Polyamorie: Liebe und Partnerschaft ohne Anspruch auf Exklusivität

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Viele Menschen fühlen sich durch ihr Treue-Versprechen in ihrer Zweier-Beziehung eingeengt. Ein Gegenentwurf zur Monogamie ist die Polyamorie – ein Lebensstil, der Liebesbeziehungen zu mehr als einem Menschen erlaubt. Doch leicht zu leben ist auch er nicht.

Zweier-Beziehung muss nicht sein

Liebesbeziehungen mit mehreren Menschen gleichzeitig pflegen? Nun ist ein Name dafür gefunden: Polyamorie. Bild: teksomolika, iStock, Thinkstock.

«Solange ich zurückdenken kann, konnte ich mit der Ausschliesslichkeit von Liebe und Sexualität für mich nichts anfangen», schreibt Silvio Wirth, der im Internet über den Lebensstil der Polyamorie informiert. «Wenn ich als Jugendlicher verliebt war, war ich meistens auch offen für andere; wenn mein Herz verschlossen war, wollte ich auch zu anderen Frauen nicht.» Erst viel später habe er erkannt, dass es auch vielen anderen Menschen so geht wie ihm.

Polyamorie: Liebesbeziehung mit mehreren Partnern

«Amore» bedeutet im Lateinischen Liebe. Die Vorsilbe «Poly», die aus dem Griechischen stammt und «viel, mehrere» heisst, zeigt, worum es bei der Polyamorie geht. Menschen, die Polyamorie leben, pflegen Liebesbeziehungen zu mehreren Menschen gleichzeitig, sorgen und kümmern sich um sie und haben Sex mit ihnen. Während bei einer sogenannten «offenen Beziehung» sich die Partner einer Zweier-Beziehung Sex mit anderen Menschen gestatten, gibt Polyamorie auch liebevollen Gefühlen Raum. Polyamorie ist also Liebe ohne Anspruch auf Exklusivität.

Polyamorie ist kein Fremdgehen

Menschen, die polyamor leben, weisen immer wieder darauf hin, dass ihr Lebensstil nichts mit «Betrug» oder «Hintergehen» zu tun hat. «Im Gegensatz zum Fremdgehen geschieht dies hier mit der Einwilligung sämtlicher Beteiligten», erklärt Silvio Wirth auf seiner Internet-Seite. «Polyamory steht für die Überzeugung, verantwortungsvoll, ehrlich und offen mehrere verbindliche Liebesbeziehungen leben zu können», heisst es auch auf den Seiten von Polyamorie.ch. Sexualität liege nicht im Vordergrund eines polyamoren Lebens.

Polyamorie zwischen Staunen und Ablehnung

Polyamorie kann auf Menschen, die sich immer wieder an den Grenzen monogamer Beziehungen reiben, interessant wirken. Sie weckt aber auch grundlegende Ängste. Denn offen gelebte Polyamorie stellt automatisch die monogame Beziehungsform in Frage, die als einer der Grundpfeiler unserer Gesellschaftsform gilt. Darüber hinaus steht sie im Wiederspruch zu christlichen Religionen. Wer offen polyamor lebt, muss sich also mit den Fragen und der Kritik der Umwelt auseinander setzen.

Polyamorie: Dunkelziffer unbekannt

Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass sich viele polyamore Menschen nicht outen, um Diskriminierung und Vorurteilen zu entgehen. Genaue Zahlen über Polyamorie lebende Menschen sind daher nicht bekannt. Die Organisation «Loving More» schätzt die Zahl der Amerikaner, die Polyamorie leben, auf etwa 2.000. In Deutschland geht Silvio Wirth von etwa 10.000 Menschen aus. Ihm zufolge ist der Anteil von Bisexuellen und Schwulen unter den polyamoren Menschen relativ hoch.

Polyamorie leben ist nicht leicht

Die meisten polyamor lebenden Menschen haben einen Favoriten-Partner und führen darüber hinaus Neben-Beziehungen. Bei anderen fehlt die Zweier-Beziehung als Grundform, alle Partner haben denselben Rang. Doch gleichgültig, wie die Polyamorie gestaltet wird, ist das Leben in der Mehrfach-Beziehung nicht leicht. Sie braucht Partner, die gut damit klar kommen, einer oder eine von mehreren zu sein. Am ehesten habe die Polyamorie eine Chance, wenn alle Beteiligten der Lebensform aus einem echten, eigenen Bedürfnis zustimmten, sagte Guy Bodenmann, Professor für klinische Psychologie an der Uni Zürich, dem «Beobachter». «Auch wenn Paare von gemeinsamem Einverständnis sprechen, ist immer die Frage, wie freiwillig die eine Seite zustimmt. Verlustängste spielen oft eine Rolle. Ich bezweifle auch, dass sich die Eifersucht einfach so ausknipsen lässt.»

Polyamorie: Ohne Kommunikation geht es nicht

Kommunikation sorgt für Nähe und Vertrauen – in jeder Beziehung. Für Menschen in polyamoren Beziehungen ist Kommunikation besonders notwendig. Denn im Beziehungsgeflecht gilt es, nicht nur mit den eigenen Wünschen und denen des einen Partners umzugehen, sondern Bedürfnisse von drei oder mehr Menschen wahrzunehmen, zu verstehen und zuzulassen, dabei auch Grenzen zu setzen, Vereinbarungen zu treffen und Spielregeln auszuhandeln. Die Bereitschaft, eigenes Verhalten zu reflektieren und gegebenenfalls zu korrigieren, ist unerlässlich, wenn das Netzwerk funktionieren soll. Welche Wege besonders gut zu einem erfüllenden polyamorem Leben führen, wird in den Foren polyamorer Menschen im Internet leidenschaftlich diskutiert. Sich live kennenzulernen und auszutauschen, ist in Bern, Zürich und Winterthur bei offenen Stammtischen und Treffs möglich.

Autor: Sigrid Schulze im Oktober 2016

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