Jedes zehnte Schweizer Kind von Kinderarmut betroffen

Kinderarmut ist auch in der wohlhabenden Schweiz verbreitet. Dies zeigt der gestern vom Kinderhilfswerk Unicef in Zürich vorgestellte Vergleich zur Situation von Kindern in 29 Industrieländern. Zwar ist die Schweiz in punkto Wohnsituation Spitzenreiter, schneidet in den Bereichen relative Armut und Bildung aber schlecht ab.

Kinderarmut in der Schweiz

Fast zehn Prozent der Kinder sind in der Schweiz von Kinderarmut betroffen. Bild: Hemera, Thinkstock.

Insgesamt fünf Faktoren untersuchte das Unicef Research Center, um die Lage der Kinder in den 29 Nationen vergleichen zu können: Materiellen Wohlstand, Gesundheit und Sicherheit, Bildung, Verhalten und Risikobereitschaft sowie Wohnsituation und Umwelt. Laut dem Bericht ist die Situation für Kinder derzeit in den Niederlanden, Norwegen und Island sehr gut – diese Länder liegen in der Gesamtwertung vorn. Nach ihnen folgen andere skandinavische Länder, Deutschland und Luxemburg – die Schweiz erreichte Platz 8. Im Vergleich zum Vorjahr hat sie sich um drei Positionen verbessert.

Dennoch stellt Unicef der Schweiz in punkto Chancengleichheit ein schlechtes Zeugnis aus: Rund zehn Prozent der Schweizer Kinder sind von Kinderarmut betroffen. Dabei ist die relative und nicht die materielle Armut der entscheidende Faktor. So errechnete Unicef, dass eine Schweizer Familie, die unter der Armutsgrenze lebt, mit 20 Prozent weniger Mitteln auskommen muss, als eine Familie knapp über der Grenze. Diese Spanne ist in anderen Ländern geringer, obwohl sie wirtschaftlich schwächer sind als die Schweiz. Als Beispiel nennt der Bericht Ungarn. Durch politische Massnahmen, die hierzulande fehlen, kann die Armut effektiver aufgefangen werden.

Kinder geschiedener Eltern von Kinderarmut betroffen

Elsbeth Müller, Geschäftsleiterin von Unicef Schweiz, erläuterte den Zusammenhang zwischen Kinderarmut und Chancengleichheit: «Gerade mangelnde finanzielle Mittel beeinflussen das physische und psychische Entwicklungspotenzial, die Ausbildungsmöglichkeiten und die Sozialisation des Kindes. Armut kann ein Qualifikationsverlust bedeuten, womit das Potenzial des Kindes auch für sein Land verloren geht.» Wie sie in einem Interview im Radio SRF 4 weiter erläuterte, seien besonders Kinder von geschiedenen Eltern und von Eltern, die Schwierigkeiten haben, sich in der Gesellschaft zurechtzufinden von relativer Armut betroffen. Sie hätten später grosse Schwierigkeiten, ihren Status zu verbessern und sind öfter abhängig von Sozialhilfe. Denn: «Wer arm ist, bleibt arm», so Müller.

Bildung schlecht, aber Wohnumfeld gut

Die Studie zeigt auch, dass die Schweizer Kinder zwar sehr schlank sind -  denn nur neun Prozent der 11-, 13- und 15-Jährigen sind dick – dennoch bewegen sich die Schweizer Kinder viel zu wenig. Im unteren Drittel des Ländervergleichs liegt die Schweiz auch beim Thema Bildung. Unicef führt dies darauf zurück, dass hier mehr als 20 Prozent der Kinder im Alter zwischen vier und sieben Jahren keine Vorschule oder Frühförderung besuchen.

Einzig mit der Qualität des Wohn- und Lebensumfeldes kann die Schweiz glänzen: Hier ist sie auf dem ersten Rang. Ausschlaggebend waren der verfügbare Wohnraum und sein Zustand, die geringe Kriminalität und niedrige Luftverschmutzung.

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