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Schon vor zehn Jahren forderte Nationalrätin Jacqueline Fehr eine Verbesserung des Pflegekinderwesens. Dank zwei Neuerungen sollen jetzt endlich gute, nicht nur günstige Lösungen gefunden werden. So sollen Pflegekinder vor Umplatzierungen geschützt werden.
Jacqueline Fehr hat bereits vor zehn Jahren eine Verbesserung des Pflegekinderwesens gefordert.
Manchmal strapaziert die Politik die Geduld gehörig. Vor ziemlich genau 10 Jahren habe ich mit einem parlamentarischen Vorstoss Verbesserungen im Pflegekinderwesen gefordert. Letzte Woche hat nun der Bundesrat die geänderte Verordnung verabschiedet. Das Dranbleiben hat sich gelohnt: Die neue gesetzliche Grundlage wird Pflegekinder wirksamer schützen und die behördliche Arbeit professionalisieren.
Sabrina* ist mir ihren Eltern in die Ferien unterwegs, als ein Lastwagen ausschert und das Auto erfasst. Die Mutter stirbt, der Vater erleidet eine schwere Hirnverletzung, die Schwester stirbt im Spital an inneren Verletzungen. Die siebenjährige Sabrina hingegen bleibt beinahe unverletzt - körperlich. Sie wird bei ihren Grosseltern platziert, da die Gemeindebehörde der Ansicht ist, das sei gut und günstig. Zehn Jahre später eskaliert die Situation. Sabrina schmeisst ihre Lehrstelle, gerät verschiedentlich mit dem Gesetz in Konflikt und terrorisiert ihre mit über 80 Jahren völlig überforderten Grosseltern. Sabrina kommt in ein Heim. Die Gemeinde muss zahlen.
Fabian* und Fréderic*, 3 und 5, müssen miterleben, wie der Vater die Mutter immer mal wieder schlägt. Diese beginnt zu trinken. Als die Situation eines Abends völlig ausser Kontrolle gerät, erwürgt der Ehemann die Mutter seiner Kinder. Er kommt ins Gefängnis und die beiden Kleinkinder zur Beobachtung ins Kinderspital. Die Behörden platzieren die beiden Kleinkinder bei der Schwester des Täters, die als einzige in der Verwandtschaft bereit ist, beide Kinder zu nehmen. Sehr bald kommt es zu Konflikten. Die Eltern des Opfers ertragen es nicht, dass ihre Enkel zu den Verwandten des Mörders ihrer Tochter eine engere Beziehung hat als zu ihnen. Die Kinder müssten umplatziert werden.
Sarah* und Luca* sind die Kinder von Marianne und Peter. Peter ist in der Zwischenzeit an seiner Drogenkrankheit gestorben. Marianne hat es geschafft, vom Stoff wegzukommen. Ihr grösster Wunsch ist, den Kindern eine gute, liebevolle Mutter zu sein und ihnen das geben zu können, was ihr selber verwehrt wurde. Doch die Drogensucht hat Spuren hinterlassen. Die Depressionen holen sie immer wieder ein und ihr bleibt nur der Klinikaufenthalt. Eine spezialisierte Platzierungsorganisation übernimmt den Fall. Zusammen mit der Mutter und den Behörden finden sie eine Pflegefamilie, die der Situation gewachsen ist. Die Kinder erhalten eine stabiles Familienumfeld und erleben gleichzeitig eine Mutter, der sie viel bedeuten. Die Pflegefamilie, aber auch die Mutter erhalten die nötige Unterstützung und Beratung in allen schwierigen Situationen. Die beiden Kinder werden von einer Person bei den Behörden zusätzlich begleitet, die ihre Interessen unabhängig vom ganzen Setting wahrnimmt.
Alle drei Fälle* sind erfunden und trotzdem real. Denn mit genau solchen Fällen befasst sich das Pflegekinderwesen. Und dieses ist in vielen Gemeinden längst nicht auf dem fachlichen Stand, auf dem es sein müsste. Meist sind die Behörden total überfordert. Statt einer guten Platzierung soll sie vor allem günstig sein. Und damit wird häufig reflexartig bei Verwandten oder Familien platziert die auf eine Bezahlung verzichten. Die Folge sind überforderte Pflegefamilien, häufige Umplatzierungen und für die betroffenen Kinder oft wahre Odysseen durch mehrere Familien und Heime.
Obwohl die Missstände längst benannt sind, tat sich die Politik schwer mit den nötigen Reformen. Auch der Bundesverwaltung fehlte die Erfahrung zum Thema und so hat sie in zwei Vorentwürfen Dinge miteinander vermischt, die nichts miteinander zu tun haben. Es brauchte einen Wechsel an der Departementsspitze und sehr viel Arbeit hinter den Kulissen, bis es nun gelungen ist, das zu tun, was ursprünglich gefordert wurde.
Zwei Neuerungen lassen hoffen, dass mehr Kinder so wie Sarah und Luca platziert werden: Erstens: Die neuen Kinder- und Erwachsenenschutzbehörden, die am 1. Januar 2013 ihre Arbeit aufnehmen werden, lösen das bisherigen Vormundschaftswesens ab. Sie ermöglichen eine Professionalisierung der Behörden, von der auch die Kinder in solch schwierigen Lebenssituationen profitieren werden. Und zweitens verpflichtet die neue Pflegekinderverordnung die Kantone, ihre Aufsichtspflicht wahrzunehmen, Platzierungen besser zu überprüfen sowie die Rechte der Betroffenen besser zu wahren. Endlich, ist man versucht zu sagen!
Text: Jacqueline Fehr

Jacqueline Fehr ist Vizepräsidentin der SP Schweiz, Nationalrätin für den Kanton Zürich und eine der profiliertesten Bildungs- und Familienpolitikerinnen der Schweiz. Sie hat zwei Söhne und lebt mit ihrer Familie in Winterthur.
Eine ihrer neuesten Publikationen ist das Buch «Schule mit Zukunft», das die umstrittensten Punkte der Bildungsdebatte thematisiert. Mehr dazu erfahren Sie hier: «Die Vision einer Schule der Zukunft»
Auf familienleben.ch/familiensache finden Sie jede Woche eine neue Kolumne zur Familienpolitik. Es schreiben die vier Schweizer Politikerinnen Jacqueline Fehr (SP), Lucrezia Meier-Schatz (CVP), Silvia Blocher (SVP) und Christine Egerszegi-Obrist (FDP).

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