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Wenn Jugendliche ihre Ausbildung abbrechen, fragen sich Eltern, ob ihr Nachwuchs nie erwachsen werden will. Warum viele Heranwachsende nur schwer ins Berufsleben finden, erklärt der Psychologe Prof. Allan Guggenbühl. «Die Weiter- und Ausbildungswege sind zu lang und vielfältig», sagt er.
Viele Jugendliche verlieren sich in ihrer Orientierungslosigkeit. Bild: Brand X Pictures-Thinkstock
Herr Prof. Dr. Guggenbühl, Sie sagen, die Lebensphase der Jugend dauert heute zu lange, Heranwachsende werden erst spät erwachsen. Was meinen Sie damit?
Allan Guggenbühl: Jugend definiert sich über bestimmte Qualitäten. Eines ihrer Merkmale ist, dass in dieser Phase das Leben ein Provisorium ist. So wohnen Jugendliche zum Beispiel bei den Eltern, möchten jedoch eigentlich eine eigene Wohnung. Sie sind in der Ausbildung oder in der Schule, würden jedoch gerne etwas Richtiges machen. Sie versuchen sich als Event-Manager, im Wissen, dass es nicht ihr Beruf sein wird. Vieles ist in der Jugend noch nicht entschieden. Heute reicht die Jugend bis in ein Alter von 24, 25 Jahren hinein. Doch spätestens im zweiten Lebensjahrzehnt sollte die berufliche Ausrichtung klar, der junge Mensch ein selbständiger Bürger werden.
Warum dauert es heute so lange, bis Jugendliche eigenständig leben und für ihr Leben Verantwortung übernehmen – also erwachsen werden?
Viele Jugendliche finden nur schlecht ins Berufsleben hinein. Im üppigen Angebot an schulischen und beruflichen Möglichkeiten finden sie keine Orientierung. Die lange Berufsausbildung überfordert sie. Oft gewinnen sie den Eindruck, Aus- und Weiterbildung nähmen einfach kein Ende.
Eine Situation, die Eltern grosse Sorgen macht … Immer wieder brechen Jugendliche voreilig Ausbildungen und Studiengänge ab, um stattdessen im Ausland zu jobben.
Auch für die Jugendlichen ist die Situation schwer zu ertragen. Die lange Aneinanderreihung der schulischen und beruflichen Aus- und Weiterbildungen ist eine pädagogische Zwischenwelt. Jugendliche fürchten, im Rahmen der andauernden provisorischen Trockenübungen zu verblöden. Sie merken, dass Ausbildung eine Disziplinierung der Alten ist, mit der sie in Schach gehalten werden sollen. Dabei sehnen sie sich nach echten Lebenserfahrungen.
Jugendliche wollen also gar nicht kneifen?
Ja. Jugendliche wollen sich ausprobieren, Risiken eingehen und etwas schaffen.
Was muss sich ändern, damit Jugendliche besser ihren beruflichen Weg finden und schneller erwachsenen werden können?
Jugendliche müssen früher in die Berufswelt eingebunden werden. Konkret bedeutet das, dass die Gesellschaft ihnen Möglichkeiten einräumen muss, Verantwortung zu übernehmen und Geld zu verdienen. Kurzum: Sie sollten früher in konkrete Arbeiten und Pflichten eingebunden werden.
Was genau wünschen Sie Jugendlichen?
Ich stelle mir zum Beispiel vor, dass man Jugendlichen die Möglichkeit gibt, neben dem Schulbetrieb oder Studium zu arbeiten und Geld zu verdienen, sei es im Service, Bau oder als Zugsbegleiter. Schön wäre es auch, wenn sie schon in jungen Jahren einen Laden eröffnen könnten. Wichtig ist, dass sie sich dabei ausprobieren können – das bedeutet, dass sie auch scheitern dürfen. Nur so können sie echte Erfahrungen sammeln. Um junge Menschen direkter ins Erwachsenenleben einzuführen, braucht es Zwischenjahre mit echten Verantwortungen und Projektarbeiten, bei denen die Erwachsenen nichts zu sagen haben.
Zur Person:

Der Analytische Psychotherapeut Prof. Dr. Allan Guggenbühl ist Leiter des Instituts für Konfliktmanagement und Mythodrama (IKM) und der Abteilung für Gruppenpsychotherapie für Kinder und Jugendliche an der kantonalen Erziehungsberatung der Stadt Bern. Er berät Lehrpersonen und Führungspersonen von Organisationen und Schulen über Konfliktmanagement. Darüber hinaus doziert er über Psychologie und Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule des Kantons Zürich.
Institut für Konfliktmanagement in Zürich: ikm.ch
Autor: Sigrid Schulze im November 2012

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