findet sie die angegebene Seite im Singbüchlein selber und singt dann aus voller Brust mit, richtig in den Tönen und den Worten, die sie auswendig kennt.
Der Lektüre eines Buches kann sie nicht mehr folgen, sie liest auch nicht mehr selber, obwohl sie die meisten Buchstaben noch kennt. Wahrscheinlich ist es ihr zu anstrengend.
Unser Lesen unterbricht sie immer wieder mit Ausrufen des Erstaunens, etwa wenn sie ein Schiff auf dem See, einen Vogel am Futterbrett, eine Fliege am Fenster sieht. Öfters geht sie zum WC, das sie nicht immer findet, oder schnell ins angrenzende Zimmer.
Nach der Literatur trinken wir Tee und essen etwas Süsses. Da sitzt sie glücklich dabei. Immer wieder fragt sie von neuem nach einem Stücklein Kuchen. Zwischendurch erkundigt sie sich wiederholt: «Gäll, ich fahr mit Dir hei?», wobei verschiedene Personen angesprochen werden. Hat sie vor wenigen Jahren noch bei jedem Treffen eine immer gleiche Geschichte erzählt, so spricht sie jetzt nur noch selten. Es gelingt uns nicht, sie in ein Gespräch mit einzubeziehen. Aber sie sitzt glücklich und zufrieden da.
Text: Silvia Blocher

Silvia Blocher ist ausgebildete Primarlehrerin. Als Mutter von vier Kindern und Grossmutter von sieben Enkeln waren Kinder seit jeher Teil ihres Lebens. Wohlergehen, Erziehung in Familie und Gesellschaft und Ausbildung von Kindern und Jugendlichen sind ihr ein grosses Anliegen.
Sie hat sich dazu in verschiedenen Kolumnen, Vorträgen und Fernseh-Auftritten geäussert, wobei sie sich auch kritisch mit den schulischen Neuerungen auseinandersetzt, welche sie bei Schulbesuchen und Gesprächen mit Eltern, Lehrern und Schulbehörden verfolgt.
Auf familienleben.ch/familiensache finden Sie jede Woche eine neue Kolumne zur Familienpolitik. Es schreiben die vier Schweizer Politikerinnen Jacqueline Fehr (SP), Lucrezia Meier-Schatz (CVP), Silvia Blocher (SVP) und Christine Egerszegi-Obrist (FDP).

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