Doku-Soaps: Kinder sind mit der Unterscheidung von Realität und Fiktion überfordert

Realitätsvorspiegelnde Fernsehprogramme wie die auf Krawall gebürstete Doku-Soap «Familien im Brennpunkt» auf RTL, flimmern längst auch in Schweizer Kinder- und Jugendzimmern über den Bildschirm. Jetzt zeigt eine Studie, fast 80 Prozent aller Kinder und Jugendlichen halten die fiktiven TV-Stories für wahr.

Kinder sollten nich ohne Erwachsene fernsehen.

Privatsender interessieren sich oft nur für die Quote. Um Doku-Soaps zu durchschauen müssen Kinder erst Medienkompetenz erwerben. Foto: © Miredi-Fotolia.com

Scripted Reality Formate sind nach wie vor die grössten Quotenbringer der Fernsehbeschallung am Nachmittag. Scripted Reality heisst in der Medienbranche, dokumentarisch inszenierte Eskalation nach Drehbuch. So zum Beispiel in der werktäglich um 16 Uhr ausgestrahlten Doku-Soap «Familien im Brennpunkt» auf RTL. In dem billig produzierten Quotenhit sollen Laienschauspieler angeblich alltägliche Familienkonflikte nachspielen. Jedoch sind die Episoden regelmässig dermassen überdreht, dass sie alles andere als die Wirklichkeit wiederspiegeln. Ist dies aber, aufgrund der bewusst im dokumentarischen Stil gefilmten Szenen, für Kinder und Jugendliche so einfach durchschaubar?

Eine aktuelle Studie des Internationalen Zentralinstituts für Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) in München hat sich dieser Frage nun mit erstaunlichen Resultaten angenommen. Unter den 861 befragten Kindern und Jugendlichen zwischen 6-18 Jahren, die sich die Sendung «Familie im Brennpunkt» angesehen hatten, wussten nur 22 Prozent, dass es sich hierbei um erfundene Geschichten handelt. Dagegen glaubten etwa 50 Prozent, dass echte Fälle nachgespielt würden. 30 Prozent interpretierten das Gesehene als tatsächlich stattgefundene und dokumentarisch aufgezeichnete Familienerlebnisse. Die vorgegaukelte Realität wirke dabei umso glaubhafter, je jünger und öfter die Sendung geschaut werde. Zudem offenbart die Studie, dass Kinder und Jugendliche mit geringer Schulbildung der falschen Realität wahrscheinlicher anheimfallen.

Laut dem Nachrichtenportal Spiegel Online zeigte sich selbst die Studienleiterin Maya Götz überrascht über das Ausmass der Realitätstäuschung. Um zu vermeiden, dass Kinder die bis ins Extrem gesteigerten Familienkonflikte für ein tatsächliches Abbild der Wirklichkeit hielten, seien deshalb Schulungen für Medienkompetenz dringend angeraten, sagt Götz. Sonst drohe der Nachwuchs mit einem verzerrten und menschenfeindlichen Bild aufzuwachsen. Laut den Forschungsergebnissen stimmten vier Fünftel der befragten Schüler der Aussage zu, «Seitdem ich Familien im Brennpunkt schaue, weiß ich, dass es viele Leute gibt, die so richtig dumm sind.» Nur etwa die Hälfte habe der Aussage widersprochen, dass sie durch Familien im Brennpunkt gelernt hätten, «dass es viele Leute gibt, die echt gemein sind». Und 51 Prozent schauen die Sendung, weil Sie hier auf Kosten von dummen Menschen lachen könnten.

Die RTL-Serie «Familien im Brennpunkt ist bei Kindern und Jugendlichen äusserst populär. Bereits jeder vierte Schüler bis zu 12 Jahren kennt die Sendung. Mit fortschreitendem Alter legt der Bekanntheitsgrad zudem stark zu. Der wirtschaftliche Vorteil der schnell und günstig produzierten Sendung für den deutschen TV-Marktführer RTL, ist vermutlich das Manko für den jungen Zuschauer. Maya Götz wies daraufhin, dass vor allem die Schnelllebigkeit der produzierten Tv-Inhalte einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Gezeigten erschwere. Zudem werde lediglich im Vor- und Abspann auf den vollkommen fiktiven Gehalt aufmerksam gemacht.

Der Sprecher von RTL entgegnete dem Vorwurf laut einer Anfrage des Spiegels mit den Worten, RTL sei kein Kinderprogramm, sondern ein Unterhaltungssender. «Eltern sollten ihren sechs- oder siebenjährigen Kindern erklären, was um sie herum passiert - das gilt vermutlich nicht nur für eine TV-Sendung bei RTL». Zudem verwies  RTL auf eine Forsa-Umfrage, welche zu anderen Zahlen gelangte. Zufolge Forsa hielten nur 18 Prozent aller Kinder und Jugendlichen ab 14 Jahren das Gesehene für echt. 60 Prozent kümmerten sich aber gar nicht um den Unterschied zwischen Realität und Fiktion.

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