Sexuelle Übergriffe werden oft unter gleichaltrigen Jugendlichen verübt

Sexueller Missbrauch ist für viele Schweizer Kinder und Jugendlich bittere Realität. 15 Prozent der Jugendlichen haben bereits  Übergriffe dieser Art erlebt. Die Optimus Studie dürfte derzeit das wohl beste Bild über die Verbreitung und Formen sexueller Nötigung von Minderjährigen in der Schweiz aufzeigen.

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Sexuelle Übergriffe werden oft durch Gleichaltrige verübt. Foto:© Kitty - Fotolia.com

6700 Jugendliche wurden für die soeben veröffentlichte Optimus Studie befragt und das Ergebnis ist erschreckend. 22 Prozent der Mädchen und acht Prozent der Jungen geben an, schon mindestens einmal Opfer eines Übergriffs geworden zu sein, bei dem es zu sexuellem Kontakt kam. Die Dunkelziffer ist jedoch hoch. Nur drei bis fünf Prozent suchen sich professionelle Hilfe oder melden den Missbrauch. Die Täter sind oft gleichaltrige Kinder oder Jugendliche, meist männlich, im Bekanntenkreis zu finden oder stehen in einer intimen Beziehung mit dem Opfer.

Sexuelle Belästigung durch den Freund?

«Am meisten erstaunt hat uns bei der Auswertung der Schülerbefragung, dass bei den jugendlichen Opfern in den meisten Fällen Gleichaltrige die Täter sind – meist der Liebhaber, ein Kollege oder ein Date», so Manuel Eisner, Professor der Universität Cambridge und Mitverfasser des wissenschaftlichen Schlussberichts.

Die Optimus Studie zeigt somit ein klareres Bild als es bisher vorherrschend war: Jugendliche und Kinder erleben sexuelle Übergriffe häufiger durch Gleichaltrige als durch Familienmitglieder, wie bis jetzt irrtümlicherweise angenommen wurde.

Sexuelle Belästigungen und Übergriffe durch Täter über die elektronischen Medien, wie dem Computer oder dem Natel fallen dabei immer mehr ins Gewicht. Jedes dritte Mädchen und fast jeder zehnte Knabe gibt an, Opfererfahrungen auf diesem Wege gemacht zu haben.

Mädchen werden öfter zu Opfern

Aus der Studie geht deutlich hervor, dass Mädchen viel öfter Opfer sexueller Ausbeutung werden, als männliche Kollegen. Von sexuellen Missbräuchen mit Körperkontakt sind es 217 Opfer pro 1000 Mädchen. Bei den Knaben sind es 81 von 1000. Von Missbräuchen ohne Körperkontakt sind 40 Prozent Mädchen und 20 Prozent Knaben betroffen. Etwa zwei Drittel der Opfer sexueller Übergriffe machten die Erfahrung wiederholt.

Wenn Opfer zu Tätern werden

«Sexuelle Gewalt entsteht nicht aus dem Nichts, sondern steht in einem allgemein von Gewalt und Vernachlässigung geprägten Kontext», so Manuel Eisner. Die Studie zeigt, dass jugendliche Täter oft als Kinder misshandelt wurden. Sieben Prozent der Knaben und ein Prozent der Mädchen gaben an, selbst auch schon sexuelle Übergriffe an anderen begangen zu haben. Kinder, die aus einem gewaltgeprägten Elternhaus stammen, oft wenige Freunde hatten oder sozial isoliert waren, sind im Jugendalter einem grösseren Risiko ausgesetzt zu Tätern zu werden.

Prävention durch Erkenntnisse aus der Studie

Schon während dieser ersten Befragung hat sich deutlich gezeigt, dass Beratungs- und Unterstützungsangebote nach einem sexuellen Missbrauch in den seltensten Fällen in Anspruch genommen werden. Viele Opfer suchen sich keine professionelle Hilfe. Wenn sie überhaupt über den Vorfall sprechen wollen, dann wenden sie sich in der Regel an Freunde oder Familienangehörige. Lediglich vier Prozent der Opfer suchen beispielsweise einen Arzt oder Psychologen auf, fünf Prozent kontaktieren die Polizei.

Altersgerechte Präventions- und Hilfsangebote für Jugendliche, die unter sexueller Ausbeutung durch Gleichaltrige leiden oder durch solche bedroht sind, sind dringend nötig. Eine weitere Erkenntnis, die aus der Studie hervorgeht und für die Prävention von grosser Wichtigkeit ist, ist die Tatsache, dass Jugendliche, die oft ausgehen, viel Alkohol oder Drogen konsumieren und im Internet surfen sich einem grösseren Risiko des sexuellen Missbrauchs aussetzten.

Gesicherte Studiendaten für einen besseren Schutz in der Zukunft

Die Datenqualität sei gut und die Ergebnisse sollen nun allen interessierten Stellen und Organisationen zur Verfügung stehen, damit das Thema so schnell wie möglich transparenter wird, erklärt Pasqualina Perrig-Chiello, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Bern und Mitglied des wissenschaftlichen Beratungsausschusses der Optimus Studie.

Angaben zur Optimus Studie

In den Jahren 2009/10 wurden rund 6700 Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen 15 und 17 Jahren mittels Fragebogen über ihre Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch befragt. Des Weiteren wurde nach dem Täterprofil, dem Tathergang, möglichen weiteren Folgen und nach ihrer persönlichen Lebenssituation gefragt. Parallel dazu gaben 324 Institutionen aus dem Bereich Kinder- und Jugendschutz Auskunft über die ihnen gemeldeten Fälle.

Die Optimus Studie wurde von der UBS Optimus Foundation lanciert und finanziert. Die Studie ist ein internationales wissenschaftliches Grossprojekt, das auf zehn Jahre ausgelegt ist.

 

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