Mit drei Jahren noch an Mamis Busen nuckeln: Langzeitstillen provoziert

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Für die meisten Mütter ist Stillen selbstverständlich. Doch wer seinem Baby länger als ein Jahr die Brust gibt, gilt als Exotin. Dabei ist Langzeitstillen ganz natürlich. Welche Vor- und Nachteile das mit sich bringt, erklären eine Kinderärztin, eine Hebamme und eine Mütterberaterin.

Langzeitstillen: Ein Kleinkind trinkt an der Brust seiner Mutter.

Kleinkinder in der Öffentlichkeit zu stillen, finden manche stossend. Foto: YulyaShilova, iStock, Thinkstock

Als das amerikanische Time Magazine vor zwei Jahren eine selbstbewusste junge Frau, die ihren fast Vierjährigen an der Brust trinken lässt, auf das Cover hob, war die Aufregung gross. Denn Langzeitstillen ist alles andere als normal.

Nur etwa zwei von hundert Frauen stillen ihr Kind in der Schweiz über das erste Lebensjahr hinaus. Kein Wunder, ernten Mütter, die Kleinkinder in der Öffentlichkeit stillen, verwunderte Blicke. «Es ist ein gewohnter Anblick, wenn ein Neugeborenes in der Öffentlichkeit gestillt wird», sagt Heidi Zinggeler Fuhrer, Co-Präsidentin von Kinderärzte Schweiz, «bei einem Kleinkind sind wir uns dies nicht mehr gewohnt.» Man sei irritiert, weil das Stillen eines älteren Kindes intim ist.

Die Hebamme und Stillberaterin Miriam Wille, Zentralvorstandmitglied beim Schweizerischen Hebammenverband, erklärt, dass Langzeitstillen in anderen Ländern selbstverständlich sei. «Wir finden es hingegen nicht befremdend, wenn ein Kind an der Flasche trinkt oder mit dem Schnuller im Mund auf seinem Dreirad fährt», sagt sie. Auch früher wurden Kinder in der Schweiz mehrere Jahre gestillt. Mit der Berufstätigkeit der Frau und der Weiterentwicklung der künstlichen Säuglingsnahrung habe die Stilldauer abgenommen, erklärt Monika Schwander vom Vorstand des Schweizerischen Berufsverbandes der Mütterberaterinnen.

Jamie Lynn Grumet, die Frau, die auf dem Cover des Time Magazines erschien, wollte mit dem Foto zeigen, dass das lange Stillen eine Option sei. Sie selbst wurde bis zum Alter von etwa sechs Jahren gestillt. Ihr damals dreijähriger Sohn bekam bis zu dreimal am Tag die Brust. In unzähligen Kommentaren erntete sie dafür Kritik.

Langes Stillen: «Das Kind entscheidet mit»

Dabei sei langes Stillen ganz natürlich, weil es dem Mutterinstinkt der meisten Mütter und dem Bedürfnis der meisten Kinder entspreche, so Hebamme Miriam Wille. Das biologische Abstillalter liege, laut verschiedenen Berechnungen der amerikanischen Anthropologin Katherine Dettwyler, bei mindestens zwei bis maximal sieben Jahren. Frauen, die lange stillen, entscheiden sich nicht bewusst dafür, hat Mütterberaterin Monika Schwander beobachtet, «das Kind entscheidet schliesslich mit.» Es ergebe sich oft, weil die Mütter gute Erfahrungen gemacht haben.

Die Kinderärztin Heidi Zinggeler Fuhrer ist der Meinung, dass Mutter und Kind gemeinsam entscheiden sollen, wie lange gestillt wird. Nicht die Gesellschaft. In ihrer Praxis empfiehlt sie das Stillen und versucht die Mütter dabei bestmöglichst zu unterstützen. Sie sei froh, wenn Mütter es schaffen, die ersten sechs Monate voll zu stillen und anschliessend neben der Beikost weiter zu stillen. Ab einem Jahr sollte das Kind vom Tisch essen. Ob dann die Milch aus der Brust oder von der Kuh kommt, das seien beides mögliche Wege. Denjenigen, die ihren Kindern den Schoppen geben, empfiehlt sie allerdings nach dem ersten Geburtstag Kuhmilch. «Kinder brauchen dann keine industriell hergestellte Kindermilch.»

Warum sich Mütter für das Langzeitstillen entscheiden

Das Langzeitstillen stärkt die Beziehung zwischen Mutter und Kind. Viele Mütter geniessen den innigen Moment, wenn das Kind an der Brust saugt. Es sorgt für Nähe und Geborgenheit. Kinder, die anfangen laufen zu lernen und die Welt auf zwei Beinen entdecken, ziehen sich gerne an die Brust der Mutter zurück, hat Hebamme Miriam Wille beobachtet. Das kann auch Mütterberaterin Monika Schwander bestätigen: «Es ist ein gutes Mittel, dem Kind Sicherheit zu geben, es zu beruhigen oder zu trösten.»

Das lange Stillen hat daneben gesundheitliche Vorteile. Die Muttermilch ist sehr gehaltvoll und schützt Kinder vor Krankheitserregern. «Auch nach der Einführung von Beikost sind gestillte Kinder besser mit Nährstoffen, Vitaminen, spezifischen Abwehrstoffen und Kalorien versorgt», sagt Miriam Wille.

Langzeitstillen hat auch Nachteile

«Grundsätzlich spricht nichts gegen langes Stillen», erklärt die Hebamme weiter, «die meisten Argumente dagegen sind oft Vorurteile.» Problematisch wird das Langzeitstillen dann, wenn es die Mutter als störend empfindet. Die Kinderärztin Heidi Zinggeler Fuhrer beschreibt ein Beispiel: «Wenn das Kind tagsüber ständig den Pullover hochhebt, um am Busen zu trinken, finde ich das schwierig. Ein Kind muss lernen sich anders zu beruhigen. Das beobachte ich vor allem bei Müttern, die Schwierigkeiten haben ihren Kindern Grenzen zu setzen».

Ein weiterer Nachteil kann sein, dass die Mutter im nächtlichen Schlaf gestört sei oder das Kind durch die zusätzliche Ernährung weniger am Tisch mit esse, so Mütterberaterin Monika Schwander. Wenn sich die Mutter nicht ausreichend ernähre, könne der Körper der Mutter durch die Produktion einer grossen Milchmenge geschwächt sein.

Wer lange stillt, sollte zudem offen mit seinem Partner darüber reden. Manche Männer sind eifersüchtig, weil sie das Gefühl haben, keine so tiefe Beziehung zum Kind aufbauen zu können wie die Mutter. Manchmal fällt der Rollenwechsel von der stillenden Mutter zur begehrenswerten Frau schwer.

Haben Sie Fragen zum Langzeitstillen? Ihre Mütterberaterin, Stillberaterin, Hebamme oder Kinderärztin helfen Ihnen gerne weiter.

Text: Angela Zimmerling im September 2014

 

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