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Ist die Berufslehre nur etwas für die anderen?

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Tausende von Kindern bereiten sich seit Wochen in Förderkursen auf das Gymnasium vor. Immer mehr wollen eine Matur. SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr fragt sich, warum das so ist und warum die Berufslehre als Scheitern empfunden wird.

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Jacqueline Fehr über die Berufslehre.

Jaqueline Fehr fragt sich, warum die Berufslehre einen schweren Stand hat.

Darf man, wenn die eigenen Söhne ins Gymi gehen, darauf hinweisen, dass die Berufslehre für viele Jugendliche die bessere Lösung ist als der Weg über die Matur? Darf man, wenn man selber einen Uniabschluss hat, sagen, dass der berufliche Erfolg auch über andere Wege möglich ist? Hat die Bildungspolitik ein Glaubwürdigkeitsproblem, weil alle Bildungsfachleute zwar die Berufslehre loben und ehren, aber die wenigsten weder selber auf eine solche zurückblicken, noch ihre Kinder in einer solchen begleiten? Ist die Berufslehre nur etwas für die anderen?

Fakt ist, dass gegenwärtig in allen Gegenden der Schweiz Tausende von Kindern seit Wochen ihre Freizeit hergeben, um sich in bestimmten Förderkursen aufs Gymnasien vorbereiten. Vor allem in den Kantonen mit Aufnahmeprüfungen boomen die Angebote an den Privatschulen. Und stürzen viele Eltern in ein Dilemma: «Will die Tochter wirklich unbedingt ans Gymi, wie sie uns glauben macht, oder versucht sie unsere unausgesprochenen Erwartungen zu erfüllen, weil sie unsere Ängste spürt?»

Berufslehre als Scheitern

Wieso steigt die Fixierung auf den gymnasialen Ausbildungsweg ausgerechnet in einer Zeit, in der die Alternative – Beruflehre mit Berufsmatur – etabliert und erwiesenermassen erfolgreich ist? Wieso erscheint die Berufslehre als Scheitern, obwohl sich der Weg über Fachhochschulen sich in vielen Branchen zum Königsweg entwickelt?

Erklärungen gibt es viele. Für die einen sind die zugewanderten Deutschen schuld am Druck auf die Mittelschulen. Diese wüssten zu wenig über die Qualität der hiesigen Berufslehre und würden sich deshalb an dem orientieren, was sie kennen, sprich an der gymnasialen Ausbildung.

Für andere liegen die Gründe in den Bildungsbiographien der Eltern. Wer selber am Gymi war, will sein Kind auf mindestens gleicher Stufe sehen (Angst vor einem gesellschaftlichen Abstieg über die Kinder), fühlt sich sicherer (eigene Erfahrungen) und hat ein diffuses Bild von der Berufslehre (Informationslücken).

Für wieder andere sind die Reformen auf der Sekundarstufe schuld. Hier muss aber darauf hingewiesen werden, dass nur wenige Kantone überhaupt ein Langgymnasium kennen, das direkt an die Primarschule anschliesst und damit in Konkurrenz zur Sekundarschule steht. 

20 Prozent besuchen die Mittelschule

Wie auch immer: Irgendetwas läuft falsch. Nur gerade rund 20 Prozent besuchen eine Mittelschule. In gewissen Regionen sind es sogar klar weniger. Alle übrigen starten ihr meist erfolgreiches Erwerbsleben mit einer Berufslehre. Das heisst, dass mehr als die Hälfte der Gymi-Aspirantinnen und –aspiranten (und ihre Eltern sowieso) ihre Nichtaufnahme zwar als grosse Enttäuschung erleben werden. Doch wird sich diese Weichenstellung später in den allermeisten Fällen als Weg zu einer mindestens so befriedigenden Zukunft herausstellen.

Die Bildungspolitik hat offenbar nicht nur ein Glaubwürdigkeitsproblem, sondern vor allem ein Kommunikationsproblem. Und dies, weil wir nicht ganz ehrlich sind. Um die Eltern und Jugendlichen zu trösten, die den Einstieg in die Mittelschulen verpassen, vergleichen wir Gymi und Berufslehre und tun so, als ob dies gleichwertig sei. Doch damit verharmlosen wir die Tatsache, dass ein Lehrabschluss halt tatsächlich nicht dieselben Chancen eröffnet wie eine Matur. Gleichwertig sind nur Berufslehre mit Berufsmatur und Mittelschule mit gymnasialer Matur. Die Berufslehre ist zwar tatsächlich für viele Jugendliche der bessere Weg als die Mittelschule. Aber wirklich besser wird der Weg in vielen Fällen erst über die Berufsmatur.

Text: Jacqueline Fehr

Jaqueline Fehr, Nationalrätin und Vizepräsidentin SP Schweiz

Jacqueline Fehr ist Vizepräsidentin der SP Schweiz, Nationalrätin für den Kanton Zürich und eine der profiliertesten Bildungs- und Familienpolitikerinnen der Schweiz. Sie hat zwei Söhne und lebt mit ihrer Familie in Winterthur.
Eine ihrer neuesten Publikationen ist das Buch «Schule mit Zukunft», das die umstrittensten Punkte der Bildungsdebatte thematisiert. Mehr dazu erfahren Sie hier: «Die Vision einer Schule der Zukunft»

Auf familienleben.ch/familiensache finden Sie jede Woche eine neue Kolumne zur Familienpolitik. Es schreiben die vier Schweizer Politikerinnen Jacqueline Fehr (SP), Lucrezia Meier-Schatz (CVP), Silvia Blocher (SVP) und Christine Egerszegi-Obrist (FDP).

 


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