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Die 17-Jährige Aisha wurde aus der Lehre gerissen und zwangsverheiratet. In der Sommersession wird der Ständerat über wirksame Massnahmen gegen Zwangsheiraten entscheiden. Ständerätin Christine Egerszegi-Obrist ist der Meinung, dass Zwangsheiraten verhindert und unter Strafe gestellt werden sollen.
Christine Egerszegi-Obrist (FDP) hat selbst ein Mädchen kennen gelernt, das zwangsverheiratet wurde.
Dieses neue Gesetz ist mir wichtig, denn ich habe während meiner Tätigkeit als Sprachenlehrerin an einer Berufsschule hautnah drei solcher Fälle erlebt. Von einem Mädchen möchte ich hier erzählen. Ich nenne sie Aisha.
Sie war eine fleissige, begabte Schülerin und machte eine Lehre in einem Modegeschäft. Aisha und ihre beiden älteren Brüder wurden in der Schweiz geboren, aber ihre Eltern kamen ursprünglich aus der Türkei. Sie war ein durch und durch westlich gekleidetes Mädchen, hatte viele Freundinnen – und einen Klassenkameraden, mit dem sie sich besonders gut verstand. Man musste sie einfach gern haben, denn mit ihrer Fröhlichkeit steckte sie alle an.
Doch dann kam der Bruch: Wie so oft verbrachte die Familie die Sommerferien bei Verwandten in der Südtürkei. Das war nichts Ungewöhnliches. Die 17-jährige Aisha erzählte davon im Französischunterricht. Nach den Ferien hätte auch für sie das letzte Lehrjahr begonnen. Aber ihr Platz blieb leer. Auch im Geschäft. Sie war zunächst wie verschollen. Erkundigungen der Schulleitung und des Lehrmeisters bei der Familie nach dem Verbleib des Mädchens blieben stecken. Es hiess immer, sie sei nicht da. Schliesslich meldete sie der Vater offiziell ab. Aisha hätte sich für einen andern Lebensweg entschieden und wolle die Lehre nicht beenden.
Ein paar Wochen später erfuhren wir, dass sie während der Ferien in einem türkischen Dorf mit einem Cousin verheiratet wurde. Zusammen kamen sie dann zurück. Seither trägt sie ein Kopftuch. Sie, die Schweizerin, geht nicht mehr ohne Begleitung auf die Strasse. Als Klassenlehrerin nahm ich mit dem Vater Kontakt auf und wollte ihn überzeugen, dass Aisha wenigstens die Lehre fertig machen sollte. Wir hatten eine heftige Diskussion. Dabei machte er mir klar, dass diese Heirat schon im Babyalter abgemacht wurde und in seiner Familie solche Traditionen hochgehalten werden.
Ich hoffte mit Aisha selber reden zu dürfen. Vergeblich. Der Klasse fehlte eine fröhliche Kameradin, dem Geschäft eine tüchtige junge Kollegin, aber am meisten litt Steve, ihr ehemaliger Kollege, mit dem sie jeden Schulmittag zusammensass, und der sie besonders gerne mochte. Er verstand die Welt nicht mehr.
Heute ist es in unserem Land möglich eine Heirat amtlich abzulehnen, wenn einer der beiden dazu gezwungen wird. Wenn die Heirat aber im Ausland arrangiert wurde, haben wir in der Schweiz keine offizielle Handlungsmöglichkeit. Mit den nun anstehenden Gesetzesänderungen im Strafrecht, Zivilrecht, Ausländerrecht wird es möglich die Opfer besser zu schützen. Eine Ehe wird ungültig erklärt, wenn sie nicht von beiden Ehegatten freiwillig eingegangen wird. Egal, wo sie geschlossen wurde. Das Zivilstandsamt oder die Ausländerbehörde sind verpflichtet einem Verdacht auf Zwangsheirat nachzugehen. Es wird festgehalten, dass die Eheschliessung in der Schweiz dem schweizerischen Recht untersteht und selbstverständlich für alle Kulturen und Traditionen gilt.
Klar wird der Gesetzgeber auch im Strafgesetzbuch: «Wer jemanden durch Gewalt oder Androhung ernstlicher Nachteile oder durch andere Beschränkung seiner Handlungsfähigkeit nötigt, eine Ehe einzugehen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe bestraft.»
Diese Regelung war eigentlich längst fällig.
Text: Christine Egerszegi-Obrist

Christine Egerszegi-Obrist ist Ständerätin der FDP im Kanton Aargau.
Die Politikerin ist Mutter zweier erwachsener Kinder und wohnt in Mellingen (AG).
In ihrer Freizeit geniesst sie vor allem ihre fünf Enkel.
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