«Dökterle» ist für Kinder etwas ganz Natürliches

Auch wenn sich viele Erwachsene nicht mehr daran erinnern (wollen): Dökterle ist eine Ausprägung kindlicher Neugier und völlig natürlich. Trotzdem tun sich Eltern schwer, ihre Kinder aufzuklären. Die Psychologin Helga Tolle gab vorgestern im Interview mit der süddeutschen.de nützliche Tipps zur Sexualerziehung.

«Dökterle» sollte Eltern nicht beunruhigen.

«Dökterle»: Kindliche Neugier auf den eigenen Körper oder andere Körper ist ganz natürlich. Foto: iStockphoto, Thinkstock

Jedes Kind entdeckt früher oder später seine Sexualität: Die einen laufen mit der Hand in der Hose herum, andere «dökterlen» mit den Nachbarskindern. Auf diese kindliche Neugier reagieren Eltern oft unsicher und haben viele Fragen. In welchem Alter soll ich mein Kind aufklären? Wie konkret darf der Aufklärungsunterricht sein? Wie reagiere ich, wenn mein Kind den «unteren Bereich» eines anderen Kindes mit einem Kugelschreiber untersucht?

Der Klapperstorch und wie die Babys wirklich in den Bauch kommen

Spätestens bei der Frage wo die Babys herkommen, ist ein Gespräch fällig, aber wie detailliert sollte so eine Antwort sein? Welches ist das optimale Aufklärungsalter? Im Interview mit süddeutschen.de erklärte Helga Tolle: «Bei ganz kleinen Kindern reicht die Erklärung, dass ein Kind im Bauch heranwächst, wenn sich "Mama und Papa ganz lieb haben". Vier- bis Fünfjährige sind mit ihrer kognitiven Entwicklung schon viel weiter, da dürfen die Eltern durchaus erklären, dass der Mann den Penis in die Scheide der Frau steckt. Bei Sechs- bis Siebenjährigen kann man noch weiter differenzieren und den Zusammenhang zwischen Samen und Eizelle erläutern.»

Wenn Kinder den Aufklärungsunterricht «eklig» finden: Dem sollten die Eltern entgegnen, dass diese Reaktion ganz in Ordnung sei, schliesslich sei das etwas, was nur Erwachsene machen. Ausserdem dürften die Eltern vermitteln, dass es nicht nur um den mechanischen Vorgang gehe, sondern auch um Emotionalität. Kinder fänden das Thema im Gegensatz zu den Eltern nicht schwierig, sondern spannend, führte Helga Tolle aus.

Den eigenen Körper entdecken

Wenn Kinder entdecken, dass ihnen der eigene Körper schöne Gefühle bereiten kann, kollidiert die Schamgrenze von Kindern oft mit derjenigen von Erwachsenen. Um einen Weg zu finden, beide Grenzen zu respektieren, rät Psychologin Helga Tolle: « Weil ständiges Onanieren aber über die Schamgrenzen der Erwachsenen hinausgeht, sollten sie ihren Kindern sagen: "Ich weiss, dass das schön ist, aber jetzt möchte ich das nicht. Das kannst du allein in deinem Zimmer machen."»

«Dökterle»: Den anderen Körper entdecken

Kindliche Neugier beschränkt sich nicht nur auf den eigenen Körper, sondern zeigt sich oft auch in Form von «Dökterle». Wie die Eltern darauf reagieren, hänge sehr von ihrer eigenen sexuellen Haltung ab, so Tolle. Eltern sollten dennoch harmloses «Dökterle» nicht verbieten oder bestrafen, sondern einfach genau hinschauen und ruhig nachfragen, was die Kinder da machen würden. Warum erklärt die Expertin:«Den Kindern tut es gut, festzustellen: Ich bin völlig in Ordnung, das andere Mädchen ist genauso wie ich. Sie lernen, vorsichtig und respektvoll mit dem eigenen, aber auch mit dem anderen Körper umzugehen.»

Wann beim «Dökterle» Vorsicht geboten ist

Grundsätzlich sollten Eltern das «Dökterle einfach gut beobachten und auch darüber sprechen. Tolle nennt drei Grenzen die es einzuhalten gilt: «Es dürfen keine Gegenstände in Körperöffnungen eingeführt werden. Die Kinder müssen beide etwa im gleichen Alter sein, es sollte also nicht der Fünfjährige mit der Zweijährigen in der Kuschelhöhle verschwinden. Und jedes Kind sollte das wollen, was es tut.» Zur Aufklärung gehört auch das Thema Missbrauch.

Das könnte Sie auch interessieren

Services & Newsletter