Der Kaiserschnitt ist nicht überall gleich beliebt

Die höchste Kaiserschnittrate in der Schweiz findet sich am Zürichsee. Hier kommt fast jedes zweite Kind per Kaiserschnitt zur Welt. Aber die prozentuale Zahl variiert zwischen den Gemeinden. Warum das so ist, versuchen Ärzte und Hebammen zu erklären.

Die Kaiserschnittrate in der Schweiz unterscheidet sich stark.

Fast die hälfte der Neugeborenen in der Umgebung Zürichsee kommt per Kaiserschnitt zur Welt. Foto: iStock, Kati Molin, Thinkstock

Während in Kilchberg am Zürichsee fast jedes zweite Kind (48,06 Prozent) das Licht der Welt per Kaiserschnitt erblickt, ist es in La Sorne im Jura nur jedes siebte (13,7 Prozent). Zu diesem Ergebnis kommt die Auswertung der Kaiserschnittraten 2008 bis 2012 des Bundesamts für Statistik durch die SonntagsZeitung. Schweizweit gibt es massive Unterschiede, was die Kaiserschnittrate anbelangt Doch wie kommt es zu diesen stark variierenden Werten?

Kaiserschnitt-Rate: Wie die regionalen Unterschiede zustande kommen

Die Erklärung dafür, warum gerade in La Sorne im Jura unter 15 Prozent der Geburten Kaiserschnitte sind, liefert Roberto Lopez, Gynäkologe in Delsberg. «Ich glaube, wir sind näher an der Patientin. Und wir haben in unserem Kanton keine Privatkliniken.» Bei ihnen würden nur in absoluten Notfällen Kaiserschnitte gemacht heisst es in der Sonntagszeitung.

Warum am Zürichsee fast 50 Prozent der Kinder per Kaiserschnitt zur Welt kommen, erklärt Dr. Michael Singer, Gynäkologe aus Küsnacht gegenüber der Zeitung: «Bei uns leben viele Expat-Paare. Nehmen Sie den grossen Schweden und die zierliche Spanierin - wenn die ein Kind erwarten, ist klar, dass es rein von der Grösse her nicht durch ihr enges Becken passen wird.» Eine Kilchberger Hebamme ergänzt: «Heute haben wir viele reiche Bankerfrauen, etwa Amerikanerinnen, die wohnen am Hang oben. Die wollen einen Termin, der in ihre Agenda passt.» Aber nicht immer sind dies die Gründe dafür, dass sich immer mehr schwangere Frauen für einen Kaiserschnitt entscheiden.

Gründe für einen Kaiserschnitt

Nach Ansicht der Kilchberger Hebamme seien die gut ausgebildeten Frauen von heute überinformiert. «Aus dem Internet drucken sie Krankheitsbilder aus, im Schwangerschafts-Yoga oder Vorbereitungskursen hören sie Schauermärchen über die Geburt.» Angst vor der Geburt und die damit verbundenen Schmerzen seien für viele ausschlaggebend, sich gegen die natürliche Geburt und für den Kaiserschnitt zu entscheiden.

Aber das ist es nicht allein. Eine unzureichende Aufklärung ist laut Barbara Stocker, Präsidentin des Schweizerischen Hebammen-Verbandes, ebenso ein Grund dafür, dass die Zahl von Kaiserschnitten in den letzten Jahren angestiegen ist. «Leider gelingt es bei weitem nicht allen Gynäkologen, die Frauen darin zu bestärken, dass ihr Körper für diese Leistung gebaut ist», sagt sie gegenüber der Sonntagszeitung und kritisiert zudem, dass viele Gynäkologen den planbaren und sicheren Erfolg eines Kaiserschnittes gegenüber der natürlichen Geburt, die nicht immer komplikationsfrei sei, unterstreichen. «Das ist manipulativ», sagt Stocker.

Dem entgegen setzt der Gynäkologe Michael Singer, dass einige «Militanten» gerne auf die Risiken von Kaiserschnitten verweisen, nicht aber auf traumatisierende natürliche Geburten. «Notfall-Kaiserschnitte nach stundenlangen vergeblichen Schmerzen werden immer schlecht erlebt.»

Kaiserschnitt: Welche Rolle Alter und die Einstellung spielt

Nach Ansicht von Dr. Singer spiele auch das Alter der Schwangeren eine Rolle bei der Entscheidung für eine natürliche Geburt oder einen Kaiserschnitt. Natürlich obliege diese Entscheidung der zukünftigen Mutter, aber Singer verweist darauf, dass Frauen heute immer später schwanger werden. Ältere Frauen «haben tendenziell mehr medizinische Probleme wie Bluthochdruck und Schwangerschaftsdiabetes, ihre Kinder sind schwerer.»

Auf der anderen Seite ist es auch immer eine Frage der Einstellung, die Frauen dazu bewegt die Art der Geburt zu wählen. Manche ziehen das Mysterium, das eine natürliche Geburt mit sich bringt einem geplanten Kaiserschnitt im OP vor, andere nicht. Und so ist und bleibt diese Entscheidung eine ganz persönliche, die hoffentlich unter zureichender Aufklärung getroffen wird.

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