Reform Grundstufe: Starke Kritik der Uni Zürich

2004 wurde in 27 Zürcher Gemeinden versuchsweise die Grundstufe eingeführt. Diese sieht eine Ablösung des Kindergartens vor, zugunsten einer altersübergreifenden Schulstufe, deren Ende das 2. Primarschuljahr einläutet. Eine Studie der Uni Zürich hinterfragt jetzt jedoch den Erfolg des allseits gelobten Modells.

Ist die Einführung der Grundstufe sinnvoll?

Wie sinnvoll wäre eine kantonsübergreifende Einführung der Grundstufe? Foto: © Christian Schwier - Fotolia.com

In der neuen Grundstufe werden die beiden Kindergartenjahre und das erste Jahr der Primarschule zusammengefasst, sodass 4- bis 8-Jährige gemeinsam am Schulalltag teilnehmen. Die Grundstufe soll die vergleichsweise weite Altersspanne nutzen, um Lernprozesse zu fördern und mit den altersbedingt verschiedenen Kompetenzen der Kinder zu arbeiten. Das Ziel sei, die Kinder so auf den Schulalltag vorzubereiten und zu effizientem Lernen anzuregen, dass der Stufenübertritt möglichst nahtlos und hürdenfrei erfolge, erklärt die Bildungsdirektion des Kanton Zürich in einer Info-Broschüre.

Seit 2010 feiert die unter Eltern beliebte Grundstufe erste politische Erfolge. Im Frühjahr 2010 kam beispielsweise die «Prima-Initiative» des Vereins Volksschule zustande, die eine flächendeckende Einführung der Grundstufe anstatt des Kindergartens verlangt. «Die Grundstufe entwickelt den Kindergarten weiter», begründet der Verein den pädagogischen Wert der Initiative. Wenige Monate später entschied der Regierungsrat, die Durchführung der Grundstufen-Versuchsphase um zwei Jahre, bis Sommer 2014, zu verlängern.

Das Institut für Bildungsevaluation der Universität Zürich veröffentlichte nun aber aktuell einen Schlussbericht, der die Grundstufe in Frage stellt, wie der Tages Anzeiger gestern berichtete. Ob die Einschulung im Kindergarten oder in der Grundstufe erfolge, sei irrelevant, so die Studie. Denn unabhängig vom Einschulungsmodell seien die Schüler nach dem 2. Schuljahr auf dem gleichen Bildungsstand. Studienleiter Urs Moser geht noch weiter und rät sogar von der Einführung der Grundstufe ab: «Die Kindergärten machen einen guten Job.» Zudem sei die Grundstufe eine Reform ohne Anschluss, da die Primarschule weiterhin mit Jahrgangsklassen und nicht mit altersdurchmischten Gruppen arbeite.

Während die Konservativen aufgrund des Befundes lautstark den Verzicht auf die Grundstufe verlangten, war die Studie für die Reformer ein Tiefschlag, so der Tages Anzeiger. Einer der Befürwörter, der sich empört bemerkbar machte, war Dieter Rüttimann, Dozent für Pädagogik und Direktor der Gesamtschule Unterstrass. Seit elf Jahren können Kinder die Grundstufe in der Unterstrasser Privatschule besuchen - und die Wartelisten werden trotz hohen Schulgebühren immer länger. Die Studie der Uni Zürich könne nicht massgebend sein, da sie gravierende wissenschaftliche Mängel aufweise, entzürnte sich Schuldirektor Rüttimann. «So, wie das gemacht wurde, ist das ein Witz.»

Besonders ärgerlich sei es, dass die Leistungen erst nach dem zweiten Schuljahr gemessen wurden. «Zum Zeitpunkt des Stufenübertrittes in die zweite Klasse stellen wir durchaus Unterschiede zwischen Kinder aus der Grundstufe und dem Kindergarten fest», erklärt Rüttimann.

Die «Prima-Initiative» wurde allerdings bereits im September 2011 vom Kantonsrat abgelehnt. Ein Gegenvorschlag wurde vom Regierungsrat ausgearbeitet. Dieser sieht vor, dass die Einführung der Grundstufe nicht obligatorisch, sondern Sache der Gemeinden werden solle. Schulleiter Rüttimann ist sich bewusst, dass die Grundstufe «politisch nicht mehrheitsfähig ist», sagt er im Gespräch mit dem Tages Anzeiger. Dennoch finde er, dass sich in den letzten Jahren kaum eine Reform, wenn auch nur versuchsweise, so stark im Schulalltag verankert habe wie die Grundstufe. Die Grundstufe wieder abzuschaffen hält er deshalb für falsch: «Wir können das Rad der Zeit nicht zurückdrehen.» Die Schweizer Bevölkerung wird voraussichtlich im Frühjahr 2013 über die Reform entscheiden.

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