Kinder schlagen Eltern: Schweizer Eltern sind überfordert

Es wirkt absurd, doch wählten im Jahr 2012 226 Schweizer Eltern den Notruf, weil sie von ihren Kindern attackiert wurden. In wenigen Fällen kam es sogar zu einer Anzeige gegen den eigenen Nachwuchs. Pädagogin Britta Went warnt deshalb vor einer familiären Gewaltspirale.

Kinder schlagen ihre Eltern

Eine verzweifelte Mutter: Im Jahr 2012 registrierte der Elternnotruf 226 Hilferufe von Eltern, die von ihren Kindern geschlagen wurden. Bild: iStockphoto, Thinkstock.

Der Elternnotruf, eine Beratungsstelle für Erziehungsfragen und Familienkonflikte, zählte letztes Jahr 226 Meldungen wegen Gewalt von Kindern gegen ihre Eltern. Dabei muss die Gewalt nicht immer so weit gehen wie bei einem kürzlich verurteilten 19-Jährigen aus Zürich: Ein Richter verhängte gestern 16 Monaten Haft. Der junge Mann hatte betrunken seine Mutter verprügelt und ihr mit dem Tod gedroht.

Oft wählten Eltern auch den Notruf, weil sie verbal oder körperlich attackiert wurden. Auch Erpressungsversuche zählten dazu, wie Christine von Salis, Co-Leiterin der Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt im Kanton Baselland, gestern gegenüber 20 Minuten Online erklärte. Allerdings kommen nur wenige Fälle zur Anzeige. «Die Dunkelziffer dürfte aber sehr hoch sein, da Eltern oft mit hohem Schamgefühl kämpfen», so von Salis. Eine Zunahme der Polizeieinsätze wegen häuslicher Gewalt von Kindern beobachtete aber keine der befragten Kantonspolizei-Dienststellen: In St. Gallen zählten die Beamten zwischen zehn und 20 Fälle pro Jahr und in Schaffhausen nur acht Fälle seit 2009. Die meisten Kantone registrieren die Fälle nicht gesondert.

Was können Eltern gegen aggressive Kinder tun?

Pädagogin Britta Went vom Elternnotruf rät nicht dazu sofort die Polizei zu holen, wohl aber zu Hilfe von Bekannten und Freunden: «Wenn Sie sich durch ihre Kinder bedroht fühlen oder sogar Angst haben, etwas einzufordern, sollten Sie mit dem Problem nach aussen gehen – beispielsweise mit dem Lehrer, Freunden oder vertrauensvollen Nachbarn reden. Sonst kann eine Gewaltspirale in Gang kommen.» Sie sieht die Gründe für Gewalt auch in fehlenden Grenzen innerhalb der Erziehung, die eigentlich die Eltern ihren Kindern setzen müssten: «Wenn sie dann plötzlich etwas von ihnen verlangen, kann die Situation eskalieren», meint Britta Went. Ausserdem zeigten Studien, dass Kinder, die geschlagen werden, später selbst zu Gewalt neigen. Trotzdem könne es in jeder Familie zu solchen Ausnahmesituationen kommen. «Dass Kinder nicht immer gehorchen, ist aber auch eine normale Entwicklung», meint Britta Went.

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