Baby überwachen: Wenn aus Sorge Kontrollwahn wird

Ist es bald gang und gäbe, sein Baby rund um die Uhr zu überwachen? Erziehungswissenschaftler fürchten, dass der neue Trend zu Stramplern und Söckchen mit Überwachungsfunktion vor allem für das Kind negative Folgen mit sich bringt.

Baby überwachen: Wenn aus Sorge Kontrollwahn wird

Manchmal muss man einfach loslassen können. Foto: iStock, lessismoregraph, Thinkstock

Viele Eltern haben Angst, dass ihr Kind in der Nacht plötzlich aufhören könnte zu atmen oder dass sie nicht mitbekommen, dass es ihm schlecht geht. Baby-Überwachungssysteme versprechen eine Rundumüberwachung und geben Eltern das Gefühl von mehr Sicherheit, wie 20min gestern berichtete. Überwachungssysteme wie beispielsweise der Babystrampler Mimo und die smarten Söckchen verfügen über dezent eingearbeitete Sensoren, die rund um die Uhr Gesundheitsdaten wie Atemfrequenz, Schlafrhythmus, Herzschlag und Körpertemperatur des Baby erfassen und an das Smartphone der Eltern senden. Ein Alarm meldet Abweichungen oder Anormalitäten.

Bislang sind der Mimo-Strampler und die smarten Söckchen in der Schweiz noch nicht zu erwerben. Aber der Erziehungswissenschaftler Marco Hüttenmoser kann sich gut vorstellen, «dass solche Systeme auch bei uns auf rege Nachfrage stossen».  Solche Überwachungsgadgets könnten der neueste Trend bei besorgten Eltern werden. Laut Schätzungen von Marktforschern könnten bis 2016 rund 70 Millionen Europäer und Amerikaner ihre Angehörigen mittels Trecking-Geräten und Smartphones überwachen.    

Baby überwachen: Wie aus Sorge schnell Kontrollsucht werden kann

Nach Ansicht von Hüttenmoser gäbe es heute kaum noch Kinder, die nicht ständig von Erwachsenen mit einem übertriebenen Kontrollwahn beaufsichtigt würden. Dies liege unter anderem daran, dass die Gesellschaft subjektiv als gefährlich eingeschätzt werde und der Stellenwert von Kindern in den letzten 20 Jahren in der Familie gestiegen sei. Aber auch «weil Eltern weniger Kinder zeugen als früher, wird diesen viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt», ergänzt Hüttenmoser. Die damit steigende Angst um das Kind würde durch ein übertriebenes Kontrollbedürfnis gesenkt.

Baby überwachen: Die Folgen

Die Folgen dieses Kontrollwahns treffen vor allem die Kinder. Experten raten von der ständigen Babyüberwachen mittels technischer Hilfsmittel wie dem Mimo-Strampler und Ähnlichem ab. Denn «durch Überwachungssysteme wie diese Babystrampler werden Kinder zu Objekten gemacht. Die Beziehung und Bindung zwischen Eltern und Baby wird dadurch geschwächt anstatt gestärkt», erklärt Melitta Steiner, Sozialpädagogin der Beratungsstelle Pinocchio, gegenüber 20min. Zudem bestehe die Gefahr das Baby zu vergessen, solange das Handy kein Alarm schlägt, ergänzt Hüttenmoser. Auch die emotionale Bindung zwischen Eltern und Kind leide unter der steten Überwachung, darin sind sich die Experten einig. Hüttenmoser und Steiner plädieren darauf, Kindern unbedingt mehr Freiheiten zu lassen: «Werden Kinder bereits von klein auf ständig überwacht, kann dies negative Auswirkungen auf die Entwicklung ihres Selbstbewusstseins und ihrer Selbständigkeit haben».

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