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Hurra, der Orientierungsrahmen ist da!

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Vor wenigen Tagen wurde der Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung der Öffentlichkeit vorgestellt. Er läutet ein neues Kapitel in der Kinderbetreuung ein. Warum, erklärt Nationalrätin Jacqueline Fehr in ihrer aktuellen Kolumne.

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Jacqueline Fehr über den Orientierungsrahmen.

Der neue Orientierungsrahmen erinnert uns daran, dass Kinder eine Umgebung brauchen, die sie beim natürlichen Lernen unterstützt. Jacqueline Fehr hofft, dass sich viele auf diesen Orientierungsrahmen stützen.

Es ist ganz einfach: Kinder entdecken die Welt und wir Erwachsene begleiten sie dabei. Unsere Aufgabe als Mutter, Vater, Nachbarin, Grossvater, Tagesmutter, Erzieherin, Spielgruppenleiterin und als Gesellschaft ist es, den Raum zu schaffen, in welchem sich die Kinder bei ihrer Weltentdeckung gut entwickeln können. Und um uns dabei zu unterstützen haben die Schweizerischen Unesco-Kommission und das Netzwerk Kinderbetreuung einen Orientierungsrahmen erarbeiten lassen und ihn vor wenigen Tagen der Öffentlichkeit vorgestellt.

Der Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung läutet ein neues Kapitel in der Kinderbetreuung ein. Dieses geht von den zwei einfachen, aber zentralen Fragen aus: Was wollen Kinder und was brauchen Kinder? Auf diese Fragen gibt der Orientierungsrahmen Antwort. Sein Fokus ist damit das Kind.

Was wollen Kinder?

Sie wollen geliebt, angenommen und verstanden werden. Sie wollen sich aufgehoben und sicher fühlen. Sie wollen spielen, manchmal allein und sehr oft mit anderen Kindern, sie wollen plaudern, Geschichten hören, rennen, klettern, streiten, fragen, begreifen, verstehen, necken, plagen, dominieren, Freundschaften schliessen, Streit anfangen, Frieden schliessen. Sie wollen Lieder singen, basteln, malen, Musik machen, Schnecken zertreten, Würmer retten, Türme bauen und sie wieder kaputt machen, nichts tun, trotzen, nein sagen, weglaufen, Geheimnisse haben, Dinge verstecken usw.

Und was brauchen Kinder?

Sie brauchen eine Lebensumgebung, die obiges möglich macht. Sie brauchen und haben das Recht auf eine Umgebung und auf Erwachsene, die sich ihnen zuwenden, sie als eigenständige Persönlichkeiten wahrnehmen, ihnen Sicherheit bieten und ihrem natürlichen Lern- und Entwicklungsseifer Nahrung und Raum geben. So einfach ist das.

Wenn es also so einfach ist, wieso dann diese Aufregung?

So fing alles an: die ersten Kinderkrippen

Dazu vielleicht ein Blick in die Geschichte der Kinderbetreuung. Die ersten Kinderkrippen entstanden im Zuge der Industrialisierung. Insbesondere Frauenvereine, aber auch die Kirche engagierten sich, damit die Fabrikarbeiterinnen ihre kleinen Kinder nicht zur Arbeit mitnehmen oder alleine zuhause lassen mussten. Diese ersten Kinderkrippen hatten eine dreifache Zielsetzung: Erstens sollten sie der hohen Säuglingssterblichkeit durch Unterversorgung entgegenwirken, zweitens den Müttern den Rücken für die Fabrikarbeit frei halten und drittens eine sittliche Erziehung gewährleisten. Damit war klar: Nur wer in Not war, gab seine Kinder in eine Krippe.

Neu gesehen wurde die Kinderbetreuung in den 60er- und 70er-Jahren. Im Zuge der immer besseren Ausbildung der Frauen und der gesellschaftlichen Umwälzungen wurde das Aufbrechen der kleinbürgerlichen Familienformen gefordert und auch teilweise umgesetzt. Kinderkrippen wurden zunehmend als Alternative zur Heim-und Herd-Idylle verstanden. Damit war klar: Nur wer entweder in Not oder links war, gab seine Kinder in eine Krippe.

Diese Haltung blieb umso mehr in der gesellschaftlichen Seele haften – und meldet sich auch heute immer mal wieder zu Wort -, als die Schweiz die nächste Phase übersprungen hat. Während mit der neuen Gleichstellungsbewegung in den 90er Jahren der Ruf nach institutioneller Kinderbetreuung in Form von Krippen vor allem in den anderen Ländern immer lauter wurde, diskutierten wir in der Schweiz intensiv über die Neuverteilung der Erwerbsarbeit zwischen den Geschlechtern. Teilzeitarbeit für Männer und Frauen auf allen Hierarchieebenen war die zentrale Forderung. Kinderkrippen wurden oft auch in feministischen Kreisen als höchstens die zweitbeste Lösung angesehen.

21. Jahrhundert: Arbeitgeber  forderten Kinderkrippen

Erst als um die Jahrhundertwende erstmals Anzeichen eines Arbeitskräftemangels sichtbar wurden, rückte die Frage der institutionellen Kinderbetreuung in den Mittelpunkt. Die Arbeitgeber forderten für viele überraschend ein stärkeres Engagement für Kinderkrippen und Tagesschulen und im Parlament wurde das wohl aussergewöhnlichste Gesetze der neueren Schweizer Geschichte mehrheitsfähig: die sogenannte Anstossfinanzierung, also das Gesetz über Finanzbeiträge des Bundes an familienergänzende Kinderbetreuung.

Und dann kam Pisa. Ein weiterer Mythos unseres Landes  - der des besten Schulsystems – wurde entzaubert. Der Schock sass tief. Nicht nur wegen der schlechten Leseergebnisse und dem hohen Anteil an sehr schlecht gebildeten Schulabgängerinnen und Schulabgängern. Wirklich beunruhigend war der Befund, dass das schweizerische Schulsystem die Herkunftsunterschiede der Kinder nicht ausgleicht, sondern noch verstärkt. Oder wie es bald treffend zusammengefasst wurde: In der Schweiz entscheidet die Länge des Büchergestells der Eltern über den Schulerfolg der Kinder.

Verschiedene Studien, die dem Pisa-Schock folgten, bestätigten die Resultate: Bereits beim Kindergarteneintritt unterscheidet sich der Lern- und Wissenstand der Kinder um mehr als ein ganzes Lebensjahr. Was passiert denn in den ersten Lebensjahren, war die nächste Frage. Und damit war die Debatte beim Thema «Frühe Kindheit» angelangt. Seither geht es in der Diskussion um Kinderbetreuung auch ums Kind.

Zauberwort Frühförderung

Die Erkenntnisse über die grossen Entwicklungsunterschiede im Kindergartenalter lösten viel Verunsicherung aus. Frühförderung heisst seither das neue Zauberwort. In gewissen Kreisen schwoll die Frühförderung rasch zu einer eigentlichen Frühbildungswelle an. Mit Frühenglisch und Früh-was-auch-immer versuchen Eltern, die Chancen ihrer Sprösslinge auf eine spätere Spitzenkarriere zu optimieren. Irgendwie scheint sich in weiten Teilen das Gespür für die Kinder zwischen Zukunftsangst und Ehrgeiz aufzulösen.

Vor diesem Hintergrund schien es der Schweizerischen Unesco-Kommission, dem Netzwerk Kinderbetreuung und den mit diesen Organisationen verbundenen Fachleuten höchste Zeit, alte Erkenntnisse über das frühkindliche, natürliche Lernen in Erinnerung zu rufen:

  • Kinder lernen am meisten von, mit und durch andere Kinder.
  • Kinder lernen spielend und mit allen Sinnen.
  • Kinder lernen am eifrigsten und am ausdauerndsten in der frühen Kindheit.
  • Kinder bringen viel mit und sind gleichzeitig für eine gute Entwicklung auf eine anregende, kindgerechte Umgebung angewiesen.
  • Kinder entwickeln sich in ihrem eigenen Tempo und machen eigene Wege.

Damit wir tatsächlich ein neues Kapitel in der Kinderbetreuung eröffnen, konkretisiert der Orientierungsrahmen diese Grundsätze und leitet davon ab, was das für uns Erwachsene bedeutet. Denn ob kleine Kinder sich gegenseitig beim Nachmachen von Tierlauten übertrumpfen wollen, Klettertürme zu erklimmen versuchen oder uns unermüdlich mit Warum-Fragen an die Grenzen bringen: Beim Spielen mit anderen Kindern und im Austausch mit uns Erwachsenen passiert’s. So einfach ist das.

So weit so einfach. Ziel und Hoffnung ist es nun, dass sich möglichst viele Menschen, die mit kleinen Kindern zusammen sind, an diesem Orientierungsrahmen orientieren und damit mithelfen, allen Kindern den Raum zu schaffen, der sie beim natürlichen Lernen und in ihrer Entwicklung unterstützt. Denn darauf hat jedes Kind ein Anrecht. Wie dieses Recht eingelöst wird, lässt er offen. Diese Frage muss die Politik beantworten. Und das ist etwas weniger einfach.

Weitere Informationen: www.orientierungsrahmen.ch

Text: Jacqueline Fehr

Jaqueline Fehr, Nationalrätin und Vizepräsidentin SP Schweiz

Jacqueline Fehr ist Vizepräsidentin der SP Schweiz, Nationalrätin für den Kanton Zürich und eine der profiliertesten Bildungs- und Familienpolitikerinnen der Schweiz. Sie hat zwei Söhne und lebt mit ihrer Familie in Winterthur.
Eine ihrer neuesten Publikationen ist das Buch «Schule mit Zukunft», das die umstrittensten Punkte der Bildungsdebatte thematisiert. Mehr dazu erfahren Sie hier: «Die Vision einer Schule der Zukunft»

Auf familienleben.ch/familiensache finden Sie jede Woche eine neue Kolumne zur Familienpolitik. Es schreiben die vier Schweizer Politikerinnen Jacqueline Fehr (SP), Lucrezia Meier-Schatz (CVP), Silvia Blocher (SVP) und Christine Egerszegi-Obrist (FDP).

 


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