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Jacqueline Fehr: Die unverdaute Pille

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Dieser Tage wurde die Pille fünfzigjährig. Kaum ein pharmazeutisches Produkt hat die Gesellschaft so grundlegend verändert wie die mehr oder weniger sichere Verhütungspille. Seither gibt es nicht mehr einfach Kinder, seither werden Kinder geplant. Das war und ist zuerst eine grosse Erleichterung für junge Menschen und insbesondere für junge Frauen.

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Jacqueline Fehr. Nationalrätin der SP im Kanton Zürich.

Sexuelle Beziehungen können ohne Angst vor Schwangerschaft ausprobiert und genossen werden. Die Zahl der Teenager-Schwangerschaften ist tief. Ausbildungen können abgeschlossen und Berufserfahrungen gesammelt werden. Der Kinderwunsch kann wachsen und die Paare können sich in Ruhe Gedanken über die Organisation der geplanten Familie machen.

Die Erfindung der Pille stellt die Menschen und die Gesellschaft aber auch vor grosse Herausforderungen. Plötzlich müssen sich junge Paare bewusst für Kinder entscheiden. Oder anders gesagt: Wer keine Kinder haben will, kann kinderlos bleiben. Andere Lebensmodelle werden zur Konkurrenz. Wer Familie trotzdem wagt, hat konkrete Vorstellungen. Kinder werden mehr und mehr zum Projekt, mit dem konkrete Erwartungen verbunden werden. Bücherregale voller Erziehungsratgeber symbolisieren die zunehmende Orientierungslosigkeit im Umgang mit Kindern. Eine ganze Industrie von Förderangeboten boomt. Während der Schwangerschaft wird auf die richtige Musik geachtet, die Geburt wird zum Lifestyle-Erlebnis, die Säuglinge werden in den Schlaf massiert und die Mütter achten auf die still-konforme Zusammensetzung ihres Menuplans.

 

Nichts gegen Baby-Massage oder gesunde Ernährung. Im Gegenteil! Doch hinter dieser bewussten und verantwortungsorientierte Lebensplanung steht die Umkehrfalle. Wer Kinder haben will, soll gefälligst auf eigene Bedürfnisse verzichten. Wer Kinder haben will, soll gefällst dafür schauen, dass sie recht herauskommen. Wer Kinder haben will, soll gefälligst darum besorgt sein, dass sie der Gesellschaft nicht zur Last fallen. Schliesslich ist heute niemand mehr gezwungen, Kinder auf die Welt zu stellen! Wer es trotzdem tut, muss sich später nicht beklagen!

Wie stark diese Umkehrfalle wirkt, zeigen die typisch schweizerischen Diskussionen um die „richtige“ Familie. Weit verbreitet ist nach wie vor der Ansatz, dass die Verzichtsleistungen der Eltern und dabei insbesondere der Mütter der beste Garant für problemlose Kinder sind. Je mehr eine Mutter verzichtet, desto höher die Chance auf eine erfolgreiche Erziehung, heisst das konservative Credo.

Das ist Unsinn. Die Qualität einer Mutter oder eines Vaters misst sich selbstverständlich nicht daran, auf wie viel sie oder er „zugunsten der Kinder“ verzichtet. Im Gegenteil: Schauerlich ist die Vorstellung aus Sicht des Kindes, dafür verantwortlich zu sein, dass die eigenen Eltern sich nicht das zu machen getrauen, auf was sie Lust haben. Und ebenso schauerlich die Vorstellung, für einen Karriereschritt des Vaters oder der Mutter die Verantwortung übernehmen zu müssen, weil diese sich nicht getrauen, ihn mit eigenen Bedürfnissen und Überlegungen zu begründen.

Viele Eltern überschätzen sich. Sie glauben, dass ihre Kinder nur dann glücklich sein können, wenn sie ständig unter ihrer Obhut sind. Schauen wir uns mal die erfolgreichen Kinderbücher an, insbesondere jene von Astrid Lindgren. Was fällt auf? Es fehlen die Eltern oder sie spielen eine Nebenrolle. Eltern sind wichtig. Wichtig sein heisst aber nicht, dauernd anwesend sein. Lassen wir unseren Kindern auch Luft zum Atmen und Raum, um sich selber zu werden.

Wir haben die Pille noch nicht verdaut. Zwei Erfahrungen aus ihrer 50-jährigen Geschichte sollten wir der nachfolgenden, der quasi 3. Pillen-Generation mit auf den Weg geben.

    • Durch die Pille hat die Familie Konkurrenz erhalten. Damit junge Paare das Abenteuer Elternschaft wagen, brauchen und wollen sie zurecht die Unterstützung der Gesellschaft.
    • Sich bewusst für Kinder zu entscheiden bedeutet nicht, dass man diesen Entscheid mit einer möglichst grossen persönlichen Verzichtsleistung quasi verdienen müsste. Die persönliche Lebensgestaltung sollte nicht mit den Kinder gerechtfertigt werden, die dazu gar nie befragt werden.

Text: Jacqueline Fehr

Jacqueline Fehr ist Vizepräsidentin der SP Schweiz, Nationalrätin für den Kanton Zürich und eine der profiliertesten Bildungs- und Familienpolitikerinnen der Schweiz. Sie ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt mit ihrer Familie in Winterthur.
Eine ihrer neuesten Publikationen ist das Buch «Schule mit Zukunft», das die umstrittensten Punkte der Bildungsdebatte thematisiert. Mehr dazu erfahren Sie hier: «Die Vision einer Schule der Zukunft»

Ab sofort gibt es auf familienleben.ch eine wöchentliche Kolumne zur Familienpolitik mit den vier Schweizer Politikerinnen Jacqueline Fehr (SP), Lucrezia Meier-Schatz (CVP), Silvia Blocher (SVP) und Christine Egerszegi-Obrist (FDP).

 


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Kommentare

  • Andrea1 08.04.2010 14:28 Uhr
    Gratulation ! Super Text ! Bin auch entsetzt wie sehr das Kind zum "Projekt" geworden ist und wie sehr man (frau) sich selbst dafür aufgibt ....

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