«Dass Kinder nicht gegen Masern geimpft sind, ist oft ein Versehen»

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Der Bund will die Masern ausrotten – wie es scheint ghaue oder gstoche. Denn trotz grosser Impfkampagne in den letzten Jahren sind die Erfolge mittelmässig. Das Bundesamt für Gesundheit verteidigt seine Massnahmen. 

Mit Virginie Masserey vom BAG sprach Fabienne Eisenring, im März 2017

Impfkampagne 2011 bis 2015

Gegen Masern impfen und nichts verpassen, hiess es beim BAG: Bild aus der Impfkampagne 2011 bis 2015 des Bundesamts für Gesundheit (BAG). (Bild: zVg.)

Familienleben: Obwohl die Impfquote schweizweit zunimmt, konnten die Masern trotz aufwändiger Kampagne nicht besiegt werden. Die Krankheitsfälle nehmen sogar wieder zu. Man könnte also behaupten, die Strategie wäre gescheitert.

Virginie Masserey: Tatsächlich haben wir die Ziele nicht erreicht, die 95 Prozent-Impfquote und die Inzidenz, also die Häufigkeit der Neuerkrankungen, auf eine Person pro Million Einwohner zu senken. Die Frist war ein bisschen kurz. Wir sind nicht erstaunt, dass es noch weitere Masernfälle gegeben hat und auch noch geben wird. Dennoch ist die Bilanz der nationalen Strategie zur Masernelimination insgesamt positiv. Die dazugehörige Informationskampagne hat die Bevölkerung aufgeklärt und die Krankheit mehr ins Bewusstsein der Leute gerückt. Mit einer Studie wurde die Strategie evaluiert und als gut befunden. Wir haben alles Mögliche getan und werden unsere Bemühungen weiterführen.

Warum ist die Bilanz für Sie positiv?

Die Durchimpfungsrate der jungen Erwachsenen konnte beispielsweise um zehn Prozent gesteigert werden. Das ist ein bemerkenswerter Fortschritt. Auch die Zahl der Nachholimpfungen wurde erhöht. Die Erwachsenen sind jedoch schwieriger zu erreichen. Viele schätzen die Masern als Kinderkrankheit ein und fühlen sich nicht betroffen.

Die schweizweite Durchimpfungsrate bei Kleinkindern mit zwei Dosen konnte um gerade mal zwei Prozentpunkte auf 87 Prozent im Jahr 2015 erhöht werden. Auf den ersten Blick nicht gerade viel...

Natürlich sieht ein Anstieg von zwei Prozentpunkten nicht nach viel aus. Doch die 87 Prozent zeigen den Durchschnitt der gesamten Schweiz an, also das Mittel aller Kantone. Zwischen den Kantonen bestehen grosse Unterschiede: in Hinsicht auf personelle und finanzielle Ressourcen und Gesundheitsstrukturen, wie zum Beispiel schulärztliche Dienste. Dank der Strategie konnten die Unterschiede zwischen den Kantonen aber verkleinert werden. Kantone mit niedriger Durchimpfungsrate, so zum Beispiel der Kanton Appenzell Innerrhoden, holten auf. Dort konnten Fortschritte erzielt werden, die in der gesamten Durchimpfungszahl der Schweiz nicht ersichtlich sind.

Habe ich das richtig verstanden – für die Evaluation der Strategie war nur die Durchimpfungsquote und nicht die Eliminierung der Masern ausschlaggebend?

Beide sind wichtig für die Evaluation der Strategie. Nicht nur die Durchimpfungsquote, auch die Inzidenz. Das Ziel war, die Anzahl Neuerkrankungen auf einen Krankheitsfall pro Million Einwohner zu reduzieren. Die tiefste Zahl hatten wir im Jahr 2014 mit drei Fällen pro Million Einwohner. In 2008 hatten wir dagegen sehr viele Fälle. Sie sehen, diese Zahlen unterliegen grossen Schwankungen. Wenn wir in einem Jahr 20-40 Fälle haben und dazu im nächsten Jahr noch einmal so viele kommen, gibt es einen Aufschrei. Schliesslich haben sich die Fälle ja verdoppelt. Bezieht man diese Zahl aber auf die Gesamtbevölkerung, ist dieser Anstieg gering.

42 Masernfälle wurden allein in den ersten Monaten des Jahres 2017 verzeichnet. Bald schon ist die Zahl des gesamten Vorjahrs erreicht. Beunruhigt Sie das nicht? 

Wir rechnen im Jahr 2017 nicht mit grossen Ausbrüchen oder gar einer Epidemie. In Gebieten mit vielen Ungeimpften ist die Chance grösser, dass es zu Ausbrüchen kommt. Allerdings sind die Kantonsärzte darauf gut vorbereitet, sie treffen schnell Massnahmen, um die Ausbreitung einzudämmen. Zum Beispiel werden ungeimpfte Kinder, die in Kontakt mit einem Kranken gekommen sind, während der Inkubationszeit aus der Schule ausgeschlossen, um weitere Ansteckungen zu vermeiden und so die Übertragungskette zu unterbrechen.

In Ihrem Bericht heisst es ebenfalls, dass der Impfstatus in Kindertagesstätten ungenügend kontrolliert wird. Beruht denn dies eher auf Nachlässigkeit oder auf bewusster Opposition zum Impfen?

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass viele Eltern von ungeimpften Kindern bereit wären, ihre Kinder impfen zu lassen. Dass sie ihren Nachwuchs im Endeffekt nicht impfen lassen, beruht oft auf schlichtem Versehen, Nachlässigkeit oder dem Verpassen von Terminen. In  den ersten Lebensjahren gehen Kinder noch häufig zum Arzt, später weniger. So wird ein Impftermin schnell mal verpasst. Umfragen zeigen, dass nur zirka zwei bis drei Prozent der Bevölkerung gegen das Impfen sind. Vielfach sind die Menschen einfach ungenügend informiert.

Was ist der Grund, weshalb viele Eltern die Masern immer noch als harmlos einschätzen?

Es gibt immer weniger Eltern, die die Masern noch als harmlos einstufen. Die Kampagne hat diesbezüglich einiges geleistet. Jedoch haben die Masern immer noch den Ruf einer harmlosen Kinderkrankheit. Unsere Zahlen zeigen aber, dass fast 95 Prozent der Kinder die erste Impfdosis gegen Masern erhalten haben. Also sind es nicht so viele, die der Masernimpfung gegenüber kritisch eingestellt sind. Vielfach ist es eine Frage der Information und des Gedächtnisses. Schliesslich ist es schon lange her seit den letzten grossen Masernausbrüchen.

Wäre ein Impfobligatorium eine Option?

Nein, auch in Zukunft setzen wir auf Aufklärung. Die nationale Strategie zu Impfungen, die der Bundesrat im Januar 2017 verabschiedet hat, setzt weiterhin darauf, Gesundheitsfachpersonen mehr miteinzubeziehen und die Bevölkerung besser zu informieren, sowie den Zugang zu Impfungen zu erleichtern. Voraussichtlich wird die Strategie wieder innerhalb einer 5-Jahres-Periode umgesetzt. Dieses Jahr arbeiten wir an einem Aktionsplan, nächstes Jahr beginnen wir mit der Umsetzung. Die Strategie fokussiert sich allgemein auf eine verbesserte Durchimpfung, die Ziele für die Masern bleiben dieselben: 95 Prozent der Bevölkerung müssen geimpft sein.

Wie schneidet die Schweiz im Vergleich mit anderen europäischen Ländern ab?

37 aus 53 Ländern der WHO-Region Europa haben die Masern schon besiegt. Die Schweiz gehört zu den restlichen 30 Prozent. Auch die Nachbarländer der Schweiz wie Österreich oder Deutschland bekunden Mühe mit dem Ausrotten der Masern.

Warum ist es in der Schweiz, einem Land mit gut ausgebautem Gesundheitssystem, so schwierig, die Masern zu eliminieren?

Die Schweiz hat ein sehr liberales Gesundheitssystem. Viele kantonale Behörden in der Zentral- und der Ostschweiz erachten Impfungen als Privatsache. Das Engagement der Behörden in diesen Regionen war daher eher zurückhaltend. Aber das ändert sich langsam. Das Engagement der höchsten eidgenössischen Instanzen, also des Bundesrates, des Bundesamtes für Gesundheit und der Gesundheitsdirektorenkonferenz, spielt dabei eine Schlüsselrolle. Die kantonalen Gesundheitsbehörden haben sich nun in ihren Aktionen legitimiert gefühlt. Dies hat viel gebracht in Richtung Masernelimination.

Masern werden auch aus dem Ausland eingeschleppt. Wie könnte man in Zukunft dagegen vorgehen?

Das Ziel der Masernelimination lässt sich nur gemeinsam erreichen. Alle in der WHO-Region Europa müssen sich gegenseitig unterstützen. Beispielsweise ist sehr wichtig, dass sich Schweizer Reisende vor einer Auslandsreise oder Ausländer, die in die Schweiz reisen wollen, vorgängig impfen lassen. Für die Reisemedizin ist es ein wichtiges Ziel, nicht nur gegen die exotischen Krankheiten zu impfen, sondern eben auch gegen die Masern.

 

Virginie Masserey

Bild: zVg. 

Zur Person

Virginie Masserey ist Kinderärztin und Infektiologin. Sie arbeitete 12 Jahre lang im Bereich Vakzinologie in Spitälern, darunter einige Jahre am Universitätsspital Genf und in den USA. Seit 15 Jahren arbeitet sie beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) in der Abteilung «Übertragbare Krankheiten», wo sie seit Anfang 2016 die neu gegründete Sektion «Infektionskontrolle und Impfprogramm» leitet. Diese ist unter anderem zuständig für die Umsetzung der nationalen Strategie zu Impfungen (NSI).

 

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