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Nach dem Studium kam ich als Französischlehrerin an eine aargauische Bezirksschule. Das ist neben der Realschule und der Sekundarschule die Stufe, in die die Kinder mit den besten Noten aus der Primarschule kommen. Dort hatte ich in einer Klasse einen sehr intelligenten Schüler, der immer allein in seiner Bank sass, ganz vorne links, und sichtlich tief traurig war, wenn er in einer Prüfung die Höchstnote verpasste.
Christine Egerszegi-Obrist, Ständerätin der FDP im Kanton Aargau.
Am Elternbesuchstag kam sein Vater in die Schule, ein bekannter Anwalt. Ich packte die Gelegenheit und sagte ihm, dass ich mir Sorgen um seinen Buben mache. Er winkte entschieden ab und meinte – wortwörtlich: «Der ist schon recht. Der Älteste ist mir «abverreckt», er macht eine Lehre als Automechaniker».
Ich war schockiert. Ein Vater sagt über sein Kind, es sei «abverreckt», weil es nicht die Bildungsstufe erreicht hat, die er sich gewünscht hat. Grauenhaft. Unverständlich. Dieser Satz hat mich über all die Jahre beschäftigt.
Wir stehen vor den Sommerferien und in der ganzen Schweiz geht ein Schuljahr zu Ende. Für viele Schülerinnen und Schüler wird es nachher Veränderungen geben: eine neue Klasse, eine neue Lehrkraft, sogar einen neuen Schulort. Für diejenigen, die eine andere Schulstufe beginnen, wünsche ich mir, dass sie als aufgestellte Realschüler, aktive Sekundarschüler oder zupackende Bezirksschüler starten werden. Und ich möchte allen Eltern sagen, dass der Entscheid, in welche Abteilung ihr Kind kommt nicht entscheidend ist, ob es im Leben Erfolg haben wird. Ganz wichtig aber ist es, dass es dort seine Begabungen entwickeln kann.
Ich habe während Jahren Bezirksschulklassen unterrichtet. Dort hatte ich sehr Begabte und weniger Begabte. Später habe ich am KV Baden Sprachfächer gelehrt, Verkäuferklassen aus ehemaligen Realschülern, sogar Kleinklassenschülern; also junge Leute auf der niedrigsten Bildungsstufe. Und siehe da: Auch dort gab es genau dasselbe: intelligente und weniger intelligente. Oft konnten dort die sehr Begabten einen Text nicht ganz fehlerfrei schreiben oder auf Anhieb alle Rechnungen lösen, aber dafür hatten sie ein enormes Gespür für Zusammenhänge, eine Art Menschenschläue, oder tiefe Sachkenntnisse über Teilgebiete, die sie interessierten, über Pflanzen oder Motoren. Viele meiner Ehemaligen sind heute in sehr verantwortungsvollen Leitungsfunktionen und haben «Karriere» gemacht.
Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass jeder Mensch etwas besser kann, als die andern. Der eine kennt alle Schmetterlinge, der andere alle Fussballstars. Die eine kann rechnen wie der Blitz, der andere kann Rollerbladen wie keiner in der Klasse. Eine andere hat einen besonderen Sinn für die Zusammenstellung der Farben, der andere kann wunderbar trösten, wenn jemand traurig ist. Der eine kann Geschichten schreiben, die andere kann aus jedem Holz Figuren machen Ich könnte noch viele Eigenschaften aufzählen. Sie sind alle wertvoll, aber die wenigsten stehen im Zeugnis. Wichtig für die Kinder ist, dass sie ihre Begabungen einsetzen und weiterentwickeln können. Und wichtig ist, dass Eltern und Lehrkräfte sie dabei unterstützen, damit sie Vertrauen in ihre Fähigkeiten gewinnen.
Das möchte ich allen Eltern mitgeben, die vielleicht enttäuscht sind, dass ihr Kind die nächste Stufe nicht geschafft hat.
Text: Christine Egerszegi-Obrist
Christine Egerszegi-Obrist ist Ständerätin der FDP im Kanton Aargau.
Die Politikerin ist Mutter zweier erwachsener Kinder und wohnt in Mellingen (AG).
In ihrer Freizeit geniesst sie vor allem ihre fünf Enkel.
Ab sofort gibt es auf familienleben.ch eine wöchentliche Kolumne zur Familienpolitik mit den vier Schweizer Politikerinnen Jacqueline Fehr (SP), Lucrezia Meier-Schatz (CVP), Silvia Blocher (SVP) und Christine Egerszegi-Obrist (FDP).
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