Gewaltfrei erziehen: Aktionstag zeigt Eltern Alternativen zur Ohrfeige

In der Erziehung wenden viele Eltern Schläge oft aus Hilflosigkeit und Überforderung an. Der «No Hitting Day» der Stiftung Kinderschutz am 30. April will deshalb Schweizer Eltern animieren gewaltfrei zu erziehen und bietet Strategien an, die verhindern sollen, dass der Geduldsfaden reisst.

Gewaltfrei erziehen ist eine Herausforderung für alle Eltern

Manche Situationen machen Eltern einfach wütend. Der Aktionstag «No Hitting Day» will Alternativen zur Ohrfeige aufzeigen und fordert Eltern auf gewaltfrei zu erziehen. Bild: iStockphoto, Thinkstock.

Obwohl inzwischen erwiesen ist, dass sich Schläge als Erziehungsmassnahme nicht eignen, ist Gewalt in der Erziehung in der Schweiz immer noch sehr präsent: Fast 40 Prozent der Schweizer Kinder bis zu vier Jahren werden mit Schlägen auf den Hintern bestraft. Dies zeigt eine repräsentative Umfrage der Universität Fribourg. Bei den über 12-Jährigen sind es immer noch elf Prozent.

Eine weitere Umfrage des Instituts Isopublic von 2007 zeigt, dass bei den Schweizer Eltern noch wenig Akzeptanz für eine Erziehung ohne Gewalt vorherrscht: 68 Prozent der Eltern fanden einen Klaps oder eine Ohrfeige als Erziehungsmassnahme in Ordnung. Um dies zu ändern ruft die Stiftung Kinderschutz Schweiz am 30. April bereits zum zehnten Mal den «No Hitting Day» aus, der für das Tabuthema sensibilisieren will. «Über Gewalt – und deren mögliche Folgen – zu sprechen, ist in unserer Gesellschaft nach wie vor ein grosses Tabu. Viele Eltern und Erziehende sind sich bewusst, dass Gewalt in der Erziehung nicht in Ordnung ist. Wenn sie Gewalt anwenden, um damit Grenzen zu setzen, tun sie dies nicht in böser Absicht, sondern aus Überforderung und Hilflosigkeit in Stresssituationen – und vor allem, weil eine alternative Strategie fehlt», sagte Katrin Meier vom Kinderschutz Schweiz in einer Medienmitteilung.

Auf lange Sicht gesehen, schaden die Schläge Kindern in vielen Bereichen: Ihr Selbstbewusstsein leidet ebenso wie das Vertrauen zu den Eltern und die Entwicklung kann beeinträchtigt werden. Kinder, die geschlagen werden, haben ausserdem ein viel höheres Risiko später selbst gewalttätig zu werden. «Wichtig ist, dass ein Bewusstseinswandel stattfindet. Indem Eltern ihre Werte in der Erziehung hinterfragen, entsteht die Bereitschaft, nach gewaltlosen Alternativen zu suchen und diese in kritischen Situationen auch anzuwenden. Dazu braucht es aber Fachleute, die professionell beraten, sowie die Behörden von Gemeinden, Kanton und Bund, die diesen Wandel mit entsprechenden Beratungsangeboten und gesetzlichen Vorgaben unterstützen», meint Meier zum Ziel des Aktionstages.

Tricks der Promis, um gewaltfrei zu erziehen

Hilfreiche Tipps, um gewaltfrei zu erziehen sind laut der Stiftung Kinderschutz zum Beispiel, einfach bis zehn zu zählen bevor man handelt, um den Block zu gehen oder einen Elternkurs zu besuchen. Die Stiftung hat auch Schweizer Prominente zu ihren Tricks in Konfliktsituationen befragt: So lässt Hausmann und Autor Bänz Friedli seinen Ärger auf dem Balkon in ein paar Atemzügen verrauchen oder greift zu dieser Strategie: «Wenn meine Kinder nerven, versetze ich mich für Sekunden ins Kind in mir zurück. Dann nerven sie nicht mehr.» Eltern können hier durchaus kreativ werden, um die bisherigen Reaktionsmuster zu durchbrechen. Kolumnistin Sybil Schreiber, die Mutter zweier Mädchen ist, lässt ihre Wut lieber an Gegenständen als an ihren Kindern aus: «Kurz bevor mir der Kragen platzt, verziehe ich mich allein ins Wohnzimmer und boxe ins Kissen. Sehr gut ist auch der Biss in ein Handtuch – dabei knurre ich wie ein Hund.»

Stiftung fordert Gesetz für gewaltfreie Erziehung in der Schweiz

Gesetzlich ist in der Schweiz das Schlagen von allen Menschen verboten. Dennoch gibt es seit 2003 einen Ermessensspielraum, der Schläge in einem «gesellschaftlich üblichen und tolerierten Ausmass» zulässt. In den Augen der Stiftung sind Kinder damit rechtlich nicht gleichgestellt, obwohl die Schweiz als Mitglied der UN sich verpflichtet hat, Kinder vor jeglicher Gewalt zu schützen. Dass Gesetze helfen, die Erziehung gewaltfrei zu gestalten, zeigt zum Beispiel Schweden: Dort ist das Schlagen von Kindern seit 1979 gesetzlich verboten. Nur drei Prozent der schwedischen Eltern gaben im Jahr 2011 an, ihr Kind im letzten Jahr geschlagen zu haben. 1980 waren es noch 28 Prozent gewesen. Diese Entwicklung in Schweden und 33 anderen Ländern soll nun ein Vorbild für die Schweiz sein. Wichtig sei es Mütter und Väter nicht zu kriminalisieren, fordert Katrin Meier.: «Eltern, die ihre Kinder schlagen, brauchen keine Strafen, sondern pädagogische Unterstützung und familienfreundliche Rahmenbedingungen.»

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