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Faul, wohlstandsverwahrlost, ohne Werte – Vorwürfe an die Jugend gibt es und gab es schon immer viele. Zwei so engagierte wie in ihren Lösungsansätzen gegensätzliche Nachwuchspolitiker von JUSO und JSVP unterhielten sich mit uns darüber, welche Vorwürfe sie für berechtigt halten, welche grossen Herausforderungen auf die Jugendgeneration zukommen und warum sie glauben, dass die Familie dabei immer unwichtiger wird.
Die heutige Jugend sei überfordert, abgestumpft, aber der Zukunft nicht negativ eingestellt - so die Jungpolitiker von JUSO und JSVP. Foto: © Yuri Arcurs - Fotolia.com
Gegensätzlicher könnten die Überzeugungen von Nina Kunz (18) und Benjamin Fischer (20) auf der politischen Landkarte kaum sein. Kunz ist Vorstandsmitglied der Jungsozialisten (JUSO) der Stadt Zürich und verantwortlich für den Kontakt zur Mutterpartei SP. Fischer ist engagiertes Mitglied der Jungen SVP und erster Vizepräsident der SVP Volketswil.
Dennoch haben die beiden vieles gemeinsam. Beide kandidierten in der Liste der jeweiligen Jungpartei für den Nationalrat. Nina und Benjamin studieren in Zürich, jeweils Geschichte und Betriebsökonomie im Hauptfach. Sie sind jung, intelligent und sich der grossen Herausforderungen bewusst, die ihre Generation in nächster Zukunft erwartet. Im gemeinsamen Gespräch mit familienleben über die Jugend von heute diagnostizieren sie nicht selten dieselben Generationsprobleme. Wenn es aber um deren Bewältigung geht, geraten sie stark aneinander – besonders, wenn Immigranten und Jugendgewalt im selben Atemzug genannt werden.
Über die Generation, die in den Neunzigern und zu Beginn der Nuller Jahre jung war, sagt man heute, sie sei wirtschaftlich erfolgreich, aber politisch schwach und naiv gewesen. Was zeichnet die Jugend von heute aus?
Kunz: Die Jugend von heute ist weitgehend überfordert mit den vielen Möglichkeiten, die sich ihr, nicht zuletzt durch die Globalisierung, eröffnen. Vor 50 Jahren waren die Lebenswege ziemlich genau definiert. Sei es über das Geschlecht, den sozialen Stand, den Beruf der Eltern. Heute haben wir keine Einschränkungen mehr. Der Balanceakt zwischen der breiten Palette an Möglichkeiten und der damit einhergehenden Überforderung zeichnet unsere Generation aus.
Fischer: Das ist so. Jeder kann sich seine eigene Welt, seine eigene Zukunft zurechtzimmern. In welchen Kreisen möchte ich mich bewegen? Welcher Szene möchte ich angehören? Diese Entscheidungen treffen wir heute individuell. Früher hatte man klare Dogmen, die von Kirche, Familie und Gesellschaft gegeben waren. Viele Sitten und Moralvorstellungen, die früher normal waren, entfallen heute und wurden noch nicht ersetzt.
Müssen alte Moralvorstellungen denn durch neue ersetzt werden?
Fischer: Das ist die zentrale Frage, die unsere Generation zur Orientierungslosigkeit führt. Negativ muss diese Freiheit gegenüber Normen und Werten nicht sein. Freiheit ist für mich persönlich sowieso ein wichtiger Begriff. Zudem ist in diesem Zusammenhang gerade die Rolle der Frau äusserst positiv. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte müssen Frauen, zumindest in Westeuropa, nicht mehr für ihre Rechte kämpfen.
Wie sieht das die Frau der Runde? Ist die Frau heute, was Gleichberechtigung und Rollenverteilung angeht, am Zenit angelangt?
Kunz: Was die Berufschancen in der Schweiz anbelangt: Ja. Aber das ist ein formelles Ja. In der sozialen Praxis gibt es immer noch massive Unterschiede, die sich leider nicht so schnell ändern lassen. Wir Frauen können jetzt arbeiten, wählen gehen, vereinzelt auch Führungspositionen einnehmen. Aber mal ehrlich, Frauen werden immer noch als sensibler, weniger belastbar und ängstlicher als Männer bewertet. Sie wurden zu lange als reine Geburtsmaschinen gesehen, als dass unsere Generation die Rollenverteilung so schnell ändern könnte...
Fischer: Doch, klar. Das ist eine Frage der Zeit. Die Frauenbewegung, man nehme 1968 als Umbruchsjahr, ist noch gar nicht so lange her. Der Frauenanteil an den Universitäten beispielsweise steigt stetig. «Economics and Politics», so heisst mein Studiengang, hat eine sehr hohe Frauenquote.
Welche Werte sind denn euch persönlich wichtig?
Kunz: Genau wie Benjamin Fischer bereits erwähnt hat, ist mir die persönliche Freiheit ganz wichtig. Genauso gegenseitiger Respekt vor Gleich- und Andersgesinnten.
Fischer: Mir ist wichtig, inmitten all dieser Freiheit, meine Stärken zu erkennen und sie optimal einzusetzen. Die Werte, die wir von der Familie oder von der Gesellschaft eingetrichtert bekommen, mögen zwar schön und gut sein, irgendwann muss sich aber jeder Jugendliche selber orientieren.
Kunz: Schön, wenn du das so siehst, aber ist es nicht etwas utopisch? Die meisten Jugendlichen sind nicht so eigenständig und lassen sich zum Beispiel von den Medien beeinflussen. Du kannst noch so behaupten, dass sich Jugendliche irgendwann an eigenen Werten orientieren, meistens ist es doch trotzdem das Ziel, soviel Geld zu haben wie die Fussballstars, um sich das teure Auto aus der Werbung zu kaufen.
Benjamin Fischer, JSVP: «Die Familie wird leider immer mehr zum romantischen Fantasiebild.»
Keiner von euch hat Familie, Liebe oder Geborgenheit als Wert aufgezählt. Das erstaunt.
Kunz: Nun, ich denke, dass soziale Kreise wie die Familie oder die Gemeinschaft in einem Dorf oder im Quartier für die heutige Jugend extrem an Wert verloren haben.
Fischer: Vielleicht hat es damit zu tun, dass die Familie in der Schweizer Mentalität sowieso nicht so sehr als wichtigster Wert gilt wie zum Beispiel in südlichen Ländern. Unabhängig davon, kommt das traditionelle Familienbild in der westlichen Welt sowieso immer seltener zustande. Scheidungskinder gehören regelrecht zur Norm. Interessant ist es jedoch, dass sich Umfragen zufolge viele Jugendliche doch das romantische Bild der Familie zurückwünschen.
Du bezeichnest also einen handfesten, traditionellen Wert wie die Familie als romantisches Fantasiebild?
Fischer: Leider wird sie das immer mehr. Wir sind schliesslich die erste Generation, für die es nicht selbstverständlich ist, dass die eigenen Eltern für immer zusammen bleiben.
Kunz: Das hatte aber eindeutig mit der Repression der Frau zu tun. Früher war es unvorstellbar, dass die Frau den Mann wegen Differenzen verliess.
Fischer: Klar, das wollte ich nicht schönreden. Die grosse Beliebtheit von Telenovelas und Liebesfilmen zeigt jedoch, dass doch ein grosses Bedürfnis nach Geborgenheit vorhanden ist.
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