Überfordern behinderte Kinder die Schulen?

Behinderte Kinder sollen in Regelklassen integriert werden – dafür setzen sich viele Eltern und Behindertenverbände ein. Eine gute Idee, die sich in den vergangenen Jahren jedoch oft nicht bewähren konnte. Sind Sonderschulen die bessere Lösung?

Behinderte Kinder: Integration in die Regelschule?

Sollten behinderte Kinder in die Regelschule integriert werden? Foto: iStockphoto, Thinkstock

Der Anteil der behinderten, lernschwachen und schwierigen Kindern, die in Klein- oder Sonderklassen unterrichtet wurden, fand im Jahr 2003 mit 3,9 Prozent einen Höhepunkt, nahm danach jedoch kontinuierlich ab. Laut wurde die Forderung, diese Kinder in Regelklassen zu integrieren, damit behinderte und nicht-behinderte Kinder voneinander lernen können. Schulisch wie auch sozial positive Auswirkungen, die Experten sich aus dieser Massnahme erhofften, konnten in den vergangenen Jahren leider nicht erfüllt werden: Lehrer sind frustriert, Eltern genervt und das Klassenklima vielfach schlecht, wie die Basler Zeitung heute berichtete.

Lehrern mangelt es an fachspezifischer Ausbildung

Lehrer sind zwar pädagogisch geschult, jedoch oft nicht auf behinderte Kinder mit speziellen Bedürfnissen vorbereitet. Viele dieser Kinder brauchen eine enge Betreuung, die von aussenstehenden Förderlehrpersonen, Heilpädagogen und Logopädinnen geleistet wird. Damit ein behindertes Kind optimal umsorgt ist, besuchen diese Fachpersonen häufig das Klassenzimmer und stören Lehrer in ihrem Unterricht. Behinderte Kinder werden für Spezialübungen auch in andere Zimmer gebracht, wodurch ein ständiges «Kommen und Gehen» herrsche, wie ein Lehrer sich gegenüber der Basler Zeitung beklagte. In einigen Basler Schulen arbeiten Kinder sogar schon mit Kopfhörern um weniger von der Ablenkung mitzubekommen. Am anstrengendsten sind für Lehrer Schüler mit auffälligem Verhalten, die mit Zwischenrufen den Unterricht stören und andere Kinder schlagen. Diese Störenfriede brauchen so viel Aufmerksamkeit, dass andere Kinder vernachlässigt werden.

Weshalb behinderte Kinder Sonderschulen brauchen

Claudia Sturzenegger, Leiterin der Gehörlosen- und Sprachheilschule in Riehen, ist der Meinung, dass man mit der schulischen Integration von Kindern mit extremen Behinderungen niemandem einen Gefallen tut. Vor allem Lehrer ohne fachspezifische Ausbildung seien durch die Integrationsmassnahme überfordert: «Neben der Belastung mit dem wachsenden Leistungsgefälle sollen sie nun auch noch Kindern mit extremen Behinderungen gerecht werden», erklärte sie gegenüber der Basler Zeitung. In Sonderschulen kann besser auf die Wünsche und Sorgen behinderter Kinder eingegangen werden, ohne dass das Unterrichtstempo gebremst wird. Eine Studie aus München kam zum Entschluss, dass sich behinderte Kinder in Regelklassen nach einer gewissen Zeit oft ausgeschlossen, anders und unwohl fühlten. In der Folge wurden sie in Sonderschulen versetzt.

Hinterfragt wird ausserdem, ob das Konzept wirklich eine integrative Wirkung hat: Dadurch, dass behinderte Kinder Hilfestellungen meist ausserhalb des Klassenzimmers in Spezialräumen bekommen, wird die Separation nur noch stärker sichtbar.

Schulische Integration behinderter Kinder: schon immer umstritten

Während sich einige Kantone wie Basel stark für die Integration behinderter Kinder in Regelklassen einsetzten, waren andere Kantone kritischer. Die Zürcher Bildungsdirektorin Regina Aeppli (SP) machte sich zwar ebenfalls für ein sonderpädagogisches Konzept stark, musste sich aber geschlagen geben, als sich Gemeinden, Parteien und Schulen vehement gegen die schulische Integration behinderter  Kinder wehrten. Im Kanton Schwyz wurde 2011 gar ein Bundesgerichtsentscheid gegen die Integration gefällt: Eltern weigerten sich, ihr Kind mit einer starken auditiven Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung in eine Sonderklasse zu schicken. Das Gericht betonte zwar, dass jedes Kind ein Recht auf Schulbildung habe, dass diese aber nicht optimal, sondern angemessen sein sollte.

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