Armut in der Schweiz: Jede sechste Einelternfamilie ist arm

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Die Winterjacke des Sohnes kann sich der Vater nicht leisten. Auch die Tanzstunde der Tochter liegt nicht im Budget. Über die Armut in der Schweiz wird nicht gerne gesprochen. Alleinerziehend zu sein, birgt ein hohes Armutsrisiko, wie eine aktuelle Studie beweist.

Armut in der Schweiz: Hohes Risiko als Einelternfamilie zu verarmen

Armut in der Schweiz: Caritas-Märkte bieten Menschen mit knappem Budget qualitativ einwandfreie Produkte zu Tiefstpreisen. Foto: Urs Siegenthaler

Viele Alleinerziehende sind arm. Doch über Armut in der Schweiz sprechen die meisten nicht gern. «Ich war komplett auf mich alleine gestellt. Die Freundinnen, die meinen Rückzug bemerkt haben, wollten zwar helfen», berichtet Patrizia, Mutter von zwei Kindern, rückblickend auf die Zeit als Betroffene. Aber ich konnte einfach nicht zugeben, wie es wirklich um uns steht.» Sie habe sich geschämt, weil die Ehe gescheitert war und sie trotz strenger Schichtarbeit nicht genug Geld verdiente.

Armut in der Schweiz: Jeder sechste Alleinerziehende ist arm

So ist bislang wenig bekannt, wie viele Alleinerziehende schwerwiegende finanzielle Probleme haben. Die Studie der Universität Bern «Alleinerziehende und Armut in der Schweiz», in Auftrag gegeben von der Caritas Schweiz, rüttelt auf. Jede sechste der 200’000 Schweizer Einelternfamilien ist von Armut betroffen, lautet eines ihrer Ergebnisse. Alleinerziehende leben damit doppelt so oft in finanziell besonders schwierigen Verhältnissen wie der Durchschnitt der Gesamtbevölkerung. Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) hat für das Jahr 2015 die Armutsgrenze für Einelternfamilien mit zwei Kindern auf 4’000 Franken pro Monat festgelegt.

Alleinerziehend und kaum Stellen

Alleinerziehende, zu 86 Prozent Mütter, können kaum Vollzeit arbeiten, weil sie viel Zeit für die Versorgung und Erziehung der Kinder benötigen. Doch wer weniger arbeitet, verdient auch weniger Geld, oft zu wenig, um damit sorgenfrei leben zu können. Darüber hinaus gibt es ohnehin kaum feste Stellen für Alleinerziehende. «Viele alleinerziehende Mütter arbeiten Teilzeit, oft im Stundenlohn, in Kleinstpensen oder mit unregelmässigen Arbeitszeiten», berichtet die Caritas. «Chancen auf eine Festanstellung haben sie selten, oft hören sie bei Absagen auf Bewerbungen, dass ihnen die Flexibilität fehle». Qualifizierung täte gut, um die Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern, doch Alleinerziehenden fehlt dafür meist die nötige Zeit.

Zahlen und Fakten zum Leben der Alleinerziehenden

Immer mehr Alleinerziehende
In den vergangenen 45 Jahren hat sich die Anzahl der alleinerziehenden Haushalte verdoppelt.

Fast nur Frauen alleinerziehend
86 Prozent der Alleinerziehenden sind Frauen.

Arm trotz Arbeit
Trotz Job bleiben viele Alleinerziehende arm. Während nur 3,5 Prozent der Erwerbstätigen als arm gelten, sind es bei erwerbstätigen Alleinerziehenden mit 12,7 Prozent vier Mal so viele.

Quelle: Caritas Schweiz unter Beruf auf Daten der SILC-Statistik (Statistics on Income and Living Conditions) des Bundesamts für Statistik (BFS)

Armut in der Schweiz: Alle Sorgen auf einer Schulter

Arm zu sein, bedeutet, mit Sorgen belastet zu sein. «Kann ich die Miete nächsten Monat zahlen?», «Wo bekomme ich eine preiswerte Winterjacke für mein Kind her?», «Hilfe, die Waschmaschine spinnt – sie wird doch nicht kaputt gehen?!». «Bei alleinerziehenden Müttern und Vätern kann die tägliche Last zu Stress, Ängsten, Überforderung und gesundheitlicher Beeinträchtigung führen», so die Caritas. Zeit zur Erholung fehle völlig. - «Keine Kraft mehr zu haben, ist meine grösste Angst. Denn wenn ich kippe, dann kippt alles!», ist ein typischer Gedanke Alleinerziehender.

Wer kaum das Nötigste zum Leben beschaffen kann, hat kein Geld für Förder- und Freizeitaktivitäten der Kinder. «Die fehlenden Finanzen führen dazu, dass Kinder weniger Zugang zu Früher Förderung haben, was ihre Entwicklung beeinträchtigt», kritisiert auch die Caritas. Ferien? Gibt es nicht. Darüber hinaus leiden die betroffenen Kinder unter den Sorgen des allerziehenden Elternteils. Sie übernehmen Ängste oder leiden unter der angespannten Stimmung.

Armut in der Schweiz: Caritas fordert Mankoteilung

«Kinder alleine erziehen darf kein Armutsrisiko sein», findet die Caritas Schweiz. Sie fordert, in der Schweiz die Rahmenbedingungen zu verbessern. Die Existenzsicherung für Alleinerziehende zum Beispiel durch Familienergänzungsleistungen zu garantieren, sei besonders dringlich. Ginge es nach der Caritas, würde die Mankoteilung zur Regel. Reicht nach einer Trennung oder Scheidung das Geld nicht, müssten sich beiden Ex-Partner das Defizit teilen. «Die heutige Regelung überbürdet das Manko vollumfänglich der alleinerziehenden Person. In der Folge sind zahlreiche Alleinerziehende auf Sozialhilfe angewiesen», klagt die Caritas. Darüber hinaus möchte sie u.a. die Stellung der Alleinerziehenden auf dem Arbeitsmarkt durch gezielte Weiter- und Nachholbildung nachhaltig verbessern. Die Coaching-Programme sollten die hohe zeitliche Belastung Alleinerziehender berücksichtigen.

Autor: Sigrid Schulze im September 2015

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