Klaus Heer: «Niemand wirft seine Ehe achtlos weg»

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Wenn Konflikte die Beziehung zunehmend belasten, drängt sich der Gedanke an Trennung auf. Doch die Vorstellung, wieder allein zu sein, kann grosse Angst auslösen. «Trennen oder bleiben?» - wie sich dieser innere Konflikt lösen kann, erklärt der renommierte Paartherapeut Klaus Heer im Interview.

Klaus Heer: «Niemand wirft seine Ehe achtlos weg»

Die Koffer sind gebackt. Soll man sich trennen oder bleiben? Klaus Heer gibt Antworten. Foto: Noel Hendrickson, DigitalVision, Thinkstock

Herr Heer, mittlerweile wird jede zweite Ehe geschieden. Trennen sich Menschen Ihrer Meinung nach leichtfertig – oder denken sie lange darüber nach?

Klaus Heer: Sehr lange! Niemand wirft seine Ehe achtlos weg, nur weil ein paar Missempfindungen die Liebe stören. Sich zu entlieben, ist ein extrem quälender Vorgang, langwierig und verstörend.

Was steht bei einer Trennung für die Partner auf dem Spiel?

Für die meisten Menschen sind Trennung und Scheidung ein schwer abzuschätzendes Lebensdesaster - oder besser gesagt, ein völlig unübersichtliches Dilemma. Einerseits führt eine Trennung dazu, dass die ganze persönliche Welt entzwei reisst und verarmt. Der ehemals vertrauteste Mensch kommt einem abhanden, auch bisherige Angehörige, Freunde und Bekannte gehen verloren. Manchmal fühlt sich das an wie ein regelrechter Weltuntergang. Das schmerzt, bringt Wut und Verzweiflung.

Trennung kann gleichzeitig Hoffnung bedeuten. Was können Menschen durch eine Trennung gewinnen?

Durch eine Trennung löst sich langsam ein schwerer Krampf. Man realisiert, dass man aufatmen kann. Eine ganze Epoche von heissem oder kaltem Bürgerkrieg geht zu Ende, bodenlose Stummheit und Beklemmnis sind fast ausgestanden. Ein Ausweg aus einer stumpfen Sackgasse kommt in Sicht.

Wie können Betroffene entscheiden, ob eine Trennung für sie sinnvoll ist oder nicht?

So ein weitreichender Entschluss kommt nicht mit geistiger Muskelkraft zustande. Anstrengung bringt also nichts. Entscheidungen reifen heran, quasi tief im Inneren, meist über lange, sehr lange Zeit. Entscheiden heisst wahrnehmen - wahrnehmen, was sich ganz innen abzeichnet. Und schliesslich für wahr nehmen, was kippt und sich klärt, und entsprechend handeln.

Sie sagen, dass die Entscheidung, ob ich mich von meinem Partner trennen will oder nicht, innerlich heranreift. Bedeutet das, dass die Entscheidung, so, wie sie ausfällt, immer richtig ist?

Ja, genau so ist es. Sorgfältig auf sich selbst zu hören, ist goldrichtig und drängt sich auf. Diese Entscheidung ist allerdings nur der erste Schritt in ein neues Leben, nicht mehr und nicht weniger. Ab hier gibt es unterwegs wieder viele neue Gelegenheiten, Weichen für den weiteren Lebensweg zu stellen.

Doch immer wieder sind Stimmen zu hören, die bedauern, dass Beziehungen heute zu schnell und zu leichtfertig aufgegeben werden. Auch viele Therapeuten raten dazu, um die Beziehung zu kämpfen – meist mit der Begründung, mit einem neuen Partner nicht automatisch mehr Glück und Erfüllung zu finden …

Woher soll ich wissen, dass heute massenhaft zu rasch und zu leichtfertig geschieden wird? Das sind kulturpessimistische Schnellschüsse. Die fachmännische Empfehlung, «um die Beziehung zu kämpfen», bringt viel kriegerische Misere über Menschen und Familien. Ich neige viel mehr dazu, darauf zu vertrauen, dass die Menschen instinktiv das tun, was ihrer persönlichen Entfaltung dient - auch wenn’s manchmal nicht so aussieht.

Letztendlich ist die Frage «trennen oder nicht?» also eine sehr individuelle Entscheidung. Gibt es denn Orientierungshilfen oder bestimmte Fragestellungen, die diesen Entscheidungsprozess unterstützen können?

Diese Entscheidung ist nicht nur individuell, sondern auch sehr einsam. Die einzige wirkungsvolle Unterstützung könnte von einem Gegenüber kommen, das interessiert und geduldig zuhört und nachfragt. Das kann eine Freundin, ein Freund oder eine psychologische Fachperson sein. Gar nicht hilfreich sind Ratschläge oder ähnliche besserwisserische Ideen.

Welche Fragen sind hilfreich?

Alle Fragen, die den Betroffenen zum Reden bringen sind für diesen ein Glück! Also Fragen, die ermutigen, verflüssigen, erleichtern, anregen, vielleicht auch konfrontieren. Zu spiegeln und zusammenzufassen, was verstanden worden ist, kann ebenfalls günstig sein. Man muss auch nicht immer reden. Stille schafft Platz zum Nachdenken.

Haben Sie als Therapeut weitere Hilfsmittel, einen solchen Entscheidungsprozess zu begleiten – und wenn ja, welche?

Fragen sind mein wirkungsvollstes Werkzeug, um gute Entscheidungen auf den Weg zu bringen. Ich stelle jeden Tag Hunderte von Fragen, einfach weil ich interessiert und anteilnehmend bin und damit erfreuliche Erfahrungen mache! Neugierige Fragen helfen mit bei der Geburt der besten Entscheidungen.

Ein Mensch mag zu dem Entschluss kommen, dass er eine Trennung wünscht. Wie lässt sich der Mut zu diesem Schritt fassen, wenn der Gedanke gleichzeitig starke Angst auslöst?

Es ist nicht der Mut, der die Angst überwindet. Die Angst will gar nicht überwunden werden. Sie hat die segensreiche Funktion, mich von überstürzten Entscheiden abzuhalten. Sie mässigt das Entscheidungstempo, sodass ich mir alle wesentlichen Aspekte genau anschauen und auf den Moment warten kann, wo ich «ja» oder «nein» sage.

Wie lässt sich eine Trennungsbotschaft dem Partner möglichst schonend überbringen?

Eine Trennung ist verletzend, das lässt sich auf keine Weise vermeiden. Wenn Trennung eine Geburt ist, tut sie weh; «ein bisschen» Geburt gibt es nicht. Keine Schonung der Welt kann dieses heftige Ereignis entschärfen. Im Gegenteil: Herumdrucksen und Beschönigen macht alles nur schlimmer. Für beide Seiten.

Gibt es da einen sinnvollen Zeitpunkt?

Der einzig sinnvolle Zeitpunkt ist jetzt - jetzt, wo sich bei dem einen Partner die Entscheidung klar zeigt.

Der Entschluss muss also eindeutig sein?

Ja, eindeutig, aber nicht einstimmig. Wenn in meinem Inneren hundert Parlamentarier über die Trennungsvorlage beraten und sich bei der Schlussabstimmung ein Stimmenverhältnis von 51 zu 49 für die Trennung ergibt, dann ist das Ergebnis eindeutig: Ich trenne mich. Die Opposition war stark, hat aber die Abstimmung verloren. Keine Trennung geht einhellig vor sich. Jede Trennung ist ebenso ambivalent wie die Beziehung, die ihr vorausging.

Gibt es Spielregeln für eine gute Trennung?

Ja. Die allerwichtigste aller Regeln: Die Trennung sei schriftlich! Ein Trennungsvertrag sorgt dafür, dass die beiden die wesentlichen Punkte genau aushandeln und auch den heiklen Punkten nicht ausweichen. Zudem können sich beide später auf die konkreten Formulierungen im Vertrag berufen. So ist der Vertragstext aktive Konfliktprävention. Die Trennung selbst ist ja schon Konflikt genug.

Soll der Trennungsvertrag von einem Anwalt oder Notar ausgearbeitet und beurkundet werden?

Nein, beides ist nicht nötig. Wenn es die emotionale Grosswetterlage in der Beziehung einigermassen erlaubt, erarbeiten Sie den Vertrag wie zwei erwachsene Menschen, genau nach Ihren Bedürfnissen. Sie regeln die wichtigsten Fragen wie zum Beispiel Kinderbetreuung und Geld, wer wo wohnt, welchen Kontakt Sie künftig miteinander haben wollen und können, wie Sie Ihr Umfeld über die Veränderung informieren möchten. Wenn Sie das allein nicht schaffen, engagieren Sie eine juristische oder paartherapeutische Fachperson. Sie wird Sie bei Ihren Verhandlungen begleiten.

Klaus Heer

Foto: Rahel Krabichler

Zur Person Klaus Heer:

Der Paartherapeut Klaus Heer, 1943 in Luzern geboren, begleitet bereits seit mehr als 40 Jahren in seiner Privatpraxis in Bern professionell Paare in schwierigen Situationen. Durch die Sendung «Sind Sie sinnlich?» (1975) und später durch die 20teilige Reihe «Ehe-Sexualität» im Schweizer Radio wurde er einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Darüber hinaus setzte sich der Bestseller-Autor in mehreren Büchern mit Beziehungskonflikten auseinander.

Interview: Sigrid Schulze im März 2016

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