Behinderte Schaufensterpuppen in der Bahnhofstrasse

Wer heute, am internationalen Tag der Menschen mit Behinderung, durch die Bahnhofstrasse in Zürich spaziert, schaut bestimmt ein zweites Mal in die Schaufenster: Für einmal stehen dort dank einer Aktion der Fachorganisation Pro Infirmis keine Schaufensterpuppen mit perfekten Körpern, sondern solche mit Behinderungen.

Behinderte Schaufensterpuppen in Zürich

Pro Infirmis hofft, mit der Aktion zum Denken anzuregen. Foto: Screenshot Youtube

So haben Einheimische, Besucher und Touristen die Zürcher Bahnhofstrasse noch nie gesehen: In den Schaufenstern einiger Läden sind am internationalen Tag der Menschen mit Behinderung Puppen mit krummen Wirbelsäulen, verkürzten Gliedmassen oder im Rollstuhl zu sehen. So auch im Modehaus Schild, wo eine Schaufensterpuppe nach der Vorlage der Kundenberaterin Nadja Schmid angefertigt wurde.

Hinter der Kampagne «Wer ist schon perfekt?» steht Pro Infirmis, welche die Akzeptanz gegenüber behinderten Menschen fördern will. Laut Mark Zumbühl sollen die Puppen irritieren und zum Denken anregen: «Die Leute sollen sich fragen, ob nicht auch Puppen mit Behinderung im Schaufenster stehen sollen, oder nur vermeintlich makellose Menschen». Die Fachorganisation hat von den Körpern von fünf behinderten Menschen massstabsgetreue Puppen anfertigen lassen. Mit dabei sind neben Nadja Schmid ausserdem Abbildungen der ehemaligen Miss Handicap Jasmin Rechsteiner, des Radio 24 Filmredaktors Alex Oberholzer, des Schauspielers Erwin Aljukic und des Leichtathlets Urs Kolly. «Es ist leider auch heute noch eine traurige Tatsache, dass ich tagtäglich mit unangenehmen Blicken, despektierlichen Kommentaren oder irritierenden Verhaltensweisen konfrontiert bin», erklärte Nadja Schmid gegenüber 20 Minuten.

Sehen Sie in diesem Video, wie die Puppen entstanden sind und wie die Einkaufenden in der Bahnhofstrasse auf sie reagieren. Quelle: Youtube, ProInfirmisCH

Kritik: Behinderte als Ausstellungsobjekte?

Die Aktion stösst allerdings nicht bei allen auf Begeisterung. CVP-Nationalrat Christian Lohr, der mit Missbildungen zur Welt kam, lehnte die Anfrage von Pro Infirmis entschieden ab. Durch seine Behinderung erlebe er ohnehin schon jeden Tag, wie sich viele Blicke auf ihn richten. «Nun zusätzlich noch als Schaufensterpuppe an der Bahnhofstrasse zu einem Ausstellungsobjekt zu werden, das würde nicht meiner Grundhaltung der von mir gelebten Normalität entsprechen», führte er gegenüber 20 Minuten aus.

Lange zieren die speziellen Schaufensterpuppen die Bahnhofstrasse aber ohnehin nicht: Nach Ablauf des internationalen Tages der Menschen mit Behinderung werden sie wieder durch die üblichen Puppen ersetzt.

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