Fussverkehr-Debatte: Nur eine Kampagne bietet keine Sicherheit

Sind die Autofahrer unaufmerksamer geworden? Muss man die Fussgänger anprangern? Oder ist alles bloss Zufall? Fakt ist, seit Anfang Dezember wurden in der Schweiz fast täglich Unfälle auf Fussgängerstreifen verzeichnet. Die Ursachen können viele sein, doch bislang wurde im Bund nur eine Konsequenz gezogen: eine 6-Millionen-Franken Kampagne.

Fussgängerstreifen: Viele wurden für mangelhaft befunden.

Die TCS hat während einem Test Schweizer Fussgängerstreifen bewertet. Mehr als die Hälfte war mangelhaft. Foto: TCS

In Winterthur kam es am vergangenen Wochenende zu zwei Unfällen. Zu Wochenbeginn wurde eine 45-Jährige in einem Aussenquartier während des Überquerens der Strasse angefahren. In sechs Tagen kam es im Kanton Aargau zu neun Unfallmeldungen. Vergangene Woche starb die Mutter eines Säuglings in einem Unfall auf dem Zebrastreifen in Kienholz, Berner Oberland. Ihr Ehemann hatte den vermeintlich sicheren Zebrastreifen wenige Augenblicke zuvor überquert.

Die Debatte über die Sicherheit auf Fussgängerstreifen ist derzeit in den Medien allgegenwärtig. Die Ressorts «Region» und «Schweiz» werden täglich mit dramatischen Unfallmeldungen gefüllt. Die plötzliche Fussverkehr-Aufregung wird von neuen, erschreckenden Zahlen hervorgerufen.

Ende November veranstaltete die Beratungsstelle für Unfallverhütung, bfu, ein Forum zum Thema: «Haben wir die Fussgänger vergessen?» Erschreckende Zahlen wurden präsentiert. Mehr als die Hälfte aller Verkehrstoten in der Schweiz seien Fussgänger oder Velofahrer. Das solle sich mit konkreten Massnahmen ändern. Wenige Tage später wurde in den Medien eine Untersuchung des Schweizer Touring Club TCS publik gemacht, die besagte, dass über die Hälfte der Zebrastreifen in der Schweiz zu unsicher seien.

Der Bund reagierte auf diese Alarmierung mit einer millionenschweren, drei Jahre anhaltenden Kampagne, die alle Verkehrsteilnehmer sensibilisieren soll. Dazu gehören ein Internetauftritt und zwei Broschüren, jeweils eine für Autofahrer und eine für Fussgänger. Die Initiantin der Kampagne «Sicher zu Fuss», Verkehrsclub-Zentralpräsidentin Franziska Teuscher, beteuert im Interview mit Blick.ch, dass der Sensibilisierungskampagne auch bauliche Massnahmen folgen werden. Viele bezweifeln jedoch die Aussage.

«Das Problem wird mit einer Kampagne nicht gelöst. Der Bund sollte das Geld besser in Fussgängertafeln investieren», kritisiert der Ehemann der verunglückten jungen Mutter aus Kienholz die Initiative laut 20 Minuten. Im selben Artikel vom Montag, 12. Dezember meldet sich Marlies Bänziger, Präsidentin von Fussverkehr Schweiz, zu Wort. Sie begrüsse die Kampagne grundsätzlich, müsse aber ergänzen: «Neben der Aufklärung braucht es sofort auch bauliche Massnahmen wie zum Beispiel Mittelinseln.»

Eine weitere alternative Massnahme wird in einem gestern erschienenen Artikel des Tages-Anzeigers vorgestellt. Fussgängerstreifen, die an unübersichtlichen Stellen platziert sind, sollten sicherheitshalber gleich ganz entfernt werden. Heiko Ciceri, Medienverantwortlicher der Abteilung Verkehr Stadt Zürich, sieht darin allerdings keine langfristige Lösung. «Sollte der Fussgängerstreifen fehlen, würden die Fussgänger trotzdem an dieser Stelle die Strasse überqueren – entweder aus Gewohnheit oder aus Mangel an sichtbaren Alternativen.» Effektivere Massnahmen würden von den Verkehrsämtern in Frankreich und Spanien angewendet, schreibt 20 Minuten. Zebrastreifen seien dort an unübersichtlichen Stellen bereits mit Lampen oder reflektierender Farbe aufgerüstet worden.

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