Natur fördert Entwicklung: Waldkinder sollen zahlreicher werden

Waldkinder sind gegenüber Stubenhockern im Vorteil: Sie entwickeln sich geistig besser und haben mehr Selbstvertrauen. Deshalb rät jetzt Kinderneurologe Markus Weissert Eltern dazu, die Spielkonsole öfter gegen das Spiel im Wald zu tauschen und Spielflächen kindgerecht und naturnah zu gestalten.

Waldkinder haben mehr Naturbezug und lernen besser

Im Wald lernen Kinder zusammenzuhalten und machen wichtige Sinneserfahrungen. Bild: iStockphoto, Thinkstock.

Schweizer Kinder verbringen nur noch 25 Prozent ihrer Zeit im Freien. War die Generation ihrer Eltern noch über die Hälfte ihrer Zeit draussen und die Grosseltern sogar 75 Prozent, so wird heute vor allem drinnen gespielt. Wie der pensionierte Kinderneurologe Markus Weissert dem St. Galler Tagblatt kürzlich im Interview darlegte, würden Kinder nicht nur aufgrund der digitalen Spielmöglichkeiten viel Zeit im Haus verbringen, viele Eltern seien auch schlechte Vorbilder und sähen in der Natur nur eine Gefahrenquelle.

Dabei böten Erlebnisse in der freien Natur viele Vorteile, weiss der Kinderneurologe: «Staub und Erde machen die Kinder resistenter gegen Allergien. Kinder werden wetterresistenter und sind weniger krank. Eine beinahe neurotisch ängstliche Art der Eltern ist da nicht dienlich. Viele Kinder müssen keinen Schulweg mehr bewältigen. Sie fahren mit dem Bus oder werden von den Eltern hingefahren. Wir hatten auf dem Schulweg noch viele Erlebnisse.»

Denn gerade diese Sinneserfahrungen im Kindesalter seien wichtig, um Motivation, Lernbereitschaft und Kreativität zu fördern. Für die Vernetzung des Nervensystems, das sich im Kindesalter ausbildet, sind Naturerlebnisse mit ihrer sensorischen Qualität ideal, glaubt Markus Weissert. Kinder können hier durch Experimentieren und Fühlen Eindrücke sammeln, die es im Haus nicht gibt.

Waldkinder haben mehr Bewegung und lernen besser

Zudem fehle es der Indoor Generation an Bewegung: «Studien zeigen, dass die Bewegungsaktivität in Abhängigkeit zur Distanz zu den Spielplätzen steht. Leben die Kinder mehr als einen Kilometer von einem Spielplatz entfernt, haben sie ein höheres Körpergewicht, als wenn sie weniger als 300 Meter entfernt wohnen», so Markus Weissert. Ausserdem seien Kinder, die sich genug bewegen nachweislich besser in Mathematik und Sprachen.

Deshalb befürwortet Markus Weissert Waldkindergärten: «In Deutschland gibt es heute 700 Waldkindergärten und viele Studien dazu. Diese zeigen, dass die Waldkinder nicht nur die Schulziele erreichen, sondern sogar weiter sind als die Kinder aus Regelklassen. Deren Sozialkompetenz ist höher, sie haben ein besseres Selbstwertgefühl, was Kindern heute oft fehlt. Waldkinder haben Erfolgserlebnisse und sind keine Einzelkämpfer, weil sie einander helfen müssen.» Doch auch ein Waldtag, ein Schulgarten oder ein Spielplatz könnten helfen. Hier kritisiert der Kinderneurologe allerdings die oft viel zu monotone Gestaltung aus Beton. Viel besseren seien anregende Plätze mit Wasserläufen, Tunnels und Nieschen.

Auch Kantone wollen mehr Naturbezug für Kinder

Die kantonalen Bildungsdirektionen wollen ebenfalls den Naturbezug von Kindern fördern. Wie Urs Meier, Abteilungsleiter der Bildungsdirektion des Kantons Zürich gegenüber 20 Minuten Online kürzlich sagte, soll ein Teil des Unterrichts im Freien stattfinden: «Aussenräume wie Wald und Wiese sind ein idealer Ort für Bewegung und für soziale Beziehungen. Deshalb ist es angebracht, den Kindern derartige Umgebungen anzubieten, Waldtage und Naturexkursionen zu veranstalten.»

Johannes Kipfer von der Abteilung Volksschule des Kantons Bern meinte im gleichen Zusammenhang: «Der Kanton unterstützt ausserschulische Lernorte und setzt sich dafür ein, dass die Kinder die Natur nicht nur aus Lehrmitteln kennenlernen.» Weiter würden viele Schulen gemeinsam mit den Kindern die Spielplätze in den Schulhäusern und Kindergärten möglichst attraktiv gestalten. Die Rückmeldungen der Eltern und Kinder seien dabei meist positiv.

Übersicht aller Waldkindergärten in der Schweiz mehr

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