Pro Juventute: 100 Jahre alt, aber Angst vor der Vergangenheit

Die Kinder- und Jugendstiftung Pro Juventute feiert 2012 ihren 100. Geburtstag. Das wäre eine gute Gelegenheit, die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten. Nach Recherchen des «Beobachters» vertuscht sie aber die Verfolgung jenischer Familien durch ihr «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse».

Pro Juventute will die Verfolgung der Jenischen vertuschen.

Den Jenischen Familien wurden die Kinder weggenommen. Jenische am Lauerzersee 1928. Foto: Wikipedia/Privatsammlung

1926 gründete Pro Juventute das «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» mit dem Ziel, Kinder fahrender Familien sesshaft zu machen. Dafür nahm das Hilfswerk den jenischen Familien, eine Bevölkerungsgruppe, die wegen ihres Ausschlusses aus der Gesellschaft ständig umherziehen musste, bis 1973 rund 600 Kinder weg. Die Kinder kamen zu Pflegeeltern, in Heime, Psychiatrien und Haftanstalten. Dort wurden sie teilweise sogar misshandelt.

Diesem dunklen Kapitel der Stiftungsgeschichte soll bei den Feiern zum 100. Geburtstag im nächsten Jahr aber nicht viel Platz eingeräumt werden. «Einen separaten «Tag der Jenischen» oder eine eigenständige Publikation zum «Hilfswerk» wird es 2012 also vermutlich nicht geben», schlussfolgert der «Beobachter» aus den Angaben der Stiftung in einem Beitrag von gestern. Direktor Stephan Oetiker stellte gegenüber der Zeitschrift lediglich in Aussicht, dass die Hilfswerk-Vergangenheit beim geplanten Tag der offenen Tür im Verkehrshaus Luzern am 25. August 2012 in irgendeiner Form ein Thema sein werde. Man müsse aber die Verhältnismässigkeit wahren. Man wolle auch andere, positive Beispiele aufzeigen.

Dabei hatte Pro Juventute bereits versucht, die eigene Vergangenheit korrekt aufzuarbeiten. Die Historikerin Sara Galle schrieb 2009 für die Stiftung mehrere Texte und fertigte auch eine Chronologie des «Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse» an. Die Artikel wurden anschliessend auf der Webseite der Stiftung veröffentlicht. Doch Anfang dieses Jahres verschwanden die Texte von der Internetseite, mit der Begründung, dass man die Stiftungschronik bei der Neugestaltung der Homepage aus Platzgründen habe straffen müssen, sagte Kommunikationsleiterin Marianne Affolter dem «Beobachter». Statt dessen sind nun nur drei Zahlen zum Thema aufgeführt.

Hans Caprez, der 1972 als Journalist die Machenschaften des «Hilfswerks» aufdeckte, sagt, das sei ein weiterer Versuch, das Unrecht im Zusammenhang mit der Jenischenverfolgung zu vertuschen. Selbst in ihrem Jubeljahr wolle Pro Juventute «die Verantwortung abschieben und die systematische Verfolgung der Jenischen verharmlosen», sagte Caprez gemäss der Zeitschrift.

Den ausführlichen Beitrag der Zeitschrift «Beobachter» lesen Sie hier: www.beobachter.ch

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