Wieviel Sex-Literatur verträgt die Mittelschule?

Vor wenigen Wochen sorgte der Fall eines Gymnasiallehrers, der seinen 14-15-jährigen Schülerinnen und Schülern teilweise nicht jugendfreie Weltliteratur vorlegte, für grossen Aufruhr. Jetzt äussern sich Politiker und Schüler zum Thema «Sex-Literatur in der Schule».


Sexuelle Szenarien in der Pflichtlektüre an einer Mittelschule - ja oder nein?

Wie viel Sex verträgt der Deutschunterricht? Mit dieser Frage beschäftigte sich die Medien- und Politikwelt in den vergangenen Wochen oft. Auslöser hierfür war ein 48-jähriger Gymnasiallehrer des Zürcher Literargymnasiums Rämibühl, der mit seinen Schülern Werke, die Pubertät und Sexualität thematisierten, las. Wegen der Lektüren «Frühlingserwachen» von Frank Wedekind und «Warum das Kind in der Polenta kocht» von Aglaja Veteranyi landete der Lehrer nach der Klage einer besorgten Mutter vor Gericht, wie der Tages Anzeiger vergangene Woche berichtete.

Bald wurde der Lehrer als «Pädophiler» angeprangert, Gerüchte von Lektionen, während denen die Schüler sich zu musikalischen Entspannungsklängen massieren durften, kamen auf. Spätestens als man bei der Durchsuchung der Wohnung und der PC-Festplatte des Lehrbeauftragten auf Aktbilder Minderjähriger stiess, war ein Sündenbock für die «übersexualisierte Jugend» von heute geschaffen.

Das Gericht sprach den Lehrer allerdings frei. Die genannten Gerüchte über seine Schulstunden wurden widerlegt, die Literaturproblematik blieb allerdings offen. Für die Nacktbilder auf seinem Computer sei er «minimal bestraft» worden, wie die Wochenzeitung «Der Sonntag» schrieb. Am Freitag letzter Woche schrieben seine Schüler einen Leserbrief an den Tages Anzeiger und fragten: «Warum hat uns niemand gefragt?»

Die jungen Zürcher Gymnasiasten beteuerten im offenen Brief, dass ihr Deutschunterricht beim angeklagten Lehrer nichts mit Pornographie zu tun gehabt habe. «Es handelte sich dabei vielmehr um konsequente, intellektuelle Arbeit», so vier seiner Schüler. Die gelesenen Werke seien immer kritisch analysiert und diskutiert worden. Das Handeln der Staatsanwältin bezüglich ihres Deutschlehrers hielten sie für «Missachtung der Sorgfaltspflicht».

Laut vieler Politiker von links und rechts, die sich zum Thema geäussert haben, verharmlosen die Schüler die heikle Thematik deutlich. Vergangene Woche ging beim Kantonsrat eine Anklageschrift zum Thema ein. Stefan Dollenmann der evangelischen Partei EDU, die sich tatkräftig gegen den Sexualunterricht in Volksschulen einsetzt, reichte sie ein, Mitglieder der FDP, SP und SVP unterzeichneten sie.

«Ich hätte auch keine Freude gehabt, wenn solche Bücher für meine Söhne Pflichtlektüre gewesen wären», sagt FDP-Frau und Limmattaler Schulkommissionsmitglied Brigitta Johner und verurteilt die Thematisierung von Sex im Literaturunterricht, wie der Tages Anzeiger berichtete.

Über die Reaktionen der Politiker ist der Rektor des LG Rämibühls, Christoph Baumberger, erzürnt. Das Gymnasium sei ein guter Rahmen, um solch heikle Themen anzusprechen, behauptete er vergangene Woche, als er vor den versammelten Mittelschulrektoren des Kantons sprach. «Die Sensibilität der Schüler darf nicht angegriffen werden. Hätte sich die Mutter zuerst an die Schule und nicht an die Staatsanwaltschaft gewendet, hätten wir den Fall von Beginn an mit höchster Sorgfalt behandelt», so Rektor Baumberger. Er präzisiert aber, dass im Lehrplan des angeklagten Deutschlehrers keine pornografischen Bücher anzufinden waren, sondern bedeutende Werke der Weltliteratur. Die Freiheit bei der Lektürewahl sei für Sprachlehrer sehr wichtig – und es solle dabei bleiben. 

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